Buchbesprechung: Säkularismus erkennen und überwinden

Nancy Pearcey. Saving Leonardo. B & H Books: Nashville, 2010. 341 Seiten. 16 Euro (Kindle-Version).

Warum dieses Buch?

Das Ziel dieses Buches besteht darin, Ideen des Säkularismus erkennen und ihnen widerstehen (2). Der Untertitel lautet: „A Call to Resist the Secular Assault on Mind, Morals, and Meaning”. Wir müssen, so der Imperativ Pearceys, lernen, die dominanten Ideologien unserer Tage zu adressieren, zu kritisieren, zu adaptieren und zu überwinden (14). Die Ausgangslage innerhalb der christlichen Gemeinden sieht nicht eben rosig aus. Pearcey erwähnt einen Besuch in einer brasilianischen Freikirche, in der man während der Lobpreiszeit ein süsses Liebeslied sang. Wer den Kontext Kirche nicht beachtete, hätte ebenso gut auf die Idee kommen können, es gehe um ein (zwischenmenschliches) Liebeslied. Eine solche Wucht der emotionalen Erfahrung rüstet insbesondere Jugendliche nicht dazu aus, dem Sog der Ideen, die sie überfluten, zu erkennen und sich ihnen zu stellen (16). Die Kirche wird dadurch zum flüchtigen Rückzugsort von der realen Welt, die durch Sünde, Konflikt und Entfremdung geprägt ist (272).

Als ein Regisseur sein Drehbuch verlor

Doch zurück zum Anfang des Buches. Pearcey erzählt von einem regionalen Filmemacher in den USA, dessen Drehbuch eines Tages vom nationalen Sender CBS aufgekauft wurde. Als er sich die erste Folge der nationalen Serie selber anschaute, traute er seinen Augen nicht. Seine Geschichte war nicht wieder zu erkennen. Sie war nämlich der „political correctness“ zum Opfer gefallen. Ehe? Eine Falle für Frauen. Familie? Eine überholte und unterdrückend soziale Institution. Kinder? Eine Barriere für die Karriereambitionen der Frau. Eine Farm mit Kühen? Eine Bedrohung für die Umwelt. Diese Elemente waren allesamt aus dem Drehbuch entfernt worden (8). Der ernüchterte christliche Künstler musste sich eingestehen, dass er den Deal völlig naiv eingegangen war. Warum dominiert das Dogma der „political correctness“? Weil es sonst keinen übergeordneten Rahmen für die gesamte Welt gibt (41). Gedanken haben Konsequenzen; Weltanschauungen formen Charakter. Sie schaffen gar einen neuen Persönlichkeitstypen (214).

Die Frage nach der Wahrheit

Die Schaltstelle, um den Säkularismus zu verstehen, ist das Wahrheitsverständnis. „Der Schüssel, um den modernen Säkularismus zu verstehen, ist dessen Sicht von Wahrheit.“ (23) Dessen relativistische Wahrheitssicht bezieht sich nicht auf den Alltag, sondern auf die Gebiete der Religion und Ethik. Selbst Gemeindeglieder sind nicht davon verschont geblieben. „Ich arbeitete unter der Annahme, dass das, was ich in der Schule lernte, wissenschaftliche und wirkliche Wahrheit war. Die Kirche fasste ich als eine Art Unterstützungsgruppe auf, die mir mit netten Geschichten half, mit der Realität zurecht zu kommen.“ (29) Der ethische Relativismus hat tiefe Spuren hinterlassen. Zusätzliche Schwierigkeiten bereitet die Kommunikation mit Nicht-Christen: Wenn Christen über lebensspendende, objektive Wahrheiten der realen Welt sprechen wollen, werden ihre Aussagen auf der Gegenseite als persönliche Vorlieben gewertet (32).

Die untere und die obere Welt

Das zentrale, in gut 20 Variationen dargebotene Modell für diese Realität lautet wie folgt: Es gibt zwei Welten. Erstens die wissenschaftliche, faktenbasierte, untere Welt; zweitens eine davon abgespaltene Welt der Werte (34). In dieser „oberen Welt“, in der auch die Religion angesiedelt ist, spielt es keine Rolle, was geglaubt wird – solange es die emotionalen Bedürfnisse befriedigt (36). Die obere Welt ist befreit von Fakten und der objektiven Realität, die untere von Werten. Damit musste sich die Wissenschaft auch nicht länger mit den moralischen Auswirkungen beschäftigen. Sie durfte ihren eigenen Ambitionen nach akademischem Prestige, Macht und materiellem Gewinn nachgehen (37). Es würde zu weit führen, hier die gesamte geistesgeschichtliche Entwicklung aufzurollen. Pearcey erwähnt meines Erachtens zu Recht Immanuel Kant, dessen Weltanschauung eine Wasserscheide darstellte. Er kam zum Schluss, dass Menschen zwei Welten angehörten. Auf der einen Seite gehören sie der Natur an, einem deterministischen, mechanischen System, das durch die Wissenschaft erforscht wird. Auf der anderen Seite handelten Menschen als freie Wesen und trafen moralische Entscheidungen (93). Diese Zweiteilung kam zum Beispiel in der Dichtung zum Ausdruck: Prosa wurde zum Vehikel von Fakten und aufgeklärtem Gedankengut; Poesie wurde zum Träger von Fiktionen und Gefühlen (98).

Die These: Zwei getrennte Ströme

Nachdem die Autorin exemplarisch die Ausgangslage skizziert und ein zentrales Erklärungsmodell vorgelegt hat, schiebt sie eine These nach: Anhand der Entwicklungen in der Malerei, der Literatur und der Architektur zeigt sie die geistesgeschichtliche Entwicklung in Form zweier voneinander getrennten Strömungen auf: Der eine Strom orientiert sich an der unteren Welt der wissenschaftlichen Weltsicht, der zweite an der oberen Welt der inneren Erleuchtung. Der romantische Subjektivismus durchdringt den privaten Bereich der persönlichen Beziehungen, Freizeit und Unterhaltung; der aufklärerische Utilitarismus dominiert den öffentlichen Bereich Wirtschaft, Universität, Medizin und Politik (246). So erklärt sich der Graben zwischen technologischem Optimismus und literarischem Pessimismus. Obwohl die Philosophiegeschichte die beiden Richtungen als Rivalen behandelt (Empirismus vs. Rationalismus) und in der Tat die Ausdrucksformen unterschiedlicher nicht sein könnten, muss festgehalten werden: Beide sind miteinander verwandt. Es sind Versuche, menschliches Erkennen vom sicheren Fundament der göttlichen Offenbarung abzukoppeln (138).

Ein Gang durch die Kunstgeschichte

Der Gang durch die verschiedenen Kunstepochen ist ungemein erhellend. Die vielen Bilder, Buchdeckel und Gebäude zogen sogar meine Söhne an. Sie fragten nach, welches Buch ich am Lesen sei. „Künstler sind Barometer der Gesellschaft, sensibel für neue Ideen“. Sie nehmen die kulturelle Atmosphäre zeitnah in sich auf (75). Damit interagieren sie auf einer tieferen Ebene mit den tagesaktuellen Gedanken und übersetzen Weltanschauungen in Geschichten und Bilder (76). Sie können gar nicht anders, als ihr Material zu ordnen und zu arrangieren und damit eine Interpretation und Perspektive anzubieten (90). Kurz zusammengefasst kann die Entwicklung so zusammenfassen: Die moderne Kunst wurde vom Wahrheitskonzept losgelöst (91).

Gehen wir dem ersten Strom nach. Diese Künstler entschlossen sich, durch Orientierung an der Wissenschaft den kognitiven Status und das Renommee der Kunst zurück zu erobern (105). Unter dem Einfluss des Empirismus begannen beispielsweise Maler darauf zu bestehen, dass sie nur darstellten, was das Auge sehen konnte (108). In der Musik wirkte sich das so aus, dass nur noch metrische Elemente zählten. Musik wurde „total organisiert“ (136). Was fehlte durch diesen Reduktionismus? Die mechanische Weltsicht beraubte den Menschen seiner Sinneswahrnehmung, der Welt, in der „gelebt und geliebt“ wird (177). Die Natur wurde nicht mehr als Schatzkammer von Zeichen und Symbolen mit moralischer und geistlicher Bedeutung aufgefasst (179).

Die “Kunst der oberen Welt” beschäftigte sich mit der Welt, wie sie durch das innere Bild des Menschen aufgefasst wurde. Das innere Licht des Menschen reflektiert demnach die äussere Welt (191). Die Dinge, welche dem Menschen Bedeutung zumessen, wurden dadurch ins Innere des Menschen verschoben und zur subjektiven, privaten, nicht-rationalen Erfahrung degradiert, die letztlich unerkennbar bleiben musste (207). Diese Bewegung muss man als Flucht verstehen, um die „obere Geschichte“ gegen den intellektuellen Imperialismus der unteren Welt zu schützen, sprich dem wissenschaftlichen und positivistischen Reduktionsimus (227).

Noch ein Wort zur Kunst in der Postmoderne. Hier wurde die Zweiteilung des Lebens und der Welt konsequent zu Ende gedacht. Der Künstler kann nicht länger originelle Einsichten bereithalten, weil es keine solchen originellen Einsichten mehr gibt (234). Er zitiert gewissermassen nur noch die eigene Kultur und geschichtliche Periode (236). Wie kam es zu dieser radikalen Folgerung? Pearcey bringt dies mit den erschütternden Vorkommnissen des 20. Jahrhunderts (Weltkriege, Genozide) in Zusammenhang. Der Kurzschluss dieser Denker bestand wohl darin, die Irrwege der absoluten Macht durch die Preisgabe der absoluten Wahrheit herauszufordern (238). Mit der Abschaffung der übergeordneten Erzählungen fehlt damit in der Kunst ein kohärentes, übergeordnetes Design (238).

Wie sollen Christen reagieren?

Die biblische Wahrheit ist so reichhaltig und mehrdimensional, dass es das Wahre in jeder Weltanschauung bestätigen, das Falsche kritisieren und – das ist das Beste – die Limitierungen überwinden kann (102). Das fand ich ungemein ermutigend beim Betrachten christlicher Künstler: In jeder Epoche bzw. Schule waren sie in der Lage, aktuelle Impulse aufzunehmen und die Reduktionismen zu überwinden. So nahmen sie beispielsweise präzises Nachdenken und logischen Rigorismus der „unteren Welt“ auf (170), ohne darin verhaftet zu bleiben. Christliche Künstler brauchen so viele stilistische Elemente ihrer säkularen Kollegen, um es in die „reicheren, volleren Weinschläuche der biblischen Weltanschauung“ zu giessen (208).

Daraus leitet sich auch der Auftrag an die Gemeinde ab: Sie sollte zum Trainingsgelände werden, in denen einzelne Menschen mit einer biblischen Weltsicht ausgerüstet werden. Mit dieser Perspektive ausgestattet, gehen sie an ihre Wohn- und Arbeitsplätze, um auf der Basis der biblischen Wahrheit kreativ zu handeln (44). Ein gutes Beispiel ist das Schlusskapitel, das dem Thema Filme gewidmet ist. Jeder Film kommuniziert durch die Hauptdarsteller eine wichtige Botschaft. Ob sich dies die Filmemacher bewusst sind oder nicht, spielt keine Rolle. Wir sollten uns darin üben, solche Hauptbotschaften zu erkennen und sie einer biblischen Weltsicht gegenüber zu stellen (253). Besonders betroffen war ich über das Beispiel von „The Cider House Rules“, wo das Thema der Abtreibung in einen neuen ethischen Kontext gestellt wird. Was für eine Tragik, wenn Christen einen solchen Film einfach anschauen, ohne die dahinter liegende Botschaft zu verstehen! Noch schlimmer: Wenn sie beginnen, auf andere Christen zu zeigen, die sich öffentlich für dieses Thema einsetzen. Christen sind in ihrer eigenen säkularisierten Kultur je länger je mehr Missionare: Sie müssen lernen sorgfältig zu entscheiden, welche Aspekte der sie umgebenden Kultur verwandelt (redeemed) und welche verworfen werden müssen (269).

Letztlich kann den Christen nur eine grosse Zuversicht und Gelassenheit erfassen. Der zweifache Test jeder Weltsicht lautet nämlich (152): 1. Ist sie in sich konsistent? 2. Passt sie in die reale Welt? So können wir empirische Hinweise aufnehmen und mit tiefen geistlichen Wahrheiten verknüpfen (212). So entstehen wertvolle Anknüpfungspunkte mit Nichtchristen. Als ermutigendes Beispiel halte ich mir die angelsächsische analytische Philosophie vor Augen. Vor 35 Jahren war sie von Agnostikern und Atheisten besetzt. Heute gehören über 1200 Philosophen dem US-amerikanischen Verband der christlichen Philosophen an. Der Säkularismus hat nicht das letzte Wort. Dies gehört einem anderen, nämlich dem persönlich-unendlichen Gott. Damit sind wir bei einem anderen Titel von Pearcey: Es gibt nur eine Wahrheit für das ganze Leben.

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