Brief an einen frisch gebackenen Vater: Wie werden Jungen zu Männern?

Jonas Erne, frischgebackener Vater, stellt sich eine wichtige Frage

Ich habe in letzter Zeit mehrere Männer gefragt, wann sie vom Jungen zum Mann geworden sind, und meist sehr unbefriedigende Antworten bekommen. Vermutlich wissen es tatsächlich die meisten von uns nicht. Weißt Du es? Wie ist es bei Dir geschehen? Ich freue mich auf Deine Gedanken dazu.

Hier sind einige Überlegungen.

Lieber Jonas

Dein Sohn kann sich glücklich schätzen, dass Gott ihm einen solchen Vater zugewiesen hat! Gleichermassen ist es aussergewöhnlich, dass du schon in den ersten Wochen über den Moment hinausdenkst und die lange Frist ins Blickfeld nimmst. Ich kann mich gut erinnern, wie ich vor 12 Jahren ganz ähnliche Fragen wälzte. Die Fragen haben sich inzwischen nicht aufgelöst, sondern sind im Gegenteil noch zahlreicher geworden.

Ich meine zunächst, dass in den drei von dir genannten Aspekten eineTeilantwort steckt.

  1. Dass du bei der Christusähnlichkeit beginnst, kann ich nur doppelt unterstreichen. In dem Mass, wie ich Christus ähnlicher werde, wird für unsere Söhne Mannsein real. Einen Punkt stelle ich besonders heraus: Vertieftes Sündenbewusstsein. Im Lauf der Jahre kommen bei mir immer mehr Schattenseiten meines Charakters zum Vorschein. Es heisst zu ihnen zu stehen, sie zu benennen und Sünden zu bekennen. Zum Teil sind es generationsübergreifende Muster, die erst über die Jahre ins Blickfeld kommen. Könnte es sein, dass gerade hier sich Männlichkeit zeigt: Bewusstsein der eigenen Sündhaftigkeit?
  2. Ebenfalls unterstreiche ich die Notwendigkeit, andere Männervorbilder zu suchen. Ich halte ständig Ausschau und trete wo immer möglich mit ihnen in Kontakt. Dazu gehört die Gewohnheit, unterwegs Männer zu interviewen, die ihren Beruf mit Leidenschaft tun. Das mögen Bauern, Müllmänner, Klempner, Polizisten, Zugfahrer, Ingenieure, Pastoren oder Lehrer sein. Männer, die ihren Beruf mit Freude ausüben, sind für meine Jungs anziehend. Sie widerspiegeln also Männlichkeit.
  3. Der Übergangsritus ist ebenfalls Teil meiner Überlegungen. Ich peile einen grossen Übergang mit 13 Jahren an. Dann beginnt ein Junge, ins Erwachsenenalter einzutreten. Doch es gibt viele kleine Übergänge. Ich kann mich gut erinnern, wie mein Ältester mit acht Monaten immer zu den CD’s robbte, was ich untersagt hatte. Er blickte zurück, um dann möglichst schnell dorthin zu gelangen. Ich nahm ihn zu mir und hielt ihn fest. Dadurch gab ich ihm zu verstehen, dass ich in diesem Punkt fest bleibe. Weitere Übergänge sind das Trockenwerden oder später das Lesen (ich kaufe jedem Sohn seine erste eigene Bibel). Zudem bietet auch der Jahresablauf mit wiederkehrenden Ereignissen natürliche Aufhänger um Fortschritt festzustellen und sich darüber zu freuen.

Ich füge drei weitere Aspekte hinzu, die es aus gesellschaftlicher Sicht erschweren, dass Buben zu Männern werden.

  1. Ich betrachte die Kindheit als eine schöne, besondere Phase des menschlichen Lebens. Ich habe jedoch Mühe damit, das Kindsein zu vergöttern. Damit einher geht eine Unterforderung der Kinder. Man klatscht überall Beifall, auch dann, wenn es nichts zu klatschen gibt. Klar kann man Kinder überfordern. Man kann sie durch Überbehütung ebenso entmündigen. Wie oft war ich erstaunt, dass mein Bub gewisse Dinge schon verstand oder auch bewerkstelligen konnte, von denen ich dachte, es sei noch zu früh! Trauen wir unseren Söhnen etwas zu?
  2. Einige Väter betonen die Körperlichkeit der Söhne. Das ist sehr wichtig. Sich zu bewegen und Unangenehmes ertragen zu lernen gehört zur Männlichkeit. (Das kann gerade im leibfeindlichen Zeitalter der sozialen Medien nicht genug betont werden.) Genauso gehört jedoch auch die geistige bzw. geistliche Fitness dazu. Hier wird das Eis oft dünn. Wie kann ich meinen Sohn auch auf dieser Ebene stärken?
  3. Soziologen haben wiederholt auf das Phänomen der verzögerten Adoleszenz aufmerksam gemacht. Kinderpsychiater wie z. B. Wolfgang Bergmann führen das wesentlich auf die Überbehütung durch die Mutter zurück. In der Kleinfamilie nimmt die Mutter den Söhnen im Alltag zu vieles ab, was ihnen später an der Lebenstüchtigkeit abgeht. Es empfiehlt sich, dass Buben möglichst schnell für sich selbst und für einen Teil des Haushaltes die Verantwortung übernehmen müssen. Einige Beispiele: Das eigene Zimmer in Ordnung zu halten, ist Selbstsorge; regelmässig das Badezimmer zu reinigen, ist Sorge für die Familie. Für einen Besuch den Tisch zu decken ist das eine, doch in die Gastgeberrolle zu wachsen, etwas anderes. Ein Buch zu lesen ist Basisfertigkeit; ein Theaterstück zu schreiben und mit anderen einzustudieren, verlangt ganz andere Fähigkeiten ab. Ein Fahrrad mit einer Preislimite selbst zu suchen ist das eine, es zu unterhalten eine Erweiterung dieser Fähigkeit.

Du fragst, wie ich selber zum Mann geworden bin. Also:

  1. Ich habe früh eine Leidenschaft fürs Lesen der Bibel entwickelt. Dazu baute ich schon als Kind eine kleine Bibliothek auf. Ich begann, Notizen anzufertigen. Später übernahm ich Aufgaben in Sonntagschule und Männerbibelkreis. Ich konnte also eigenständig ein Gebiet aufbauen.
  2. Der wichtigste Anstoss zum Mannwerden war die Heirat und die Geburt meiner fünf Söhne. Ich kann es nicht genug betonen: Männer, schiebt es nicht hinaus, Verantwortung für Frau und Kind zu übernehmen. Diese Aufgabe mag weniger risikoreich und prestigeträchtig erscheinen, als sich in Freeletics zu betätigen oder sich einen Ruf als Globetrotter aufzubauen, es ist jedoch befriedigender!
  3. (Dies ist eine absichtliche Wiederholung.) Ich pflege Männerfreundschaften, wobei mir der geistliche Aspekt sehr wichtig ist. Ich habe von mir aus Kontakt zu Männern aufgenommen, die mich beeindruckt haben. Auf diese Weise habe ich sehr viel gelernt.

Ich freue mich, mit dir in Kontakt zu bleiben und mit dir über die Sorge auszutauschen, dass unsere Söhne zu Männern heranwachsen.

Herzlich, Hanniel

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