Buchbesprechung: Biblische Psychologie

Herman Bavinck. Bijbelsche en Religieuze Psychologie. J. H. Kok: Kampen, 1920.

Die vorliegende Abhandlung, zwischen 1912 und 1920 in der Zeitschrift des Reformierten Schulverbands erschienen, zeigt das Interesse Bavincks, auch in seinen letzten Lebensjahren systematisch-theologische Inhalte auf Disziplinen, deren Konzepte eng mit dem dahinterliegenden Menschenbild verknüpft sind, anzuwenden. Ich bespreche den ersten Teil "Biblische Psychologie".

Kann man aus der Bibel relevante Aussagen zur Psychologie ableiten?

Im ersten Abschnitt seines Buches ”Biblische und Religiöse Psychologie” setzt sich Bavinck mit der Frage auseinander, ob und inwiefern aus der Bibel überhaupt relevante Aussagen zur Psychologie abgeleitet werden können. Er sah jedenfalls in den damaligen Lehrmitteln kaum Hinweise auf eine „biblische Psychologie“. Es gehe jedoch nicht an, dass die Lehrer an den christlichen Privatschulen sich nicht mit diesem Thema auseinandersetzten – nämlich was die Bibel über Kräfte, Vermögen und Fähigkeiten des Menschen lehrt. Bavinck sah zwei Extreme: Die einen sahen in der Bibel genügend Material, welche für die Psychologie nötig seien. Wir müssten nur die Bibel studieren und hätten keine anderen Quellen nötig. Das würde allerdings dazu führen, dass alle anderen Wissenschaften ihre Daseinsberechtigung verlieren und wieder von der Theologie geschluckt würden. Es gibt jedoch offensichtlich Informationen für die Berufsausübung, die von Gott kommen und nicht durch die Schrift, sondern die Natur vermittelt werden (siehe Jes 28,23-28). Das andere Extrem ist das vollständige Beiseite-Lassen der Bibel für sämtliche psychologischen Fragestellungen.

Die Bibel behandelt jedenfalls nicht nur die himmlischen Dinge, sondern greift auch dieses irdische Leben auf. In der Entfaltung der „reichen, breiten Geschichte“ greift sie immer wieder Details und Phänomene in Natur, Menschheit und Geschichte auf.  Sie fällt auch immer wieder Aussagen über die Natur des Menschen, seine Seele, seinen Geist und sein Herz. Ja, „nach allen Seiten greift die besondere Offenbarung“ tief in das Leben der Menschheit zurück. Die reformierte Theologie unterschied darum von alters her zwischen „auctoritas historiae“ und „auctoritas normae“, das heisst Ereignissen, die uns die Bibel berichtet, aus denen wir aber keine Normen ableiten, und anderen, welche für unser Glaubensleben verbindlich sind. So sollen wir die Unaufrichtigkeit Abrahams, die Täuschung Jakobs, den Ungehorsam von Mose, den Ehebruch Davids, den Fluch Hiobs und Jeremias oder die Verleugnung von Petrus keineswegs nachahmen. Andere Dinge befahl Gott bestimmten Menschen, so Abraham die Opferung seines Sohnes, Pinhas die Tötung eines Paares im Ehebruch, Saul die Tötung der Agagiter und dem reichen Jüngling, seinen Besitz zu verkaufen. Bavinck greift dann ein aktuelles Beispiel auf: Sind die ethischen Anweisungen des Neuen Testaments an die Sklaven (1Kor 7,20+21; Eph 6,5; Kol 3,22; 1 Tim 6,1; Tit. 2,9, vgl. 1Petr 2,18)  auch im Falle eines öffentlichen Streiks, wie er in den Niederlanden 1902/03 stattfand, anwendbar oder nicht? Umstände und Form haben sich zwar geändert, kommt er zum Schluss, die Sache an sich jedoch nicht. Arbeitnehmer sind zum Gehorsam gegenüber Arbeitgebern verpflichtet.

Angewandt auf die Fragestellung einer biblischen Psychologie bedeutet dies: Die Bibel spricht über den Menschen, der trotz Veränderung von Zeit und Umständen der gleiche geblieben ist. Die Bibel bezeugt, dass der Mensch den Unterschieden in Geschlecht, Sprache, Nation, Kultur  ungeachtet zum Sünder wurde, und, auch wenn er erlöst ist, in in seinem Wesen gleich bleibt. Er hat dieselbe Seele, die gleichen Bedürfnisse, Inspirationen und Hoffnungen. Das stärkste Argument sieht Bavinck in der Menschwerdung von Jesus, dem Zentrum der speziellen Offenbarung. Die Menschwerdung ist einerseits ein Wunder. Andererseits nahm Gottes Sohn volle Menschengestalt an. Er war uns in allem gleich, ausgenommen die Sünde. „Dieses Prinzip der Inkarnation dominiert die ganze spezielle Offenbarung.“  Gottes Wort ist zu uns gekommen, in die menschlichen, historischen, örtlichen, zeitlichen Umstände. Die spezielle Offenbarung öffnet also den Blick auf den Menschen – allerdings nur so weit, wie es für ihre Zwecke nötig ist. Die Bibel benutzt keine abstrakten philosophischen Konzepte, sondern sie ist in der Sprache des Lebens abgefasst. Als solche ist sie in dreifacher Hinsicht nützlich zur Entwicklung einer Psychologie: Sie lehrt uns über Ursprung, Wesen und Bestimmung des Menschen. Sie zeigt auf, welche Veränderungen den Menschen durch die Sünde bzw. durch die wiederherstellende Gnade betreffen. Und sie führt uns eine Art Galerie von Menschen vor, über denen der Eine steht, Christus.

Biblische Belege zur Anthropologie

Bavinck setzt sich dann ausführlicher mit den biblischen Belegen zur Anthropologie auseinander. Zuerst beschäftigt er sich mit der Einheit der menschlichen Natur (16-22). Aus dem Bericht der Erschaffung des Menschen leitet er drei Schlussfolgerungen für die Psychologie ab: Erstens hat der Mensch einen besonderen Platz unter allen Geschöpfen inne. Zweitens ist der Mensch als eine organische Einheit aus Seele und Körper von Gott geschaffen worden. Und drittens ist der Mensch in seiner Einheit eine einzigartige Gattung.

Im nächsten Abschnitt, der mit „Körper und Seele“ überschrieben ist, beschreibt Bavinck die innere und äussere Seite des Menschen (22-30). Er trägt die biblischen Belege für diese beiden Seiten zusammen, aber auch die Stellen, an denen die Bibel über den Körper spricht. Dabei betont Bavinck, dass die Bibel nie mit abstrakten Konzepten, sondern stets mit der „Sprache des Lebens“ arbeite. Sie zersetzt den Menschen nicht philosophisch in seine Bestandteile, sondern sieht ihn einmal mehr vom Äusseren, ein anderes Mal von der inneren Seite an (24). Der Mensch ist Staub, das heisst in seinem ganzen Wesen zerbrechlich und in jedem Moment abhängig von seinem Schöpfer. Jeder Mensch ist ausserdem Objekt von Gottes Vorsehung. Das heisst, er ist Teil von Gottes Plan, in seiner ganzen Existenz von ihm gewollt. Als solcher wurde er vom Schöpfer mit grosser Sorgfalt geformt und gestaltet.

Dann geht Bavinck im Abschnitt „Von der menschlichen Seele“ (30-39) den Nuancen des Begriffs „Seele“ nach. Der „Odem“ ist Hinweis auf das Leben an sich.  An vielen Orten wird darum der Begriff mit „Leben“ übersetzt. "Seele" steht für alle Arten von Störungen und Stimmungen (aandoeningen en stemmingen), als Sitz von Lust und Unlust, von körperlichem und geistigem Begehren. Sehr oft bezeichnet „Seele“ aber einfach das Leben des einzelnen Menschen. Besonders im Alten Testament wird es häufig poetisch-feierlich umschrieben.

Der „Geist des Menschen" (39-52) ist Attribut für seine höheren Strebungen. Das kommt beispielsweise darin zum Ausdruck, wenn von einem grossen, reinen oder edlen Geist gesprochen wird. Der menschliche Geist ist Ausdruck seines höheren Lebens, des Intellekts, des Willens und Selbst-Bewusstseins. Was der Wind in der Natur ausführt, vollbringt der Geist in der immateriellen Welt. Bavinck unterscheidet zwischen Allgemeiner und Spezieller Offenbarung. In der Allgemeinen Offenbarung ist der Geist der starke Atem Gottes, der in seinen Kreaturen Leben schafft und erneuert. In der Speziellen Offenbarung ist sein Geist Schöpfer der Natur Christi und Vermittler aller Gaben für seine Gemeinde. Es gibt also kein Geschöpf, das nicht Gott sein Dasein verdankt und durch den Geist Gottes von Moment zu Moment mit Befugnissen und Geschenken zugerüstet wird. Durch die Wiedergeburt wird der Mensch mit Gottes Geist erfüllt.

Im Abschnitt über „Geist und Seele“ (52-59) stellt Bavinck fest, dass  die christliche Theologie und Philosophie in der Regel die Dichotomie lehrte, das heisst die Zweiteilung des Menschen. Er besteht aus Körper und Seele.  Das Konzept der Trichotomie sei der griechischen Philosophie entnommen und führe ein drittes vermittelndes Element ein. Die grosse Frage bleibt, was beim Tod als Trennung von Körper und Geist genau geschieht. Die Bibel will von einem Dualismus von Geist und Materie nichts wissen. In der Heiligen Schrift sieht Bavinck die Unterscheidung von Geist und Seele darin, dass „Geist“ das Prinzip und die Kraft, „Seele“ aber der Sitz und das Subjekt des Lebens darstellt. Bavinck führt als Beispiel Jesus an, der seine Seele als Lösegeld für viele gab und seinen Geist in die Hände seines Vaters befahl.

Dann geht Bavinck den „Fakultäten der Seele“ (59-71) nach. Blut und Leben standen in der Bibel in enger Verbindung. Das Herz ist Ausgangspunkt der menschlichen Existenz (61). Es ist keine unabhängige Quelle des Wissens, sondern das zentrale, innerste und am meisten empfängliche Organ der menschlichen Seele. Die ganze Aussenwelt interagiert mit ihm. Das Herz denkt, ist der Sitz des emotionalen Lebens und auch Ursprung des Willens. Mit dem Begriff der „Nieren“ beschreibt die Bibel den innersten Sitz von Empfindung und Zuneigung. Der Kopf ist das Juwel des menschlichen Körpers. Er ist der Spiegel dessen, was im Herzen erzeugt wurde, und Sitz des menschlichen Geistes.

Fazit

Die kurzen, sorgfältig ausgearbeiteten Überlegungen aus Bavincks Spätwerk heben sich deutlich von seinem eher spekulativen, an die neothomistische Anthropologie angelehnte Abhandlung zur Psychologie ab (hier besprochen). Wir stecken heute, bedingt durch den "Hype" von Neurobiologie und verwandten Disziplinen, in einer eher materialistischen orientierten "Phase" der Psychologie. Es ist wichtig, die normativen Grundlagen des biblischen Menschenbildes bewusst zur Kenntnis zu nehmen: Den Menschen als Einheit von Geist und Körper, seine Beeinträchtigung durch die Sünde, seine besondere Stellung unter allen Geschöpfen.

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