Buchbesprechung: Die grosse Tradition des christlichen Denkens

David S. Dockery. Timothy George. The Great Tradition of Christian Thinking: A Student's Guide. Crossway: Wheaton, 2012. 128 Seiten. Euro 8,80 (5,55 Kindle-Edition).

Um was geht es?

Ich schätze kürzere Bücher, die man in drei, vier Stunden durchlesen kann. Die Crossway-Serie hat es sich zum Ziel gesetzt, verschiedene Fachgebiete aus dem Horizont des christlichen Glaubens zu betrachten. Damit soll der tiefe Graben, welcher durch die Ablösung des Wissens vom christlichen Glauben seit der Zeit der Aufklärung entstanden ist, überbrückt werden. Die Bücher sind als Hilfestellung für Studenten konzipiert und haben einführenden Charakter. Das heisst, nicht nur die Länge ist genau bemessen. Es werden zahlreiche Exponenten erwähnt und Gedankenanstösse gemacht, um auf weiterführende Literatur hinzuweisen. Am Schluss des Buches findet sich ein Verzeichnis der wichtigsten Begriffe, der Literatur sowie eine Zeittabelle mit den bedeutendsten kirchlichen Denkern und Ereignissen.

Wie ist das Buch aufgebaut?

Es geht um die übergeordnete Sichtweise, wie die grosse christliche Tradition das Denken der westlichen Welt über die letzten 2000 Jahre geprägt hat. Damit verbunden ist die Frage, wie diese Inhalte reaktiviert, verknüpft, angewandt und weiter entwickelt werden können. Dies geschieht in fünf Schritten: In den ersten drei Kapiteln wird in „Sieben-Meilen-Stiefeln“ ein Überblick über die Geschichte des westlichen Denkens in Theologie und Kirchengeschichte (Beginn, Entwicklung, Prägung) präsentiert. Die Autoren – beides bewährte Vertreter von christlichen Ausbildungsstätten bzw. –universitäten der USA – vergleichen das christliche Erbe mit einem 2000 Jahre alten, offenen Haus. Sie überlegen sich, welche theologischen Verpflichtungen dieses Denken beinhaltet und wie es heute und morgen erneut angewendet werden kann.

Gelernt

Einige Väter  wurden mir näher gebracht. Justin der Märtyrer (100-165) argumentierte, dass Jesus der erwartete Messias war, die die alttestamentlichen Schriften wörtlich oder typologisch erfüllte. Daraus entwickelte er seine apologetische Methode. Theodor von Mopsuestia (350-428) blieb mir im Gedächtnis als der Vertreter einer Hermeneutik, die den Literalsinn betonte. Er behandelte als erster die Psalmen historisch und systematisch und die Evangelien als tatsächliche Erzählberichte und wies jede Interpretation, welche die geschichtliche Realität in Abrede stellte, zurück.

Die Autoren zitieren mehrere Male Bücher zum Thema „Häresien“, so Alister McGrath, Heresy (San Francisco: HarperOne, 2009) und Harold O. J. Brown, Heresies (Garden City, NY: Doubleday, 1984). Diese sind auf meiner Leseliste gesetzt. Wer kennt sich schon bei Marcion, Arius und Pelagius gut aus? Diese Vertrautheit ist für Lehrer der Kirche unerlässlich!

Die Tradition des christlichen Denkens als Antwort auf vier unbefriedigende christliche Lösungsansätze: Populistisches Christentum mit Betonung auf Aktivismus und Misstrauen gegenüber allem Intellektuellen; Liberalismus, der den christlichen Glauben neu definiert; Pietismus mit der Trennung von Kopf und Herz; Fundamentalismus mit separatistischen und legalistischen Strukturen.

Die Loslösung des Denkens von der Kirche führte zum Erlöschen des christlichen Glaubens in Bildungsinstitutionen. Der Staat, welcher einer eigenen Richtung entbehrt, sprang ins Vakuum und wurde zum Ersatzversorger.

Fazit

Es ist mir bewusst, dass ich hier nicht über das berichten soll, was die Autoren nicht thematisieren und ich vielleicht noch aufgebracht hätte. Wer mit der Dogmengeschichte vertraut ist, für den sind die Basisinformationen ein vertrautes Gelände. Interessant fand ich die Darstellung von Clemenz von Alexandrien (150-215) und von Erasmus (1466?-1536), die beide in den höchsten Tönen gelobt werden.

Manchmal las ich einen Satz und war gespannt auf die nachfolgenden Gedanken, doch dann war der Abschnitt schon wieder zu Ende, und der nächste Gedanke folgte. (Das mag auch damit zusammenhängen, dass Teile des Buches Zusammenschnitte aus anderen Werken sind.) Zwei weitere Dinge störten mich im Lesefluss: Erstens war mir nie ganz klar, ob sich die Gedanken nun explizit auf die Dogmengeschichte beschränken. Im Anwendungsteil wird jedenfalls ein anderer Ansatz verfolgt: Die Anwendung des Denkens auf alle Fachgebiete. Zweitens gab es – vor allem in den letzten beiden Kapiteln – etwas gar „galaktische“ Aussagen, etwa wenn ohne Ausführung vom einem holistischen Ansatz „Kopf, Herz und Hand“ gesprochen oder die Aussage, dass Jesus Christus Herr über das ganze Leben ist, zum x-ten Male wiederholt wird. Im Hinblick auf ein eigenes Projekt – ein christliches Handbuch für Lehrkräfte mitzuverfassen – nehme ich mir dies zu Herzen. Lieber einige deklaratorische Abschnitte weniger und einige konkrete Beispiele mehr!

Ein wenig wehmütig wurde ich schon. Vom Gedanken an private christliche Universitäten sind wir meilenweit entfernt; der Staat hat diese Rolle längst ausgefüllt und füllt das weltanschauliche Vakuum fleissig mit säkularen Konzepten. Die meisten Christen merken es nicht einmal. Wäre es nicht an der Zeit, christliche Frömmigkeit und Aktivismus wieder mit solidem Denken zu verknüpfen?

Ähnliche Beiträge