Sommerlektüre: Ein Schriftsteller im Internierungslager

Lion Feuchtwanger. Der Teufel in Frankreich: Erlebnisse. (Verschiedene Ausgaben antiquarisch verfügbar)

Der bekannte jüdische Schriftsteller, der bereits in den 1920er-Jahren das aufkommende Unheil vorausgesehen hatte, beschreibt in diesem biografischen Bericht seine Erlebnisse im französischen Internierungslager in Les Milles, eine strapaziöse Zugfahrt und einen zweiten Aufenthalt in einem Lager in Nîmes im Jahr 1940. Das Buch endet mit der überraschenden Abholung durch den amerikanischen Konsul.

Der Bericht besticht durch die nüchterne, geradlinige Beschreibung von Feuchtwangers Innenleben: Hoffnung, Enttäuschung, Herablassung, Erschöpfung. Er beschreibt zudem minutiös, wie sich der Lageralltag gestaltete; welche Menschentypen aufeinander trafen; welche Hilfeleistungen ihm von Lagerinsassen, Soldaten, aber auch von französischen Bürgern zuteil wurden.

Das Buch ist zudem ein Portrait einer Gesellschaft (Frankreich) in einer dramatischen Umwälzung. Feuchtwanger beschreibt als das herausragendste Lebens(stil)merkmal den "Je m'en-foutismus": Abgesehen von der Gastfreundlichkeit, den Kochkünsten und der Höflichkeit regierte Nachlässigkeit und Gedankenlosigkeit das Geschehen.

Wer soll ein solches Buch lesen? Leser mit geschichtlichem Interesse und Freude an sprachlich sorgfältig formulierten Sätzen werden auf ihre Rechnung kommen. Der Bericht ist der Gattung der Gefangenenliteratur zuzurechen. Ich lese diese Berichte mit dem Interesse, meine eigene Selbstführung zu verbessern. Darum die Fragestellung: Wie bewältigen Menschen Zeiten drastischer Einschränkung?

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