Buchbesprechung: Ein aktueller Managementratgeber

Claus O. Scharmer. Theorie U: Von der Zukunft her führen: Presencing als soziale Technik. Carl Auer-Verlag: Heidelberg, 2014. 526 Seiten. 50 Euro 

Der Autor

ist hoch dekorierter Wirtschaftswissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Das Institut gilt gemäss Laudatio auf der Rückseite als kreative Brutstätte und hat zahlreiche Nobelpreisträger hervorgebracht. Scharmers Werk liegt ein persönliches Erlebnis zugrunde: Als 16-jähriger wurde er ohne Vorwarnung aus der Schule zum elterlichen Hof beordert. Er lief hinzu, um das Anwesen in Flammen aufgehen zu sehen. Diesen Moment bewertet er im Nachhinein als Glück. Es stiess ihn nämlich zur Veränderung seines Aufmerksamkeitsfeldes an (75). Scharmer erinnert sich zurück an die wöchentlichen Spaziergänge mit der Familie, bei denen sein Vater – Pionier-Biobauer – einzelne Schollen aufhob und die Schichten genau studierte. Er sieht das Buch als Einladung zu einem „Feldgang“ durch die soziale Landschaft unserer globalen zeitgenössischen Gesellschaft (36).

Ein Management-Wälzer?

Der Umfang (über 500 Seiten) und die Dichte (insbesondere bedingt durch die Vielzahl von Modellen und Quellen) liessen mich untergründig fragen: Wäre es auch kürzer gegangen? Dass der Carl Auer-Verlag als Herausgeber der deutschen Übersetzung fungiert, liess erahnen, dass der Inhalt nicht nur auf der rational-sachlogischen Ebene angesiedelt sein würde. Scharmer zitiert transparent seine Quellen der Inspiration, zu denen er u. a. Rudolf Steiner zählt: „Steiners Synthese von Wissenschaft, Bewusstsein und sozialer Innovation hat meine Arbeit nachhaltig inspiriert.“ (57)

Die These und das zentrale Modell

Der Schlüsselbegriff ist das „Presencing“. Darunter versteht der Autor den Vorgang bzw. die Technik, sein „eigenes höchstes Zukunftspotenzial zu erspüren, sich hineinziehen zu lassen und dann von diesem Ort aus zu handeln“ (35). Es geht um das „Anwesendwerden einer essenziellen Möglichkeit, als Ankünftigwerden eines zukünftigen Potenzials“ (58). Wer ist Beteiligter? Jeder Mensch unabhängig von seiner institutionellen Position, der  an der Gestaltung und Veränderung der Zukunft arbeitet (31). Es geht nach Scharmer darum, nicht aus der Vergangenheit, der unmittelbaren Gegenwart, sondern „aus der entstehenden Zukunft heraus zu handeln“ (74), sich "aus der Zukunft entgegenzulaufen" (258, zit. Heidegger).

Aufbau und Methodik

Das Buch besteht aus drei Teilen (46): Der erste Teil des „Feldgangs“ setzt sich mit dem kollektiven „blinden Fleck“ auseinander. Dann skizziert der Autor den Prozess, um diesen blinden Fleck zu erhellen und drittens einen Prozess „sozialer Evolution“ zu entwerfen.

Dies wird mit drei methodischen Strängen verbunden: Phänomenologie (gemeinsames Hinsehen), Dialog (zahlreiche Interviews mit bekannten Beratern und Künstlern) sowie kollektive Aktionsforschung (Beschreibung von Gruppenprozessen).

Die Problemdiagnose: Kollabierendes globales System

Wo ortet der Autor die Problemzonen der Unternehmen? Man kann dafür an den Anfang des Buches gehen. „Wir leben in einer Zeit brodelnder Konflikte und massiven institutionellen Versagens.“ (26) Die Arbeitnehmer spürten „die Hitze einer sich immer weiter hochschraubenden Arbeitsbelastung und den Druck, noch mehr zu leisten“ (27). Diese Ausgangslage sei in eine Periode weltweiter Unruhe eingebettet: Hunger, Krankheiten und Krieg, vergiftete Umwelt, Unsummen an Fehlinvestitionen für marode Gesundheits- und Bildungssysteme. Diese brächten traditionelle und moderne industrielle Strukturen zum Einstürzen (29). In diesem „immer chaotischeren“ Umfeld sollen nun „Quellen für fundamentale und nachhaltige Innovation und Erneuerung“ erschlossen werden (89). Scharmer geht davon aus, dass Organisationen gegenüber bruchartigen Chancen für Veränderungen blind seien („blinder Fleck“, 101).

Die Lösungssuche und -verwirklichung: Selbstreflektive Wende der eigenen Muster von Aufmerksamkeit und Bewusstsein

Der Schlüssel für Veränderung sei eine tiefere gemeinsame Sicht (die Worte "tiefer" und "sehen" werden sehr oft verwendet). Dazu müsse das Urteilen (kognitiver Feind), der Zynismus (Feind des Herzens) und die Angst (Feind des Willens) überwunden werden (71). Alte, gewohnheitsmässige Betrachtungsweisen müssten losgelassen werden. Scharmer beschreibt dazu einen mehrstufigen Öffnungsprozess (innehalten/hinsehen, umwenden/hinspüren, loslassen) sowie einen spiegelbildlichen Prototyping-Prozess (kommen lassen, verdichten/hervorbringen, erproben/verkörpern). Mitte und Wendepunkt ist das Presencing, das der Autor mit den Kernaktivitäten "mit der Quelle verbinden" und "anwesend werden" umschreibt. Zum Vorschein komme das "essentielle oder authentische Selbst" (190).

Als schädlicher Gegenprozess wird das "Absencing" beschrieben: Runterladen, Nichtsehen, Entfühlen, Abwesendwerden, Illusionieren, Abbrechen, Auslöschen (270).

Bewertung aus biblischer Weltsicht

Der Autor erkennt eine Unruhe, die der ganzen Welt, aber auch einzelnen Institutionen innewohnt. Die Bibel beschreibt diese Instabilität als Folge des Sündenfalls – ein Begriff, der dem Autor fehlt. Ebenso erkennt Scharmer einen blinden Fleck, der Unternehmen unfähig macht, sich ändernden Bedingungen rechtzeitig anzupassen. Hier muss unterschieden werden: Schwierigkeiten entstehen aus Folgen von Sünde (z. B. durch Korruption, Faulheit, Betrug). Andererseits ist der Mensch bestimmten Begrenzungen unterworfen. Zum Beispiel waren vor 50 Jahren die Möglichkeiten Herzleiden behandeln, noch viel eingeschränkter als heute (Makroebene). Es ist aber auch möglich, dass ein Unternehmen bzw. ganze Branchen Entwicklung aus bester Absicht „verschlafen“ und dadurch ins Schlingern geraten (Mikroebene). Sämtlicher Fortschritt ist vom Schöpfer initiiert. Auch diese Differenzierung wird nicht vorgenommen, weil der Autor keinen theistischen Standpunkt einnimmt.

Die Lösungssuche besteht bei Scharmer aus einer „Öffnung nach innen“: In einer gemeinsamen Erfahrung (die er als „Spiritualität“ beschreibt) wird die Aufmerksamkeit umgelenkt und das Bewusstsein bei der gemeinsamen Lösungsfindung geweitet. Fortschritt besteht nach wie vor in Veränderung, doch nicht mehr in rein kognitiver oder prozesslogischer Weiterentwicklung, sondern in der Entdeckung neuer innerer Ressourcen. Das Potenzial verbirgt sich in einer gemeinsamen Wesensschau des Menschen. Es wird deutlich, dass Scharmer hier keine Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf voraussetzt bzw. die göttlichen Fähigkeiten den Geschöpfen zuschreibt. Anstatt einer „Öffnung nach oben“ und der grundlegenden Veränderung durch das neue Leben wird ein immanenter Veränderungsprozess skizziert.

Scharmer hält durch seine Fähigkeit, genau hinzusehen und durch Dialog die Ressourcen von verschiedenen Menschen und Organisationen zu heben, immer wieder hilfreiche Modelle und Einsichten bereit. Ebenso gelingt es ihm aufzuzeigen, dass Erkennen, Fühlen und Wollen zusammengehören und in eine neue Richtung gelenkt werden müssen. Insgesamt bleibt der Prozess jedoch zu schwammig. Der niederländische Theologe und Philosoph Herman Bavinck hat es so beschrieben: Wer Gott aus der Landkarte des Denkens und Handelns verschwinden lässt, kann seine Anstrengung entweder auf den Menschen oder die übrige Natur richten. Die Folge davon sind reduktionistische Theorien und Systeme, die entweder einen materialistischen oder einen humanistischen Schwerpunkt aufweisen. In diesem Werk ist der Mensch und seine schlummernden Potzenziale im Zentrum der Aufmerksamkeit. Er ist Heilsbringer, indem er Veränderungsprozesse anstösst, die zu friedvoller Kooperation, neuen Visionen und Initiativen sowie wirtschaftlicher Regeneration in Unternehmen führen.

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