Predigt: Eine Zeit, in der jeder vor allem mit sich selbst beschäftigt war

Ein Ausschnitt aus meiner Hochzeitspredigt über das Buch Ruth:

Ich nehme Sie mit in die Zeit von Boas und Ruth. Wie heute egoistische Zweisamkeit Beziehungen vergiftet, so lebten auch diese zwei Menschen in einer Zeit, in der jeder vor allem mit sich selbst beschäftigt war. Wir werden das Buch Ruth erst dann verstehen, wenn wir den ersten Satz der Erzählung beachtet haben. 

„Und es geschah in den Tagen, als die Richter regierten, da entstand eine Hungersnot im Land.“

So wie ein Bilderrahmen ein Bild einfasst, so geben diese Worte Aufschluss darüber, in welchem Umfeld sich die Geschichte der Liebe zwischen Boas und Ruth abspielte. Das Volk Israel lebte damals im Land Israel, das Gott ihnen zugeteilt hatte. Das Buch der Richter steht direkt vor dem Buch Ruth. In den letzten fünf Kapiteln von Richter gibt der Autor einen Bericht über die innere Verfassung des Volkes ab. Er zeigt auf, dass die guten Gebote Gottes systematisch missachtet wurden.

Es beginnt mit einer privaten Geschichte. Ein Sohn stahl seiner Mutter Geld und log sie an. Als er es ihr gesteht, segnet sie ihren Sohn und baut mit einem Teil des zurück erhaltenen Geldes ein Götzenbild. Der Sohn stellt dieses Bild in seinem Haus auf und beauftragt seinen Sohn, Priester zu werden. Es gibt nur einen Hinweis, wie Gott diese Sache betrachtete: Jeder tat, was in seinen eigenen Augen recht war.

Was sich in der einzelnen Familie abspielte, wiederholte sich in einem ganzen Stamm (Israel bestand aus 12 Stämmen). Gott hatte jedem Stamm ein eigenes Gebiet in Palästina zugesprochen. Zwei Generationen später war aber noch nicht alles in Besitz genommen. Der Stamm Dan, der sein Erbteil von Gott nicht erobert hatte, wollte nachträglich auf dem Weg des geringsten Widerstands zu einem neuen Wohnort kommen. Es klappte. Der Stamm errichtete am neuen Ort ein Kultheiligtum. Ein Enkel Moses wurde zum Priester ernannt. Es gibt nur einen Hinweis, wie Gott diese Sache betrachtete: Jeder tat, was in seinen eigenen Augen recht war.

Was sich im Stamm abspielte, wiederholte sich auf nationaler Ebene. Bei der Durchreise durch das Stammesgebiet von Benjamin erlebte ein Mann aus Juda eine beispiellose Verletzung des Gastrechts. Man wollte ihn vergewaltigen. Schliesslich musste seine Nebenfrau herhalten. Daraus entstand ein Bürgerkrieg. Es gibt nur einen Hinweis, wie Gott diese Sache betrachtete: Jeder tat, was in seinen eigenen Augen recht war.

… Wir wollen uns über eines nicht hinwegtäuschen. Die Dinge sind nicht mehr so, wie wir sie erträumen. Wir Menschen haben dem, dem wir gehören, den Gehorsam verweigert. Die Bibel nennt dies „Sünde“. Wenn ich in meine eigenen Beziehungen blicke, stelle ich bekümmert fest: Mein Egoismus hat schon in meiner eigenen Ehe und Familie Schaden angerichtet. Ich pflichte dem reformierten Bekenntnis bei, das feststellt: „Ich bin von Natur aus geneigt, Gott und meinen Nächsten zu hassen.“ (Heidelberger Katechismus, Frage 5)

… Das Chaos in unseren Beziehungen verdeutlicht, dass wir einander von uns selbst aus nicht das geben können, was wir eigentlich wünschen, das uns selbst zuteil wird. Wir werden durch Worte verletzt, durch Schweigen entmutigt oder gar durch Untreue nachhaltig geschädigt. Der Grund: Jeder macht das, was recht ist in seinen Augen. Ohne dieses ehrliche Eingeständnis können wir nicht verstehen, warum wir einen Er-Löser brauchen!

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