Buben in die Selbständigkeit begleiten (32): Wenn wir uns selbst täuschen

Das neue Schuljahr ist zwei Wochen alt. Mit dem Junior hatte ich zu Beginn vereinbart – das heisst auf Vorschlagsbasis ausgehandelt -, welche Elemente er täglich im Verlauf des Vormittags erledigt. Glückstrahlend kam er an den ersten zwei Tagen zu mir, um vom Erfolg (= eigenes Programm erledigt) zu berichten. Am dritten Tag tauchte von anderer Seite ein erstes Frusterlebnis auf. Ich war sehr beschäftigt und kam erst Ende der zweiten Woche dazu, die Resultate zu besichtigen. Wir stellten fest: Das Grundprogramm war nur zu einem kleinen Teil erledigt worden. Ich forschte nach, wie er die Zeit zugebracht hatte. Wir kamen zum Ergebnis: Mit Tagträumen! Wir führten ein eingehendes Gespräch nicht nur über die fehlenden Resultate, sondern über Motivation, Gedanken und Blockaden. Am Ende brachten wir die Sorge im Gebet vor Gott. Ich weiss, dass sich Gott gerade in unseren Schwierigkeiten offenbaren möchte. Die Nacht darauf schlief ich schlecht. Ich überlegte mir, wie ich dieses Gespräch noch besser geführt hätte. Ich ging nochmals ins Gebet, um für Wachstum zu bitten – für meinen Sohn und für mich.

Was haben wir vereinbart? Er führt neu ein Lerntagebuch. „Warum führst du dieses Protokoll?“ – „Damit ihr mich besser kontrollieren könnt.“ – „Wirklich? Ich bin kein guter Kontrolleur. Um was geht es noch?“ – „Dass ich selber merke, wo ich stehe.“ – „Genau. Du legst dir selbst Rechenschaft ab.“ Meine Frau zeigt ihm, wie er mit wenigen Worten dieses Lerntagebuch nachführen konnte. Sie geht beispielhaft durch das Programm eines Tages. „Und was unternimmst du, wenn du merkst, dass du frustriert bist?“ Der Blick geht weg. Nervosität kommt auf. Wir sind am wunden Punkt. Dann huscht ein Lächeln übers Gesicht: „Dann bete ich.“ Genau.

Vor wenigen Tagen habe ich eine Schulleiterin aus Südamerika gefragt, was für sie im Rückblick das Wichtigste für einen Schüler sei. Sie lachte und meinte: „Das sind zwei Dinge. Erstens, wenn er charakterlich etwas gelernt hat.“ Sie zählte auf: Grüssen, danke sagen, sich nach dem Befinden erkundigen etc. „Und wenn er seine ganze Schulkarriere bei uns durchlaufen hat: Wenn er weiss, was ein tägliches Leben mit Gott beinhaltet.“ Es hat mich nicht erstaunt, dass die fachlichen Resultate nicht an erster Stelle standen. Ich glaube, dass sie aus den ersten beiden Punkten hervorgehen.

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