Buchbesprechung: Jesus vor Augen gemalt

Für die Zeitschrift ethos habe ich die 2014 erschienene Übersetzung "Der zugewandte Jesus" rezensiert:

Timothy Keller. Der zugewandte Jesus: Unerwartete Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Brunnen: Giessen/Basel, 2014. 208 Seiten. 17 Euro.

Was ist die Frage, worüber heute auch unter Christen die grösste Unklarheit herrscht? Es ist die Frage, was das Evangelium beinhaltet. Diese Aussage stammt von Donald A. Carson, einem Freund Kellers. Zu oft hören wir die pauschale Aussage, dass „Jesus dich liebt“ und dass wir „eine Beziehung zu ihm eingehen“ sollen. Was dies jedoch genau bedeutet, insbesondere dass wir Menschen durch unsere Rebellion gegenüber dem Gott, dem wir Rechenschaft schulden, in einer unlösbaren Situation stecken, darüber hören wir selten.

Keller versteht es hervorragend, das Evangelium als Antwort auf die Fragen von städtisch geprägten, säkularen Menschen des Westens zu adressieren. Dieses Buch legt ein weiteres Mal Zeugnis davon ab. Es geht auf zwei Vortragsserien zurück, die vor Studenten in Oxford und vor Geschäftsleuten in New York gehalten wurden.

Was ist der rote Faden des Buches? Es handelt sich um die Beschäftigung mit zehn Begebenheiten aus dem Leben Jesu. Keller hatte selbst als Student die „persönliche Wucht der geistlichen Autorität der Bibel“ zuerst in den Evangelien verspürt (11). Jahrzehnte später stand er vor jungen und gestandenen Leuten, um ihnen Jesus vor Augen zu malen.

Wie oft erhalten wir den Schlüssel zu einem Buch durch den Untertitel. Es geht um „unerwartete Antworten auf die grossen Fragen des Lebens“, beantwortet durch die Begegnung mit Jesus. Zunächst sind es die grossen Fragen der Heilsgeschichte: Worin besteht die Bestimmung, wozu wir geschaffen wurden? Was ist verkehrt mit der Welt, so wie sie ist? Was bzw. wer wird die Welt wieder in Ordnung bringen? Wie würde das geschehen? Was ist unsere Rolle dabei, die Welt wieder in Ordnung zu bringen?

Im zweiten Teil geht Keller fünf weiteren Situationen im Leben Jesu nach, „an denen wir erkennen können, wie er zum Erlöser von uns wird“ (105). Dabei scheut der Autor keineswegs davor zurück, von der Realität des Bösen und des leibhaftigen Teufels, von der Existenz eines Gerichts, dem entsetzlichen Feuer von Gottes Zorn über seinem Sohn und seiner körperlichen Himmelfahrt zu sprechen.

Warum ist es dem Autor gelungen, die Bibeltexte zum Leben zu erwecken? Einmal versteht es Keller, anschaulich die Botschaft des Textes herauszuarbeiten. Wir können uns viel besser vorstellen, was es bedeutete, an einer Hochzeit ohne Wein dazustehen oder wenn Jesus von sich sagt, dass er unser „Anwalt“ sei. Was Keller ebenfalls meisterhaft beherrscht, ist die Kunst des „lauten Denkens“. Das heisst, er greift am laufenden Band Einwände des säkularen Westlers auf und setzt sie gekonnt in ihren Lebenszusammenhang. Dabei schöpft er immer wieder aus dem reichen Fundus an Beispielen aus zeitgenössischer Literatur und Film.

Das Buch liest sich flüssig. Einige Wermutstropfen sollen erwähnt sein. So war es für mich zwar einsichtig, dass Keller zehn Begebenheiten aus dem Leben Jesu vorstellte. Trotzdem bleibt der Eindruck zurück, dass das Buch aus zwei verschiedenen Teilen zusammengesetzt ist. Im Bemühen, dem Leser den Bibeltext zu erschliessen, greift Keller oft auf analoge Argumente zurück, mit denen er Taten des endlichen Menschen mit denen des unendlichen Gottes gegenüberstellt. Dieser Analogieschluss fällt nicht immer überzeugend aus. Einzelne Ausdrücke sind unglücklich übersetzt. So wird etwa der Begriff „spiritual“ mit dem Allerweltswort „spirituell“ wiedergegeben.

Für wen ist das Buch geeignet? Ich empfehle jedem Christen, sich immer wieder mit dem Evangelium auseinander zu setzen. Warum? Weil die Botschaft nicht nur an der Schwelle zum Glauben wichtig ist, sondern in unser gesamtes Leben eingreift. Sicherlich eignet sich das Buch auch als Geschenk für suchende Menschen, ebenso als Begleiter einer Hauskreis-Serie.

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