Buchbesprechung: Als die Kinder an der Macht waren

Eine weitere Rezi für die Zeitschrift ethos:

David Eberhard. Kinder an der Macht: Die monströsen Auswüchse liberaler Erziehung. Kösel: München, 2015. 304 Seiten. 18 Euro.

David Eberhard, schwedischer Psychiater und sechsfacher Vater (in zweiter Ehe), ist ein in Schweden bekannter Autor von Erziehungsliteratur. Die deutsche Übersetzung macht ihn jetzt auch im deutschen Sprachraum bekannt.  Wie lautet die zentrale These des Buchs? Eberhards Wirkungsziel ist klar umrissen. Er will beschreiben, „wie wir es schaffen, wieder selbstsichere Eltern zu werden, die an das glauben, was wir tun“ (12).

Wo ortet er das Problem, dass diesem Ziel im Weg steht? „Heutzutage steht überall geschrieben, wie wir mit unseren Kindern umgehen müssen und sollen. Wir müssen die Kinder in den Mittelpunkt stellen. Wir dürfen die Bindung an sie nicht vermasseln. … Wir müssen auf sie achten – ihnen Helme aufsetzen und sie überall vor Unbill schützen. Wir dürfen ihnen nicht widersprechen. Sie nicht infrage stellen, wenn sie falschen Behauptungen von sich geben…“ (33) Dieses Ideal ist mit Erwartungslosigkeit kombiniert. Das Resultat: „Unser aller Leben wird von der sukzessiven Machtübernahme der Kinder geprägt.“ (156)

Wie will er Abhilfe schaffen? Eberhard beruft sich auf Studien, nach denen 50 % der Persönlichkeit genetisch vorbestimmt, 40 % durch die Umgebung der Gleichaltrigen abhängt. Die restlichen 10 % fallen dem Elternhaus zu (53). Also alles loslassen? Im Gegenteil. Klar führen und Verhaltensregeln durchsetzen, lautet die Forderung von Eberhard.

Auch wenn Eberhard zur Bindungstheorie eine gemischte Haltung einnimmt, stellt er eine interessante Beobachtung auf. Könnte es sein, dass zwischen der Rollenumkehr von Eltern und Kindern, dem tief verwurzelten antiautoritären Denken des Westens und der häufigen Fremdbetreuung ein Zusammenhang besteht? „Ist es vielleicht so, dass eine schlechte Bindung nicht zu einer unglücklichen Jugend, sondern stattdessen zu undankbaren Erwachsenen führt?“ (174)

Das Buch liest sich flüssig. Ich hätte mir mehr Klarheit zur Struktur gewünscht. Eberhard nimmt zu vielen bekannten Autoren wie z. B. Jesper Juul erfrischend klar Stellung. Irritierend ist seine häufige Bezugnahme auf Erkenntnisse der Hirnforschung. Weist sie auf eine versteckte Wissenschaftsgläubigkeit hin? Mir scheint fast so. Kein Mensch kommt ohne übergeordneten Denkrahmen aus, deshalb gibt es keine neutrale Sicht auf Erziehung.

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