Buchbesprechung: Der verlorene Massstab

Georg Huntemann. Der verlorene Massstab. VLM: Liebenzell, 1983. 176 Seiten. Antiquarisch.

 

Der Theologe und Philosoph, Pfarrer und Dozent Georg Huntemann (1929-2014) war bekannt für seine pointierte Kulturkritik und sein entschiedenes Eintreten für die Unfehlbarkeit der Schrift und eine an ihr orientierte Ethik. Diese 1983 erschienene (Meta-)Ethik startet mit der Ausgangslage: „Die unübersehbare Auflösung herkömmlicher Normen und Ordnungen erzwingt Antwort auf die Frage: 'Was sollen wir tun?'“ (7) „Wir leben ethisch von der Hand in den Mund. Weil wir keine Massstäbe mehr haben, leben wir in der Angst davor, wie und wohin es weitergehen soll.“ (9)

 

Huntemann stellt das autonome, vom Willen des Menschen gesteuerte Ethos der biblischen Offenbarung gegenüber. Das biblische Ethos ist von Gott „geredet“. „Gebot und Freiheit, Gesetz und Heil, stehen in einem Zusammenhang. … Im Gegensatz zu allen an die Vernunft appellierenden Moralphilosophen ist das Ethos der Bibel rational weder fassbar noch ableitbar, sondern nur gegeben durch das Wort des erwählenden Gottes.“ (25) Seine Gesamtthese lautet. „Die Religionskrise des Christentums ist die Moralkrise unserer gegenwärtigen Welt.“ (26) Wir zehrten zwar noch von den Werten wie Ehe, Familie, Freiheit, Eigentum, Gleichheit aller vor dem Gesetz (39), die dem biblischen Ethos entstammen. Durch die Loslösung von diesem Gesetz fallen wir jedoch ins Heidentum zurück. „Wer gegen das Gebot lebt, lebt gegen die Schöpfung, denn das Gebot ist die Ordnung der Schöpfung.“ (38)

 

Im zweiten Teil beschäftigt sich der Autor mit der Umsetzung des Offenbarungs-Ethos in der Zwischenzeit des Reiches Gottes, das angebrochen, aber noch nicht vollendet ist. „Ethos drängt auf Verwirklichung des Reiches Gottes in einer gefallenen Welt, es ist nicht ein Sichabfinden mit Herausforderungen, sondern ein Überwinden in dem Sinne, dass die Lösung eines Konfliktes uns als Bürger des Reiches Gottes wirklich weiterbringt zum Ziele der Heiligung.“ (113f)

 

Das Buch ist in zwei kürzere Hauptteile gegliedert, denen jeweils mehrere Anhänge angefügt sind. Der Text ist dicht und eher Theologendeutsch. Zum Beispiel: „Dialektische Reichsgottesexistenz ist mortificatio, ein leidendes Sterben des alten Menschen, aber auch vivicatio, das Lebendigwerden des neuen Menschen durch die Gewissheit des Christussieges.“ (76) Wer sich an den kursiv gedruckten Aussagen orientiert, kann sich die Hauptaussagen vor Augen führen. In den Anhängen sei besonders die pointierte Barth-Kritik (64, 79f) oder der Zusammenhang zwischen Leistungszwang und Arminianismus (59f) zum Überdenken empfohlen.

 

Der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um Gesellschaftskritik geht. Ebenso wenig trägt er Scheuklappen nach innen. Das Ethos werde „immer mehr eingeengt auf den persönlichen, privaten Bereich, der seinerseits umspült wird von den weiten Wassern einer autonomen, eben wertneutralen Wirklichkeit. Naturwissenschaft, aber bald auch Wirtschaft und Politik sollen auch ihr 'autonomen' Gesetze haben, während die Bergpredigt in Haus und Hof, Bibel- und Häkelkreisen still dahinfristet.“ (54)

 

Huntemann liess im Bestreben, dass auch Laien der Text zugänglich bliebe, davon ab, einen separaten Fussnotenapparat einzurichten. Für die Leserlichkeit wäre dies jedoch von Vorteil gewesen. Der Text ist von langen Zitaten durchsetzt. Kant, Nietzsche, Fromm oder Gehlen kommen ausgiebig zu Wort. Die Ausschnitte sind hoch interessant, ebenso die Bewertungen und die Anwendungen in die Gegenwart. Ich frage mich jedoch, ob dies einem philosophisch nicht geschulten Leser nicht zu viel geworden wäre.

 

Empfehlung: Theologisch und politisch interessierten und involvierten Christen sei das Buch empfohlen. Wer von einer säkularen Seite her kommt, dem sei diese Lektüre als Alternative ebenfalls ans Herz gelegt. Die Angelegenheit ist ernst: „Das Thema unserer kommenden Jahrzehnte ist die Konsequenz der Zerstörung der Moral, die einst die Voraussetzung dafür war, dass wir leben und überleben konnten.“ (14)

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