Buchbesprechung: Das Problem des Zweifels

Os Guinness. Das Problem des Zweifels. Hänssler: Neuhausen, 1979. 216 Seiten.

These

»Ich zweifle als Glaubender und glaube als Zweifler.« (17)

Ein Christ, der trotz aller Zweifel an seinem Glauben festhält und sich dabei nie klarmacht, was es mit dem Zweifel eigentlich auf sich hat, wird früher oder später sein seelisches Gleichgewicht verlieren. (13)

Die gesellschaftliche Glaubenskrise ist ein Segen, denn sie gibt uns Gelegenheit unseren Glauben zu überprüfen. (16)

Struktur

Schlüssiger Aufbau:

  1. Darstellung des Problems
  2. Sieben Ursachen des Zweifels
  3. Rat und Hilfe
  4. Unterscheidung zwischen zwei schwierige Arten von Zweifel

Inhalt

Teil I: Abgrenzung von drei Vorstellungen

  1. Zweifel ist dasselbe wie Unglaube.
    Argument: Gott ist die Antwort auf jeden Zweifel (24), also erwächst  „Glaubensgewißheit direkt aus der Erkenntnis Gottes“ und „nur indirekt aus dem Verständnis des Zweifels“.
  2. Zweifel ist ein Problem, das den Glauben, aber nicht das Wissen betrifft.
    Argument: Unser gesamtes Wissen ist auf einer Anzahl nicht nachweisbarer Voraussetzungen aufgebaut.
  3. Ein Christ von muss seines Zweifels schämen.
    Argument: Warum hört die Vernunft an einer bestimmten Stelle plötzlich auf zu zweifeln? Warum hinterfragt sie nicht alles, sogar das Hinterfragen selbst? Der Zweifler kann wohl Fehler im Glauben herausfinden, er kann aber nicht den Glauben ersetzen. (38f)

Teil II: Zweifelskategorien

  1. Undankbarkeit
    Ich brauche Hilfe! Sonst kommt unsere Selbstgefälligkeit und Unabhängigkeit wieder zu stark ins Blickfeld (49)
  2. Falsche Gottesvorstellungen
    Der Mensch aber starrt wie gebannt auf dieses selbstgemachte Bild und merkt gar nicht, daß es ihm den Blick auf Gott versperrt. (60)
  3. Schwache Grundlagen
    Ein Christ soll zwar in aller Einfalt glauben, doch er soll nicht »einfach glauben«. Es ist für einen beständigen Glauben wichtig, daß er die Fragen des menschlichen Verstandes befriedigend beantwortet. (76)
  4. Sich nicht festlegen wollen
    Keine Überzeugung ist uns wirklich zu eigen, wenn wir nicht bereit sind, für sie einzustehen – und wenn die ganze Menschheit gegen uns stünde. (90)
  5. Fehlendes Wachstum
    Der Glaube wird nicht plötzlich vom Blitz getroffen, sondern er ist derart vielen eiskalten "Wintern ausgesetzt, daß er schließlich total „erfriert“. (102)
  6. Unkontrollierte Gefühle
    Lange, bevor unser Verstand dem christlichen Glauben den Rücken kehrt, haben unsere Gefühle schon das Handtuch geworfen. (111)
  7. Alte seelische Wunden
    der Schmerz, der durch den Druck des Gegenstandes auf die Wunde entsteht, hat zur Folge, daß Sie die Kraft ihrer Muskeln nicht entfalten können. (123)

Teil III: Rat und Hilfe

Vorsicht vor Rezepten: „Wir werden heutzutage ja von Methoden geradezu überhäuft, auch in der Kirche. Christliche Wahrheiten werden auf diese Weise reduziert auf praktikable Gebrauchsanweisungen oder Schulungsprogramme.“ (137)

  1. Zuhören, eine vergessene Kunst
    Nichts spricht deutlicher zu einem zweifelnden Menschen als das Schweigen des aufmerksamen Zuhörens. (141)
  2. Richtig differenzieren
    Wo liegt die Wurzel des Zweifels? Wer ist verantwortlich für den Zweifel?
  3. Antworten
    Erstens: Eine gute Antwort auf Fragen des Zweifels muß erkennen lassen, daß der Antwortende verstanden hat, wo die Ursachen des Zweifels liegen. Zweitens: Eine gute Antwort muß dem Zweifelnden vor Augen führen, welche Konsequenzen es für ihn haben würde, wenn er auch weiterhin zweifelt. Drittens: Eine gute Antwort muß dem Zweifler zeigen, inwieweit er für seinen Zweifel selbst verantwortlich ist, damit er diese Verantwortung übernehmen und somit wirkliche Freiheit erlangen kann. (162)
  4. Der Wendepunkt
    Irgendwann kommt es unweigerlich zur Entscheidung. Selbst wenn die Debatte durch noch so viele Eingaben in die Länge gezogen wird, einmal muß es zur Abstimmung kommen. Wofür wird der Zweifler »stimmen«: für den Glauben oder den Unglauben? (174)

Teil IV: Zwei schwierige Zweifel

  1. Zweifel durch unberechtigtes Wissen-wollen
    Genau das ist der Kummer mit den Schlüssellöchern. Man sieht zwar nicht immer genug, um zu einem Schluß zu gelangen, aber wenn man erst einmal hindurchgeschaut hat, kann man kaum noch widerstehen, aus dem Gesehenen seine Schlüsse zu ziehen. (183)
    Sein Urteil zurückzustellen bedeutet: Wenn der Glaube mit undurchschaubaren Glaubensgeheimnissen konfrontiert wird, vertraut er trotz mangelnder Einsicht und Erkenntnis.  (185)
  2. Ungeduld und Resignaiton
    Wie stehen wir zu Gott, wenn er uns warten läßt? Unsere Haltung beim Warten gibt uns Aufschluß über unsere Beziehung zu Gott. (200)
    Glaubensschau verleiht dem Verlauf der Geschichte eine Dynamik der Hoffnung, indem sie den Christen dazu befreit, sinnvoll auf Gott zu warten.(201)

Lernfelder

  • Widmung: Nichts ist anregender als Freunde, die in  Liebe die Wahrheit sagen.
  • Das Gesprächsende ist der Anfang: Der andere hat bisher lediglich gesagt, was er nicht glaubt. Doch dabei handelt es sich lediglich um ein Ablenkungsmanöver. Denn er hat die Frage unterschlagen, was er denn nun eigentlich glaubt.
  • Wo der moderne Unglaube die größten Triumphe feiert, werden die Christen immer nachlässiger, weil sie einfach nicht sehen wollen, wie unendlich wichtig es ist, die Frage nach der Berechtigung des christlichen Wahrheitsanspruchs zu beantworten. (77)

Empfehlung

Stärken: Saubere Einbettung in eine säkularisierte Umgebung; keine Patent-Antworten; zahlreiche gute Beispiele aus der Literatur.

Für welche Leser geeignet? Menschen, die genug haben von den 10-Schritte Ratgebern; Glaubensmüde

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