Buben in die Selbständigkeit begleiten (36): Auch der Jüngste muss ran

Mein Jüngster ist jetzt vier und ein halbes Jahr alt. Der Jööö-Effekt ist am Abklingen, der Körper streckt sich, Arme und Beine sind kräftig. Der pfiffige Blick des Jüngsten ist ihm eigen. Immer wieder mal muss ich die Brüder davon abhalten, ihm zu viel unter die Arme zu greifen. Er kann sich selbst umkleiden; er kann seine Spielsachen selbst aufräumen; er muss seine Aufgaben im Haushalt erledigen. Keine erlernte Hilflosigkeit, kein Baby-Bonus, keine "ich-werde-euch-dann-schon-zeigen-wenn-ihr-nicht" Allüren.

Seit Sommer ist er offiziell im Kindergarten bei meiner Frau. Die ersten Wochen und Monate waren von einer Zielsetzung bestimmt: Er soll seine Aufmerksamkeitsspanne erhöhen und kleine Aufträge treu umsetzen. In den ersten Tagen gefiel ihm das gar nicht. Er wollte lieber weiter spielen. Doch da gab es nichts. Wir machten ihm klar: Da musst du durch. Es galt eine Zeichnung anzufertigen, bei der Geschichte zuzuhören und aktiv einige Sätze nachzuerzählen. Meine Frau hatte eine gute Idee: Sie nahm einen Affen und gab ihm den Namen "Cocco-Pippo". Dieser Affe übernahm die "dritte Stimme", indem er die Lernwiderstände thematisierte. Mein Kleiner fing Feuer. Er war immer gespannt darauf, was ihm der Affe erzählen würde und ging eifrig in den Dialog mit ihm.

Heute ist die Ausgangslage völlig verändert: Er erledigt die Aufgabe gerne und von sich aus. Mit Hingabe malt, schneidet und bastelt der Vierjährige. Er hat grosses Interesse an Mathematik gefunden und übt jeden Tag ein, zwei Stunden mit einem Lernprogramm am Computer, am liebsten mit einem Bruder zusammen. Auch an die Geschichten hat er sich gewöhnt und ans Nacherzählen. Ich schreibe dies alles nicht, um zu "bluffen". Es geht mir um einen anderen Punkt: Ich habe mich gefragt, was geschehen wäre, wenn wir ihm diese Umstellung nicht zugemutet hätten.

Ich bin davon überzeugt, dass wir unseren Kindern etwas zutrauen können und müssen. Es ist nicht die Zeit, um Mimosen aufzuziehen. Wollen wir unseren Kindern eine Scheinwelt aufrecht erhalten? Wollen wir ihnen ständig sagen, dass sie die Besten seien? Es geht uns wirtschaftlich immer noch sehr gut. Klar. Doch das gesellschaftliche Wetter hat umgeschlagen. Ich möchte keine Jasager gross ziehen, keine Peer-Schmeichler und keine Ich-ziere-mich-zu-lernen-Jungs. Kraft ist genügend vorhanden. Jungs wollen herausgefordert werden. Sie brauchen eine Aufgabe. Sie müssen in unseren Familien zu Beteiligten werden.

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