Buchbesprechung: Prophetisch leben, prophetisch dienen

Heinrich Christian Rust. Prophetisch leben, prophetisch dienen. SCM R. Brockhaus: Witten, 2014. 332 Seiten. 20 Euro.

Nachvollziehbar, anderer Standpunkt

Bei einem solchen Buch ist es hilfreich, den eigenen Standort vorab zu klarzustellen: Ich kann die Ausführungen des Autors gut nachvollziehen, teile sie jedoch nicht. Der Grund dafür ist eine andere Lesart der gesamten Schrift. Ich bin der tiefen Überzeugung, dass das prophetische Element eben durch die Auslegung der Heiligen Schrift praktiziert wird – eine Sichtweise, die der Autor nicht teilt (25). Er spricht von „predigtorientierten Gottesdienstbesuchern“ (29). „Die einseitige Prägung protestantischer Predigtgottesdienste ist aufgrund des biblischen Zeugnisses nur schwerlich als die ‚eigentliche Form‘ neutestamentlicher Gottesdienste anzusehen.“ (230) Ich zähle mich zu den reformatorisch gesinnten Christen, welche unter Prophetie hauptsächlich die Erinnerung an Gottes ausdrücklich offenbarten Willen verstehen. Rust meint: Die Rückmeldungen auf einen prophetischen Segen seien oft stärker als die auf eine „sorgfältig ausgearbeitete Lehrpredigt“ (193). Ich halte dagegen: Wir werden nur ungenügend mit Gottes Wort ernährt. Uns fehlt die sättigende auslegende Predigt. Sie ist das Zentrum des Gottesdienstes. Eine ausgewachsene exegetische Begründung würde den Rahmen dieser Besprechung sprengen (ich habe am Ende vier Literaturhinweise angefügt).

Ich gehe noch einen Schritt weiter. Kirchengeschichtlich ist Rust einer Strömung zuzuordnen, die es seit Anfang der christlichen Kirche gegeben hat. Der Begriff des Schwärmertums – von Rust selbst am Rand erwähnt (z. B. S. 167) – geht von einer mystischen Gottesbeziehung aus. Sie sieht alle Gläubigen in einer nahen Verbindung mit dem Schöpfer, zeitgemäss ausgedrückt in einer Art „Online-Verbindung“. Der prophetische Lebensstil bedeutet, im normalen Alltagsleben „online“ zu bleiben und den „hörenden Kontakt mit Gott zu halten“ (223). Dies drückt sich in unterschiedlichsten Formen von persönlichem und gemeinsamem Schweigen bzw. Empfangen aktualisierter Gotteserfahrung nieder. „Die prophetische Spiritualität ist empfangend. … Es geht dabei nicht um ein Agieren, ein aktives Gestalten, sondern um ein Stillwerden, ein Einswerden mit dem Wesen und Willen Gottes.“

Ich bin mir bewusst, dass Rust meine Überzeugungen für eine rational gesteuerte Frömmigkeit hält. Für diese seien „ prophetische Offenbarungen … eher befremdlich. Sie werden schnell auf die Ebene des Schwärmertums oder eines gefühlsdominierten Glaubens abgeschoben.“ (157) Eben diese Verengung gelte es zu überwinden. „Es ist ein Zugang zum biblischen Wort, der nicht ausschliesslich über den Verstand gesteuert ist.“ (159)

Biografischer Hintergrund

Heinrich Christian Rust ist ein bekannter evangelikaler Leiter. Er ist Pastor der bundesweit grössten Baptistengemeinde in Braunschweig mit über 1000 Gottesdienstbesuchern. Dass er im Bund der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden arbeitet, lässt ihn zum Fürsprecher in Gemeinden werden, die keinen pfingstlerischen Hintergrund haben. Rust ist selbst innerhalb des Baptistenverbands gross geworden. Die „prophetische Grunderfahrung“ liegt gemäss seiner eigenen Beschreibung schon in der Kindheit begründet. Seine Mutter weihte ihn vorgeburtlich dem Herrn analog Samuel (1. Samuel 1,28). Er vermutet, dass die „prophetische Dimension“ seit Anfang seines Lebens von Gott so angelegt worden sei (14). Rust hat in seinem jahrzehntelangen Dienst nicht nur die US-amerikanische Prophetenschule kennengelernt und den Toronto-Segen (1994) vor Ort in Augenschein genommen und kritisch gewürdigt (308-310). Er ist durch sein Engagement in der Charismatischen Erneuerungsbewegung mit allen massgeblichen Personen im deutschen Sprachraum verbunden. Im Buch nimmt er besonders häufig auf Mike Bickle und Jack Deere Bezug.

Die These des Buches

Was ist das Anliegen des Autors? Rust geht davon aus, dass seit Pfingsten Prophetie „zum Normalfall der christlichen Existenz“ gehört. „Als Basiserfahrung ist sie für jeden Christen wichtig und nur durch den Heiligen Geist möglich. … Summa summarum: Prophetie gehört grundlegend zur christlichen Existenz, zur Gemeinde und Mission Gottes.“ (318) Sie ist  deshalb „Grundsäule des Gemeindeaufbaus“ (192; vgl. 292).

Weil Prophetie zu den Grundpfeilern des christlichen Glaubens zähle, habe ihr Fehlen ernsthafte Folgen. Rust zitiert Ulrich Wendel: „Eine Kirche wird es sich nicht leisten können, solche von der Bibel selbst hoch eingeschätzten Themen zu meiden, ohne dass sie Schaden leidet.“ (24) Dies habe auch Auswirkungen auf die Zuordnung von Leitungsfunktionen, die „in der Kirche unserer Zeit neu und sorgfältig bedacht wird, auch besonders unter Einbeziehung des Dienstes von Propheten“ (166).

Ich stimme der Beschreibung zu, die Rust von den Gemeinden im deutschsprachigen Raum skizziert. In den meisten Gemeinden werden die Charismen (Wundergaben) nicht abgelehnt. Es besteht jedoch eine „dosierte Zurückhaltung“. Die „prophetische Gabe“ fristet ein Nischendasein. Nicht wenige Pastoren haben während einer Phase ihres Dienstes missbräuchlichen Einsatz erlebt und sind deshalb vorsichtig geworden. „Es gibt viel verängstigte Zurückhaltung, deshalb ist Ermutigung so wichtig!“ (194)

Die theologische Weichenstellung

Nur kurz geht Rust auf 1Kor 13,10 und das Argument des Cessationismus ein, also der Auffassung, dass Wunder- und Zeichengaben aufgehört hätten. Ohne Umschweife interpretiert er Altes und Neues Testament kontinuistisch, so z. B. auf S. 22: Weissagung sei eine erstrebenswerte Gabe (1Kor 14,1+39), wird in den Gabenkatalogen zu den ersten Gaben gezählt (1Kor 12; Röm 12). Es wird davor gewarnt sie zu unterdrücken (1Thess 5,20). Prophetie sei Grundlage für den Gemeindeaufbau (Eph 2,20; 3,3-5; 4,11). Propheten gehörten zur urchristlichen Gemeinde- und Missionsrealität. Auch in Korinth wurde die Gabe der Weissagung und das Vorhandensein von Propheten erwähnt. Jesus hätte Propheten angekündigt (Mt 23,34). Das letzte Buch der Bibel trage unverkennbar prophetische Züge (Offb 19,10).

Die eigentliche Weichenstellung ist jedoch dieser Lesart vorgeordnet. Offenbarungsempfang aktualisiere und vertiefe die Christusoffenbarung (83). Dies ist verbunden mit einer bestimmten Vorstellung des Reiches Gottes: Wir sind mutig gestaltend und „gehen davon aus, dass Gottes Reich mit jedem Tag wächst. … Offen gestanden ist mir diese hoffnungsvolle und zuversichtliche Sicht nicht nur erheblich lieber, sondern sie scheint mir auch näher an dem zu sein, was Jesus mit dem angebrochenen Reich Gottes meinte.“ (213) Der prophetische Lebensstil ist Teil der missionalen Sendung der Christen (239). Die neutestamentliche Kirche sei eine „prophetische Dienstgemeinschaft“ (251, zit. Mike Bickle). Das Evangelium werde nicht nur verkündigt und gehört, sondern ereigne sich als „machtvolles, neu schaffendes Wort“ (253). „Ich gehe davon aus, dass das Reich Gottes wächst und somit auch die Gnade der Gottesnähe hier auf der Erde.“ (321)

Definitionen

Der Autor geht von zwei Definitionen aus. Er unterscheidet erstens vier Grundelemente biblischer Prophetie: Offenbarungsempfang, Deutung, Weitergabe und Prüfung (ausgeführt in Kapitel 3). „(1) Christliche Prophetie ist begründet in der Offenbarung des Heiligen Geistes. (2) Die Offenbarung bezieht sich auf Einzelpersonen, Gottes Sicht der Gemeinde oder der Welt. (3) Die Offenbarung wird gedeutet und in einer verständlichen Rede geäussert. (4) Die Offenbarung erfährt eine wertende Prüfung und wirkt sich dem Evangelium gemäss aus in der Auferbauung, Ermutigung und Ermahnung sowie Tröstung.“ (58)  Zweitens definiert er vier Ebenen des prophetischen Dienstes. Die erste Ebene betrifft eine allgemeine prophetische Grundbegabung, zweitens die Gabe der Weissagung, drittens der Dienst des Propheten. Auf der vierten Ebene steht das apostolische Zeugnis neutestamentlicher Schriften (Kapitel 4).

Regulierende Anmerkungen

Person

Rust ist sehr bemüht, den prophetischen Dienst innerhalb einer Ordnung geschehen zu lassen und dem Missbrauch vorzubeugen (z. B. 266-277). Gott teile in seinem souveränen Handeln die Gaben aus (185). „Ein christlicher Prophet muss nichts kontrollieren oder mit einem Machtanspruch auftreten.“ (70) „Jede Form von Wissen macht uns Menschen anfällig, eitel zu sein und uns selber falsch einzuschätzen.“ (135) Die Gefahr der Einschüchterung und der Manipulation sei beträchtlich. „Wie oft habe ich erlebt, dass Eitelkeit, der Wunsch nach Ehre und Einfluss, Ungeduld, Neid und Zuchtlosigkeit auch das beste Wort der Weissagung entstellen können!“ (147) Lob und Anerkennung könnten zu einer Gefährdung führen (203).

Botschaft

Rust unterscheidet klar zwischen dem biblischen Wort, an dem sich alle Prophetie zu messen habe, und dem fehlbaren und darum stets zu überprüfenden prophetischen Wort in der Jetztzeit. Er spricht sich auch gegen extreme Formen aus: Für ihn ist es absurd, dass Gott Erdbeben auf Prophetien hin initiiert (81) und zurückhaltend, Engel Zuträger von Heilungen und ganzen Predigten anzusehen (115). Auch die Befragung in kleinen Gruppen zur Lage ganzer Nationen findet er irritierend (242).

Weitergabe

Vor der Weitergabe prophetischer Botschaften empfiehlt Rust unbedingt folgende Fragen zu stellen (124): Was ist die Aussagen? Ist sie im Einklang mit dem biblischen Wort? Wer ist der Adressat? Soll die Botschaft weitergegeben werden, und wenn ja, in welcher Form? Welche innere Beziehung besteht zwischen dem prophetisch Redenden und dem Adressaten?

Rust wird zudem nicht müde zu betonen, dass das Ausüben der Gabe im Gemeindekontext geschehen müsse. Die Individualisierung von geistlichen Erfahrungen sieht er als kritisch für die Entwicklung der Gabe an (226).

Die Praxis der Ausübung beschreibt Rust detailliert. So wenig das Neue Testament Vorgaben für Jugendarbeit, Kirchenmusik, ordiniertes Pastorat oder zur rechtlichen Fassung der Gemeinde mache, so wenig sei die Ausgestaltung und die Entwicklung der prophetischen Gabe in der Gemeinde festgeschrieben (178). Die Praxis des hörenden Gebets – die er in einem Abschnitt ausführlich beschreibt (286-88) – gehöre als mögliche Form dazu. Sie sei jedoch nicht ausdrücklich biblisch angeordnet.

Fazit

Das Buch ist durchgängig ansprechend geschrieben. Der Autor verweist häufige auf biblische Texte. Ebenso definiert er Dutzende von Begriffen. Die „ultima ratio“ für jeden Leser stellen die vielen Erlebnisse und Erfahrungen dar, die Rust in den letzten vier Jahrzehnten gesammelt hat.

Trotz der sachlichen Verarbeitung des Themas schwingt durch das Buch die Betonung mit, dass Gott nicht nur über den Verstand spricht. „Gott redet nicht nur durch meinen Verstand, mein Denken, sondern auch durch meine Empfindungen, meine Sinneswahrnehmungen oder durch Lebensumstände und Begegnungen.“ (13) 

Da der prophetische Dienst wie dargelegt eine Grundkategorie der Gemeinde darstellt bzw. einen integralen Bestandteil ihrer Sendung ausmacht, muss sie sich in allen Dienstbereichen, ja im gesamten Leben niederschlagen. Das hinterlässt – im Bild gesprochen – den Eindruck, dass das gesamte Leben von einem „prophetischen Lebensstil“ eingefärbt werden muss. „Die Welt wird es uns danken und der Himmel wird aufatmen.“ (9, Vorwort)

Wer dieses Buch gelesen hat und nicht in dieser „prophetischen Grundierung“ lebt, bei dem kann  der Inhalt ein schlechtes Gewissen hinterlassen. Der Vorwurf lautet: Wenn du nicht so lebst, entgeht dir Wesentliches. Wahrscheinlich würde mich Rust als „anonymen Charismatiker“ bezeichnen (174). Mein geistliches Leben ist von einer Fülle emotionaler  Impulse durchzogen. Ich strecke– um eine Beschreibung von Francis Schaeffer aufzunehmen – oft Stunde für Stunde meine leeren Hände nach Christus aus. Die Beurteilung, wie mich Gott in seinem souveränen Willen gebraucht, überlasse ich ihm. Ein Lebensstil, der im ständigen Abgleich himmlischer Signale lebt und diese erwartet, löst sehr viel Stress aus – etwas, was Rust nie erwähnt. Ich weiss um Gottes souveränen Willen und strebe danach, seinen moralischen Willen in der Bibel besser kennenzulernen. Das reicht.

Ich empfehle, neben Rust weitere Literatur gerade auch aus anderen Jahrhunderten zu konsultieren. Dies kann uns aus der Befangenheit unserer zeitgebundenen Perspektive lösen. Jonathan Edwards erlebte im ausgehenden 18. Jahrhundert eine gewaltige Erweckungszeit mit. Im neulich in die deutsche Sprache übersetzten Buch „Sind religiöse Gefühle zuverlässige Anzeichen für wahren Glauben?“ beschreibt er Gefahren eines von Gefühlen geleiteten religiösen Aufbruchs. Zudem ist eine gründliche Analyse von Schlüsselstellen, insbesondere 1. Korinther 12-14, unerlässlich. Carson hat in einem 1987 erschienenen Werk "Showing the Spirit: A Theological Exposition of 1 Corinthians, 12-14“ eine solche Untersuchung vorgenommen. Der zu den bedeutendsten Evangelikalen des 20. Jahrhunderts zählende J. I. Packer hat in seinem Buch „Keep in Step with the Spirit: Finding Fullness in Our Walk with God“ eine ausgewogene Pneumatologie (Lehre des Heiligen Geistes) erarbeitet. Benjamin B. Warfield (1851-1921) legt in „Ende der Charismata“ den cessationistischen Standpunkt dar.

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