Buchbesprechung: Pädagogik vom Ziel her denken

Johann. A. Comenius. Grosse Didaktik: Die vollständige Kunst, alle Menschen alles zu lehren. Klett-Cotta: Stuttgart, 2007 (10. Auflage). 225 Seiten. Euro 27,95.

Der Blick zurück ist Pflicht

In der Pädagogik (und nicht nur dort) ist der Blick zurück Pflicht und nicht nur Kür. Wer nicht vom Virus des Fortschritts – im Sinne von „was gestern geschehen ist, interessiert mich nicht, weil schlechter“ – infiziert ist, dürfte hierzu weniger Barrieren haben. Die Entstehung dieses Buches geht fast 400 Jahre zurück in eine sehr aufgewühlte Zeit. In Europa tobte der Dreißigjährige Krieg. Der weitsichtige Pädagoge – besser Pansophist, denn die strikte Fächertrennung war seiner Zeit fremd – Johann A. Comenius (1592-1670), tschechischen Blutes, blickte in die Zeit nach dem Krieg. Nach dem „Schrecken so grässlicher Kriege“ (S. 14) musste nicht nur ein äußerlicher Wiederaufbau erfolgen. Die Jugend sollte durch „sorgfältige Erziehung“ geheilt werden (29). Comenius fürchtete, dass sie ohne gehörte Fürsorge aufwuchs (29). Damit verbunden war der Gedanke, dass die Erziehung der Jugend die Grundlage für die künftige Kirche, sowie für das Staats- und Hauswesen bildete (33).

Eine umfassende Zielsetzung

In einer denkwürdigen Grußbotschaft kommuniziert Comenius vorab seine gewiss nicht bescheidene Zielsetzung, die Untertitel der durch Andreas Flitner neu übersetzten und herausgegebenen Ausgabe bildet: Es geht um die „vollständige Kunst, alle Menschen alles zu lehren“ (3). Ihm schwebte nicht nur eine solche umfassende Bildung vor, sondern er öffnete seinen Blick auch für das Heil der ganzen Menschheit (5). Dabei trieb ihn der leidenschaftliche Wunsch für das öffentliche Wohl an (14). Warum? Nächstenliebe würde der Menschheit nichts vorenthalten, was Gott zum Wohl des Menschengeschlechts gelehrt hatte (17). Comenius sprach bewusst auch als Theologe (19).

Pädagogik vom Ziel her denken

Bemerkenswert ist weiter der Start. Comenius beginnt mit der Heilsgeschichte. Er spricht vom verlorenen Paradies (4) und von der durch Sünde zerstörten Ordnung (11). Der Mensch lebe unbekümmert von den Fragen des ewigen und des zeitlichen Lebens dahin. Dabei ist er „höchstes, vollkommenstes und vortrefflichstes Geschöpf“, der Schlussstein von Gottes Schöpfung (Kapitel 1,3). Diese heilsgeschichtliche Sicht bestimmt das Gesamtbild: Das letzte Ziel des Menschen liegt nämlich ausserhalb dieses Lebens (2. Kapitel). Was für ein Beispiel teleologisch orientierter Pädagogik!

Das Ziel bestimmt die Prioritäten

Alles was wir in diesem Leben tun und leiden, zeigt, dass wir hier unser letztes Ziel nicht erreichen, sondern dass alles an uns und unser ganzes Selbst einem andern Ziel zustrebt. (2,5)

Also ist das diesseitige Leben eine Vorbereitung auf das zukünftige. (3. Kapitel). Die letzte Bestimmung liegt in der ewigen Seligkeit der Gemeinschaft Gottes (4,1). Das ist eine durch die Grausamkeit des Krieges fokussierte und geschärfte Optik. Das gegenwärtige Leben ist so unsicher (7,1); es dauert so lange, wie für die Vorbereitung auf das zukünftige notwendig ist (14,9). Was hieß das für die Vorbereitung der Kinder? Sehen wir uns einige Stellen im Original an (aus dem Kapitel „Die Methode, zur Frömmigkeit hinzuführen“; Hervorhebungen von mir).

Wenn die Kinder alt genug sind, um sich belehren zu lassen, so muss ihnen vor allem eingeprägt werden, dass wir nicht um dieses Lebens willen hier sind, sondern der Ewigkeit zustreben, und dass dieses Leben nur ein Übergangsstadium ist, in dem wir uns für unsre ewige Wohnung recht vorbereiten sollen (24,12).

Es wäre töricht, wollte man sich mit dem beschäftigen, was man doch bald zurücklassen muss, und das vernachlässigen, was uns bis in die Ewigkeit begleitet (24.13).

(Die Schüler) sollen sich also daran gewöhnen, alles, was sie hier sehen, hören, berühren, tun und leiden, unmittelbar oder mittelbar auf Gott zu beziehen. (24,18)

Alles, was die Jugend ausser der Hl. Schrift etwas noch gelehrt wird (Wissenschaften, Künste, Sprachen usw.), muss so der Schrift untergeordnet werden, dass klar wird: alles, was zu Gott und dem künftigen Leben keine Beziehung hat, ist durchweg eitel. (24,24)

Und man soll sie darauf hinweisen, dass der sicherste Weg zum Leben der Weg des Kreuzes ist, deshalb ist Christus, der Führer zum Leben, ihn zuerst gegangen und hat die andern aufgefordert, ihn auch zu gehen, und führt diejenigen darauf, die er am meisten liebt. (24,28)

Weil wir wegen der Verderbtheit dieser Welt und der Natur niemals so weit vorwärtskommen, wie wir sollten, und weil unser verderbtes Fleisch, wenn wir ein wenig vorwärtskommen, leicht selbstgefällig und hochmütig wird, was unsere Seligkeit die grösste Gefahr bedeutet (da Gott den Hochmütigen widersteht), müssen schliesslich alle Christen beizeiten gelehrt werden, dass unsere guten Bestrebungen und unsere Werke wegen unserer Unvollkommenheiten nichts taugen, wenn uns nicht Christus, das Lamm Gottes, an dem der Vater Wohlgefallen hat und das der Welt Sünden trägt, mit seiner Vollkommenheit zu Hilfe kommt, dass man also ihn anrufen, ihm allein vertrauen müsse (24,30)

Anthropologie (I): Im Bild Gottes geschaffen

Doch Achtung: Comenius‘ weiter theozentrischer Blick gleitet nicht in Resignation ab. Er betont von Anfang an, dass der Mensch im Ebenbild Gottes geschaffen ist (4,5). Er ist von Geburt an fähig, „das Wissen von den Dingen zu erwerben“ (5,4). Es ist daher nicht nötig, etwas in den Menschen hineinzutragen, da es in ihn hineingelegt ist (5,5). Ferner ist dem Menschen der Wissensdrang eingepflanzt (5,7). Unser Gehirn gleicht Wachs (5,10). Der Mensch freut sich an Harmonie und geht ihr mit Eifer nach (5,14), ja er selbst ist harmonisch als Einheit mit vielen Teilen, die zusammenarbeiten, geschaffen (5,15). Alles Nötige ist im Menschen angelegt, muss aber entwickelt werden. Fähigkeiten müssen durch Beten, Lernen und Tätigkeit erworben werden (6,1). Dieser Erwerb wird durch den Sündenfall erschwert (6,5).

Anthropologie (II): Durch die Sünde verdunkelt

Selbstverständlich geht Comenius weiter zum Thema, das seit bald 200 Jahren in der Pädagogik tabu ist. Das Innere des Menschen ist seit dem Sündenfall verdunkelt (5,5). Doch „so sehr er durch den Sündenfall verdorben sein mag“ (5,17) und so stark sein „natürliches Streben nach Gott als dem höchsten Gut“ durch den Sündenfall verdorben und in Verrenkung geraten ist (5,21). Nur von der Verderbnis schwätzen würde heißen, über die Wiedereinsetzung schweigen (5,23). Ja, es besteht ein Erbübel, das „von den Erstgeschaffenen auf uns gekommen“ ist (11,8). Deshalb haftet der verdorbenen Natur ein hässlicher Makel an, nämlich die Eigenliebe, an. Jeder wünscht sich nur sein eigenes Fortkommen kümmert sich nicht um das Geschick der anderen kümmern (23,12).

Von der Natur lernen

Comenius machte es sich zur Pflicht, von den Vorgängen in der Natur möglichst viel zu lernen und abzuleiten. Alles, so ist er überzeugt, ist von Gott harmonisch geschaffen worden (20,11). Die Jugendjahre hat Gott zur Bildung (7,6). Diese Bildung betrifft – man staune – für die „gesamte Jugend beiderlei Geschlechts (9,1). Warum? Weil es bei Gott kein Ansehen der Person gebe (9,2). Bei der Bildung gehe es aber nicht nur darum, sich fremde Meinungen aneignen, sondern bis zur Wurzel vordringen (12,2). Welche Prinzipien leitete er vom Studium der Natur ab? Einige Beispiele:

  • Eine sorgfältige Berücksichtigung der vorhandenen Begabung und des Charakters (12,18-25)
  • Eine kunstgerechte Anordnung von Zeit, Stoff und Methode (13,15)
  • Nahrung, Bewegung und Ruhe (15)
  • Kein Lernen zur Unzeit (16,7)
  • Die Ausdauer, um etwas zu Ende führen (16,55)
  • Liebevolle Behandlung (17,16)
  • Der Gang vom Leichteren zum Schwereren (17,25)
  • Kein übermäßiger Druck (17,40)
  • Der Lernende soll Gelegenheit erhalten, andere zu lehren, was er gerade selber gelernt hat (18,44)
  • So viel als möglichen den Sinnen vorzuführen (20,6)
  • Die tägliche Gewohnheit der Aufmerksamkeit zu entwickeln (19,22)
  • Bei einem Gegenstand zu verweilen zur gehörigen Festigung der Grundlagen (21,12)
  • Den Lernenden daran zu gewöhnen, neue Erfindungen zu versuchen (21,14)

Bodenhaftung

Bildung bezweckt Gott und mit ihm auch den Geschöpfen und uns zu dienen (10,8). Es geht um Charakter und um Inhalte, nämlich Frömmigkeit, Sittlichkeit und Wissen (10,9). Dieser Prozess beinhaltet, Christus so ähnlich wie möglich zu werden (10,16). Comenius schweben dabei kein platonischen Ideen oder eine Jagd nach Vollkommenheit vor (11,2). Eben weil er sein Ziel so klar abgesteckt hat, kann er sich fortan auf die Dinge konzentrieren, die uns „wirklich umgeben“ und „wahren Nutzen fürs Leben bringen“ (20,16). Für den Lehrenden bedeutet dies: Er ist nur Diener, nicht Herr, nur Mitbildner, nicht Umbildner der Natur (19,54).

Fazit

Dieses Werk ist hochinteressant. Es scheint, als habe uns der Gelehrte aus dem 17. Jahrhundert einiges in Erinnerung zu rufen, das seit der Aufklärung in Vergessenheit geraten ist. Fritz Blättner, Vertreter der geisteswissenschaftlichen Pädagogik und Verfasser eines Standardwerks zur Pädagogik-Geschichte, beschreibt die große Wende in der Pädagogik in der Abkehr vom „Jenseitsglauben“ (Geschichte der Pädagogik, Quelle & Meyer: Heidelberg 1973, S. 53, Hervorhebungen von mir).

Die christlich-gläubige Sicht des Lebens weiss, dass der Mensch sich in der unbegreiflichen Herrlichkeit Gottes befindet. Ihr ist alles nur von Gott her und auf Gott hin begreiflich. … Alles dies verkehrt sich in wenigen Jahrhunderten in sein Gegenteil. Immerhin dauert es Jahrhunderte, bis es durchdringt – es gibt heute noch Reste jenes Jenseitsglaubens, und heute mehr denn je sind wir im Zweifel, ob er nicht tiefer und wesenhafter ist als der Glaube an das Leben, an den Menschen und seine Kraft und Selbstvollendung. Aber die Jahrhunderte zwischen 1600 und 1900 gehören dem neuen Glauben, und in ihm wird die Erziehung neu gedacht. Alle pädagogischen Reformen wollen den Menschen aus menschlicher Selbstkraft vervollkommnen, also erziehen; und wenn wir heute die Ernte einbringen, können und müssen wir fragen: Waren wir auf dem rechten Weg, haben die Comenius und Francke, Rochow, Rousseau, Pestalozzi, Herbart und Kerschsteiner den Menschen menschlicher gemacht? Geht der Weg der Menschen auf der Erde zu einem irdischen Ziel – oder ist es Gott, der die Vollendung in der Gnade schenkt?

Ich bin von letzterem überzeugt. Alles Bestreben des Lernens leitet sich doch von seinem Ziel ab. Nicht die Vervollkommung und Verwirklichung des Menschen hat erste Priorität, sondern die Ausrichtung auf das ewige Leben. Comenius bleibt nicht bei diesem hehren Ziel stehen, er denkt seinen Gesamtentwurf der Bildung durch. Der Bildungsprofi wird ganz praktische Vorschläge zum Umgang mit großen Klassen oder mit verschiedenen Lerntypen vorfinden.

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