Buchbesprechung: L’abri

Edith Schaeffer. L'Abri: Die Geschichte und die Ursprünge von L'Abri. Hänssler: Holzgerlingen, 1999. 315 Seiten.

Krankheit, Unfälle, Depressionen, Entmutigung, Enttäuschung, Erschöpfung – all das gehörte ebenso zu unserem Alltag, wie die Schwierigkeiten, die sich aus Geldknappheit ergaben, aus der Versuchung, aufzugeben… (269)

L'abri fasziniert und inspiriert mich seit Jahren. Edith Schaeffer ist letztes Jahr in hohem Alter heimgegangen. Die folgenden Ausschnitte aus dem biographischen Buch sind nach drei Fragen geordnet:

  1. Was war das Anliegen von l'abri?
  2. Wie beschrieb Edith die weltanschaulichen Grundlagen der Arbeit?
  3. Welche Lektionen lernte sie durch die Arbeit?

Das Anliegen

Der Beweggrund nach Europa zu gehen war die geistliche Lage Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Francis Schaeffer hatte während eines Aufenthalts in Europa "die Folgen theologischer und philosophischer Bomben, die den Glauben und geordnetes Denken zerrissen und zerstreut haben" festgestellt (33). L'abri wurde nach folgenden Prinzipien aufgebaut und geführt: Finanzielle und materielle Bedürfnisse wurden allein Gott im Gebet anvertraut. Es wurde täglich dafür gebetet, dass Gott die Menschen seiner Wahl zuführt. Gott sollte das Werk planen, und das Tag für Tag. Deshalb wurde auch gebetet, dass Gott die Mitarbeiter seiner Wahl schickt (19).

Die Besucher kamen mit einem Anliegen, nämlich "mit einer persönlichen Not oder mit dem Wunsch zu lernen, wie sie anderen im geistigen Wirrwarr unserer heutigen Gedankenwelt helfen können" (17). "Jede Art von Religion und Philosophie war vertreten, aber etwas verband die verschiedenartigen Menschen als Kinder des 20. Jahrhunderts: Die Unfähigkeit zu glauben, dass es eine Wahrheit gibt." (252) Das Christsein würde sich bemerkbar machen. "Jesus erklärt, dass da jemand ist, der Heiliger Geist genannt wird, der das Leben der Menschen, in denen er wohnt, so beeinflusst, dass Folgen beobachtet werden können" (67).

Was waren die Inhalte?  Die Tagesstruktur bot formell und informell viel Zeit zum Diskutieren und Nachdenken. "Unsere Gäste würden so viel Zeit und Gelegenheit haben, ganz zwanglos bei den Mahlzeiten oder selbst in der Küche Fragen zu stellen und die Antworten auf Bergwanderungen zu überdenken." (139) Das Gebet gehörte in den Tagesablauf. "Die Gebetstage sind eine regelmässige Einrichtung bei L’abri. (…) Unsere Gebetstage gestalten wir so, dass wir eine Liste an die Küchenwand hingen, auf der der Tag in halbe Stunden aufgeteilt war. Dort konnte sich jeder für die Zeit eintragen, die er übernehmen wollte." (188f)

Wie entwickelte sich das Werk? Die Besucher sollten "etwas erlebten, das ihr Leben veränderte. Dieses 'Etwas' besteht in einem neuen Verständnis der geistigen Strömungen unseres Jahrhunderts" (257). "Nach und nach wurde eine ganze Reihe von ihnen Christen. Sie blieben brieflich mit uns in Verbindung." (69) Allerdings war die Dauerbelegung in l'abri auch mit Nachteilen für das eigene Familienleben verbunden. "Das schafft natürlich Probleme für unser eigenes Familienleben, und für sie gibt es keine Patentlösung." (248)

Weltanschauliche Grundlagen

Schaeffers sahen sich als Vertreter des Anliegens der Reformation. Das bedeutete erstens, die Bibel als Autorität, die jenseits alles menschlichen Relativismus steht, ernstzunehmen. Zweitens hiess das den direkten "Zugang zu dem absolut heiligen Gott auf der Grundlage des vollbrachten, absoluten Werkes Christi in Raum, Zeit und Geschichte" vorauszusetzen (39). "Um unsere Freude zu verstehen, müssen Sie bedenken, dass wir die Aussagen der Bibel, die in der Weihnachtsbotschaft zusammengefasst sind, wirklich als wahr und von unermesslicher Bedeutung ansehen." (47) Das bedeutete Umdenken. Es ging nicht einfach um Charakter- oder Persönlichkeitsentwicklung. "Sie (ihre Kinder) schienen vielmehr wirklich zu verstehen, dass 'nett sein' und 'Charme haben' oder 'feinfühlend und gutherzig sein' keine Kriterien sind, nach denen die Bibel einen Menschen beurteilt." (53) Wie sagte Francis Schaeffer das so schön? Ideen haben Konsequenzen. "Es gibt keinen Sinn, wenn nicht alles wahr ist. Man kann nicht einfach dies oder das, hier ein Stückchen und da ein Stückchen davon abnehmen. Entweder ist alles wahr oder nichts." (65)

Dieses Vertrauen drückte sich in einer existenziellen Abhängigkeit aus. "Werden unsere Pläne nicht lange im Voraus festgelegt? Wird nicht viel Arbeit bewältigt allein mit Hilfe menschlicher Begabung, Energie und guter Ideen? Wo ist das Platz für die übernatürliche Kraft Gottes?" (77) Wer nicht einfach auf Menschenkraft baut, muss sich beugen. Für Schaeffers hiess das, niederzuknien und Gott um Beistand zu bitten (93). Dasselbe galt auch in der eigenen Familie. "Wir glaubten, dass Gott das unmittelbare Problem für sie (die Tochter) lösen und sie bestimmt über die Hürde kommen würde, die sie jetzt so verzweifelt stimmte." (103) "In dem geringen Mass, in dem es uns gelungen ist, unser Selbst beiseite zu setzen und auf Gottes Weisung zu warten, sind wir der Wirklichkeit Gottes in echter Kommunikation begegnet." (249)

Diese Einheit von Denken und Tun wurde von Gott gesegnet. "Es gibt eine reale Kontinuität, wenn Samen in die fruchtbare Erde fällt." (277) Schaeffers Leben bestand daraus, für andere da zu sein. "Die Realität zeigt sich, wenn man anderen dient." (281) Nicht "Wellness" und zurückliegen, sondern Anpacken war gefragt: "Freiheit ist das Privileg, was zu tun!" (294) Dieses Wirken geschieht im Bewusstsein, dass niemand die "Blaupause von jemand anderem" ist (304). Ebenfalls gilt, dass Kummer und Beschwerden "in die Wirklichkeit des Redens von der Wahrheit in einer gefallenen Welt hineinverwoben" sind (306). Vieles tut sich nicht von heute auf morgen. "Gottes Wege brauchen Zeit zur Entfaltung." (307)

Lebens-Schule

Aus dieser Beschreibung wird deutlich, dass der Weg durch die Jahre und Jahrzehnte zur Lebensschule für die Betreiber des Werks wie auch für die Gäste und Mitarbeiter wurden. "Wir glaubten nicht, dass dies Zufall oder Glück war, sondern die bestimmte Antwort eines persönlichen Gottes." (58) "Wichtige Ereignisse im Leben pflegen sich nicht vorher anzukündigen. Kein Trommelwirbel und kein Trompetenstoss zeigten einem etwa die das eigene Leben verändernde Begegnung mit einem Menschen an oder deuten auf die wichtigste Lektüre oder das ausschlaggebende Gespräch hin die wie nichts anderes Einfluss auf einen gewinnen werden, oder wenn die wichtigste Woche seines Lebens vor einem steht" (63). Das führt dazu, mit Überraschungen und Unvorhergesehenem zu rechnen. "Das Leben ist eben nicht programmiert und hübsch nach Stundenplan ohne Unterbrechungen eingeteilt." (76)

Es gab harte innere Kämpfe. "Das war kein leichter Kampf, und in gewisser Weise war die Haltung, die er (Francis) dabei gewann, ein Teil der Grundlage, die Gott für unsere künftige Arbeit bereitete." (84) Die weitere Wegstrecke zeigte sich oft nur bis zur nächsten Kurve. "Es war eine Ermutigung für den Augenblick, aber es war auch mehr: etwas, auf das wir zurückblicken konnten, wenn der Weg hart erschien, ein tröstliches Wegzeichen für die Strecke bis zur nächsten klaren Markierung." (99) "Das ist das Erstaunliche an solchen Umbruchszeiten im Leben: Es gibt niemals ein  bisschen Zeit, das mit dem Etikett versehen wäre: 'Ausschliesslich zum Gebrauch bei Umzug – alle anderen Verpflichtungen hören auf.'“ (121)

Auf der einen Seite war die Führung Gottes, gerade in wichtigen Entscheiden, erfahrbar. "Gott unterstreicht manchmal noch die Dinge, wenn wir aufrichtig um seine Führung gebeten haben." (144) Das bewirkte jedoch keine sorgenfreie Vorfahrt ohne Abbremsen. "Ein Leben, das Stunde um Stunde in der Abhängigkeit von Gott gelebt wird, ist nicht etwa sorgenfrei, glücklich und problemlos, wer das denkt, hat, wie ich meine, noch nicht die Wirklichkeit erfahren." (159) "Manchmal, wenn wir schwierige Zeiten durchleben, scheint es, als wenn die Schwierigkeiten einfach zu irdisch seien, um auch nur Beachtung zu verdienen." (185) "Es schien, dass wir Prüfungszeiten durchstehen mussten, Zeiten, in denen es wichtig war, mit Vertrauen zu warten und voller Glauben zu beten, dass Gott das Unmögliche tun könne. Dann kamen wieder Zeiten, in denen sich Gebetserhörungen, 'Zeichen' und 'Wegweiser' in fast erschreckender Weise häuften." (204)

Gab es auch Momente der Ungeduld? Natürlich. "Es ist so menschlich zu meinen: Jetzt endlich ist die Zeit zum Handeln gekommen. Man ist zu ungeduldig, um zu warten." (230) "Was wäre geworden, wenn wir unseren eigenen Plänen gefolgt wären? Was, wenn wir uns nicht der Wirklichkeit des Gebets hingegeben hätten?" (234)

Fazit: Trost angesichts der eigenen Limitierung

Dieses Buch tröstete mich nicht zuletzt als Vater einer Grossfamilie mit permanent mehr Ideen, Projekten und Wünschen, die je zu verwirklichen möglich sind. Auch die Besucher in l'abri "kommen nicht zu uns 'zwischen neun Uhr morgens und fünf Uhr nachmittags', in hübsche kleine Zeitpakete verpackt, wenn unsere Kräfte noch frisch sind, wenn wir genug Schlaf hatten und ein bisschen Gymnastik und ausreichende Mahlzeiten hinter uns gebracht haben." (289) Ist das Interesse für das Buch geweckt? Also, Stift und Taschentuch bereithalten. Lesen. Und bei Erkenntnissen auf die Knie gehen.