Kolumne: Was uns die Lehrmittel über die aktuelle Bildungsphilosophie lehren

Seit Jahr und Tag beschäftigen wir uns mit Lehrmitteln. Ich beschränke mich in diesem Beitrag einmal auf Produkte, die eigens für Schüler angefertigt werden. Natürlich gibt es eine Menge weiterer Bücher und Medien, welche dem Lernenden zur Verfügung stehen. Diese sind oft viel lebendiger und ansprechender gehalten, gerade weil der didaktische Zweck nicht im Vordergrund steht. Wir haben beim Unterricht der Söhne besonders darauf geachtet, die Kinder mit möglichst vielen lebendigen Büchern in Kontakt zu bringen. Sie werden regelmässig in Bibliotheken und Buchantiquariaten beschafft, sollen in der ganzen Wohnung herumstehen und -liegen, regelmässig von Eltern und Geschwistern vorgelesen, von den Kindern nacherzählt und zusammengefasst werden. Wer Bücher liest, formt innere Landschaften. Er knüpft über die Jahre ein Netz von Zusammenhängen. Er lässt sich immer wieder auf andere Weltsichten und Perspektiven ein, die er sich im Unterschied zu den Bildmedien innerlich selber aufbauen muss.

Meine Frau verfolgt mit Interesse die Produktion von Lehrmitteln. Über die Jahre ist sie mit Mitarbeitern der Lehrmittelzentrale ins Gespräch gekommen. Ein Mitarbeiter legte ihr kürzlich seine Sicht dar. Er meinte, dass Schüler heute nur noch dafür ausgebildet werden sich das Wissen (vom Internet) zu holen. Dafür müssten sie nicht oder kaum mehr auswendig lernen. Dies gibt mir zu denken. Könnte es sein, dass sich durch die fehlenden Inhalte das kindliche Hirn nicht mehr eine solide Grundstruktur des Wissens aufbauen kann? Dass ihnen als Erwachsene damit viele Zusammenhänge fehlen? Wissen zu beschaffen ist eines, dieses in einen konstruktiv-kritischen Zusammenhang zu stellen, eine ganz andere Fähigkeit. Damit nimmt die Abhängigkeit in doppeltem Sinne zu: Einerseits vom Internet als Wissensträger (was passiert, wenn einmal der Strom abgestellt oder die Verbindung gekappt wird?); andererseits von den durch Suchmaschinen nach Häufigkeit des Aufrufens bereit gestellte Wissenshappen. Die Menschen werden dadurch unempfindlich für Fehlinformationen. Ich vermute zudem, dass die jungen Menchen einen zusätzlichen Referenzrahmen brauchen, um sich ihre Weltsicht zurecht zu legen. Sie mischen dies aus dem eigenen Filter der sozialen Medien und der Gruppe der Gleichaltrigen, an die sie sich emotional anlehnen.

Zurück zu den Lehrmitteln. Die Schüler müssen heute im Unterschied zu früher statt der Druck- und der Schnurschrift nur noch eine Basisschrift lernen. Dabei können sie sogar ihre eigene Ausprägung entwickeln. Die Handschrift sei nicht mehr wichtig, da die Tastatur der elektronischen Geräte zum Erfassen bereitstehe. Ich bringe auch hier meine Bedenken an. Das saubere Erlernen zweier Schriften ist nicht nur eine Disziplinierung der Hand, sondern auch des Geistes. Schreiben ist eine Kulturfähigkeit. Damit einher geht die Erweiterung des Wortschatzes, das korrekte Formen von ganzen Sätzen. Damit wird die Ausdrucksfähigkeit gefördert. Ich befürchte, dass mit dem Zurückgehen der Handschriftlichkeit auch diese Fähigkeit sich zu artikulieren zurückgehen wird. Es könnte das funktionelle Analphabetentum fördern.

Das zweite Beispiel betrifft die Mathematik-Lehrmittel. Mein ältester Sohn hat einige Wochen mit neuem neuen Lehrmittel für die Oberstufe gearbeitet. Als Selbstlerner beklagte er sich, dass ihm in diesem Lehrmittel jeglicher Überblick fehlte (was muss ich weshalb lernen? woran schliesst es an?) und auch die Erklärungen kümmerlich bis gar nicht vorhanden seien. Wie glücklich bin ich darüber, dass in der Schweiz dank dem Bildungsförderalismus die einzelnen Kantone unterschiedliche Lehrmittel entwickelt haben. So stehen uns – Gott sei Dank – aus anderen Kantonen und anderen Jahrzehnten brauchbarere Lehrmittel zur Verfügung. Es braucht doch eine saubere Einführung, verständliche Zielsetzungen, im Idealfall den Anschluss an den früheren Stoff, das Aufzeigen der besten Lösungswege. Die idealistische Erkenntnistheorie, die hinter den neuen Mathematiklehrmitteln steckt, geht von einer individuellen Konstruktion der Kategorien jedes Schülers aus. Jeder erschliesse sich seine Welt auf seine Weise und zu seiner Zeit. Eigentlich ist "erschliessen" schon zu viel gesagt! Er "schafft" sich sein Universum. Was für ein Blödsinn. Mathematik lebt doch gerade von den vorgegebenen Kategorien, die der Schöpfer in das Geschaffene hineingelegt hat; das sich Generationen erschlossen haben; das gute Pädagogen in fassbare Etappen unterteilt, mit guten Beispielen versehen haben und in genügender Anzahl wiederholen lassen. Durch die Überbetonung der individuellen Erschliessung halten wir uns weniger an vorgegebene Inhalte und den besten Weg, den uns vorhergehende Generationen erschlossen haben. Ironischerweise brauchen wir ja trotzdem ein normierendes Lehrmittel, das alle zu bearbeiten haben!

Meine Söhne haben eine klare Meinung zu den Mathe-Lehrmitteln. Sie seien gut illustriert und ansprechend gestaltet. Es fehlten jedoch der Überblick und vor allem die Übungsgelegenheiten. Deshalb holen sie sich zumindest ein zweites, oft älteres Lehrmittel, um zu vertiefen und zu üben. Gerade das Kopfrechnen, das aus den Büchern verschwunden ist, schätzen sie besonders. Und mein Ältester ist froh, hat er mit einem älteren Lehrmittel aus einem anderen Kanton inhaltlich wieder Anschluss gefunden.

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