Buchbesprechung: Dooyeweerd-Kenner wirft neues Licht auf inhaltliche Wurzeln der neo-calvinistischen Bewegung

Ich habe mich durch den ersten Drittel von Glenn Friesens neuem Werk gearbeitet. Den vierten, längsten Teil habe ich nur angelesen. Dort geht der Autor ausführlich durch seine 95 Thesen – eine "Taschenausgabe" von Herman Dooyeweerds Werk – und weist die starken inhaltlichen Bezüge zur Theosophie Baaders nach.

Meine Beobachtungen habe ich auf Amazon eingestellt.

Das Buch lässt sich gut in Etappen lesen. Es hilft, dass der Anfang das ganze Programm einschliesst und die weiteren Teile immer umfassendere Auslegeordnungen derselben Ideen enthalten. Insgesamt ist der Befund des Autors nicht von der Hand zu weisen. Er hat ihn sorgfältig dargelegt und minutiös entfaltet. Ich halte das Werk als eine wichtige Ergänzung für die Forschung des Neo-Calvinismus. Unabhängig davon, aus welcher Quelle die Grundideen eines Autors bzw. einer Bewegung schöpfen, stellt sich jedem christlichen Leser, aus welchem Fachgebiet er auch immer kommt, stets dieselbe Aufgabe. Er hat das Fundament den Aussagen der Bibel, Gottes Selbstoffenbarung, gegenüberzustellen. Nicht die Bibel muss sich einem philosophischen System unterordnen, sondern das System umgekehrt der Bibel. Eine Anschlussaufgabe würde also darin bestehen, die Grundideen ' auch wenn sie aus theosophischer Quelle kommen ' biblisch-systematisch aufzuarbeiten.

Dazu kurz einige Anhaltspunkte: Die Aufteilung in eine überzeitliche und eine irdische Zeit ist spekulativ. Die daraus entstehende Idee des Herzens als überzeitlichem Zentrum des Menschen ist sorgfältig mit dem Befund der Bibel zu vergleichen. Ebenso ist festzuhalten, dass Vollenhoven lebenslang mit der Frage rang, ob die Seele unsterblich sei. Hier wich er klar von der orthodoxen biblischen Lehre ab. Dooyeweerd entwickelte durch sein Konzept der Sphären eine Philosophie, die ihn von einer orthodoxen Lehre der Autorität und Inspiration der Bibel wegbrachten. Das trübt den Gesamteindruck erheblich. Es wäre jedoch falsch, ihr Grundanliegen, nämlich das ganze Leben unter die Herrschaft Christi (zurück)zubringen einfach zu verwerfen. Ebenso haben beide Denker sich intensiv mit dem (Neo-)Kantianismus auseinandergesetzt und ihn an wichtigen Stellen kritisiert. Sie befassten sich auch intensiv mit der Phänomenologie und den wichtigen europäischen Philosophen Husserl, Jaspers und Heidegger. Diese Denkarbeit muss respektiert werden, ebenso wie ihr Grundanliegen, die längst auseinander divergierten Stränge von Religion und Wissenschaft, Glaube und Denken wieder in eine christliche Weltsicht zurückzubringen.

 

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