Kolumne: Unsere eigene Generation verachten

Ich bin immer wieder mit dem Gedanken konfrontiert worden, dass man die ältere Generation verachten könne. Doch gibt es auch so etwas wie die Verachtung der eigenen Generation? Je länger ich darüber nachdenke und dabei in mich hineinblicke, desto mehr stimme ich zu. Ja, das gibt es tatsächlich. Ich habe genügend oft unsere Generation als Konsumgeneration gegeisselt, die auf ihre Gadgets, Reisen und anderen (in meinen Augen überflüssigen) Accessoires fixiert ist. Es ist eine schmale Gratwanderung zwischen Gesellschaftskritik und Verachtung. Der Regelfall lautet ja: Die Mehrheit der Insider blickt verächtlich auf die Gruppe der Outsider und lässt sie spüren, dass sie vom Mainstream abweichen. Dasselbe Muster kann sich auch in der umgekehrten Richtung vollziehen: Outsider sehen sich als überlegen an und beginnen die Insider als Teil der Masse zu verachten.

Ich ziehe es vor, dieses Verhalten theologisch eher als psychologisch oder soziologisch zu deuten. Der Heidelberger Katechismus von 1563 lehrt uns in Antwort 5, dass wir von Natur aus – seit dem Sündenfall – dazu geneigt sind, Gott und unseren Nächsten zu hassen. Das Grundschema finden wir am Anfang der Bibel aufgezeichnet. Der Bundesbruch mit Gott (Sündenfall in 1. Mose 3) wirkt sich direkt auf die Beziehung zu den Mitmenschen aus (Kains Brudermord in 1. Mose 4). Dabei gibt es zwei Seiten derselben Medaille: Verzweiflung und Ohnmacht wechseln sich ab mit Stolz und Verachtung. Beide resultieren aus einer verzerrten Sicht auf die eigene Person. Nicht das Leben coram Deo, vor Gott als dem Urheber und Erhalter allen Lebens, steht im Vordergrund. Wir orientieren uns an unserer eigenen Unbeständigkeit. Kain ist geradezu Urtypus: Eifersucht und Zorn führt trotz Warnung zur schrecklichen Tat. Es folgt Flucht und Unbeständigkeit.

Der erste und entscheidende Schritt zur Veränderung besteht in der Erkenntnis und dem Bekenntnis unserer Verirrung. Meistens ist in einer Familie eine Tendenz entweder zu den In- oder Outsidern vorhanden. Es ist in erster Linie die Verantwortung des Vaters, diesen Zustand zum Thema zu machen. Oftmals sind es aber andere Familienmitglieder, die ihn zuerst entdecken und – im Fall der kleineren Kinder – direkt ansprechen. Ich bin gefordert, Gottes Licht auf hässliche Stellen unseres Lebens fallen zu lassen und nicht aus Beschämung zu überspielen oder zu rechtfertigen.

Als Familie gehören wir – als Christen und Homeschooler – zu den Outsidern. Es steht uns gut an, genau hinzuhören, wenn Insider uns kritisieren. Von einem Seelsorger habe ich gelernt: Höre besonders aufmerksam hin, wenn dich Gegner konfrontieren. Stelle dich der Rückmeldung und ziehe dich nicht zurück. Im Buch der Sprüche werden wir oft ermahnt, Zurechtweisung anzunehmen und nicht aus der Schule zu laufen.

Zudem gibt es zwei langfristige Reaktionen, in denen ich mich üben möchte: Zuerst die Bewegung nach aussen. Ich durchbreche die Rückzugsmentalität, wenn ich zu Menschen hingehe und sie direkt anspreche. Darin bin ich kein Meister und auf Gottes Hilfe angewiesen. Zudem besteht die wunderbare Möglichkeit, Menschen zu uns in die Familie einzuladen, um sie besser kennenzulernen. Dann der Blick nach innen: Ich möchte Spott in der Familie konsequent unterbinden. Wenn ich selbst darin fehle, werde ich darauf hingewiesen und gestehe meine Sünde ein.

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