Modell (2): Das Leid von kognitiv begabten Kindern

Faktor 1: (Zu) hohe Erwartungen an sich selbst

Der erste Faktor kommt sehr unverdächtig und harmlos daher. Es ist auch ungeheuer schwierig ihn präzise und anschaulich zu beschreiben. Das mag damit zusammenhängen, dass hier das Innere einer Person betroffen ist. Und zwar ist es nicht ein spontaner, seltener Impuls oder eine klar zu beschreibende Intuition oder eine Ergriffenheit in einem einmaligen Moment. Es handelt sich auch nicht um einen Kraft- und Willensakt, wie er seinesgleichen sucht. Diese Dinge lassen sich, weil sie ausnahmsweise vorkommen und gut im Gedächtnis haften bleiben, mühelos beschreiben.

Ein eingespielter Prozess

Bei diesen selbst vorgegebenen Erwartungen sieht es ganz anders aus. Es ist eine innere Schlaufe, also ein Prozess, der schon x-mal abgelaufen ist. Er spielt sich nicht an der Oberfläche, sondern untergründig ab. Man gibt sich deshalb keine Rechenschaft ab, wenn er auftaucht. Wie dem Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme geht man ihm ohne Rechtfertigung nach. Dazu kommt, dass er sich schon (und gerade) bei kleinen Kindern ausprägt. Aufgepasst, hier ist der Versuch einer Beschreibung:

Warum es so schwer sein kann, ein Wort auf ein Blatt Papier zu schreiben

Man sieht sich in einer Situation, in der es etwas zu erreichen gibt. Es zieht einem, eine unvollständige Sache zu vervollständigen. Bei einem kleinen Bub kann das beispielsweise eine Zeichnung, das Schreiben eines Wortes, das Bauen eines Turmes oder das Herstellen einer bestimmten Szene im Spiel sein. Vor dem inneren Auge erscheint ein Bild, wie es sein müsste, die sechs Buchstaben beispielsweise. Das Muster ist die absolute Vorgabe, die es zu erfüllen gilt. Mit ungeheurer Anstrengung werden die Buchstaben "fabriziert". Nach einer grossen Kraftanstrengung nimmt das Kind Abstand vom eigenen Werk und beginnt zu heulen. Falls es das Wort mit Bleistift gezeichnet hatte, sucht es den Radiergummi. Dann beginnt es das Wort mit langsamen, traurigen oder trotzigen, gar zornigen Bewegungen wieder wegzuputzen. So lange, bis nichts mehr zu sehen ist. Dann steht bereits das nächste Ärgernis an. Es sind noch Spuren des eben vollbrachten Greuels zu sehen. Das Blatt ist gewölbt. Der nächste Versuch wird garantiert nicht mehr gleich ausfallen wie der letzte. Der Bub beginnt erneut die Buchstaben zu Papier zu bringen. Es misslingt wieder. Zu allem Überfluss ruft noch die Mutter, er solle nun eine andere Aufgabe in Angriff nehmen. Zornig schmeisst der Bub den Bleistift hin und klappt das Heft zu.

Das innere Idealbild

In der einen oder anderen Art wiederholt sich dieser Vorgang hundert- und tausendfach. Vor dem inneren Auge ist das Bild bzw. die Vorstellung, wie es sein sollte. Trotz grosser eigener Anstrengung gelingt das Vorhaben nicht so, wie man es sich vorgestellt hatte. Dem Scheitern folgt der Ärger und dem Ärger die Resignation. Einem erwachsenen Betrachter wäre es vielleicht aufgefallen, dass die Buchstaben schon sehr gerade und ebenmässig geraten waren. Doch selbst dieses Fremdbild genügt den eigenen Ansprüchen nicht. Damit sind wir bei der Beschreibung über Vorgänge, die mit den Grundgegebenheiten des Menschen zu tun haben, sowie den Reaktionen der Beeinflusser.

Was dieser Vorgang mit den Grundgegebenheiten des Menschseins zu tun hat

Zunächst ist es erstaunlich, dass sich ein Vier-, Fünfjähriger eine solche lange Zeitspanne hochkonzentriert mit einer Tätigkeit abgeben kann. Das Bündel an kognitiven Fähigkeiten ist die Begabung des Schöpfers, die dieser ihm zukommen liess. Die innere Vorstellungskraft, das Bild, wie der Buchstabe gezeichnet werden muss, das Auge für Form und Mass, der Wille das Resultat in minutenlanger Anstrengung zu erzielen, die Fähigkeit die Buchstaben als einzelne Codes vor- und nachher in ein Wort zu verwandeln.

Gleichzeitig wird das Kind mit seiner Begrenzung konfrontiert. Es kann die Buchstaben motorisch (noch) nicht so zeichnen, wie es ihm sein inneres Bild vorgibt. Es braucht länger, als es dafür eigentlich aufwenden kann. Es muss nochmals von vorne anfangen. Das heisst, es besteht eine Differenz zwischen dem angestrebten Ideal und der tatsächlichen Umsetzung. (Wird das Kind älter, wird es auf einem anderen Niveau so bleiben.)

Noch ein Faktor kommt hinzu: Die Ungleichheit. Es mag sein, dass die um ein Jahr jüngere Schwester ihrem Bruder nacheifert. In spielerischer Manier holt sie sich eine Unterlage, ein Blatt Papier und einen Stift und zeichnet dasselbe Wort genau so ebenmässig oder gar noch ebenmässiger auf das Blatt.

Begrenzung und Ungleichheit müssten in sich kein Problem dargestellt haben. Das Kind hätte seine Begrenzung akzeptieren können. Es hätte das Wort ausradieren, zu einer anderen Tätigkeit springen oder es später nochmals verbessert darstellen können. Doch da gibt es eine weitere Grundgegebenheit: Die Sünde. Theologen haben viel geschrieben, inwiefern Sünde mit Stolz zu tun hat. Ich denke, dass Stolz ein wesentlicher, nicht aber ausschliesslicher Aspekt des sündigen Zustandes der Menschen ist. Dass der Bub nicht nur einer anderen Person nacheifert, um seine Buchstaben sauber aufs Blatt zu bringen, sondern geradezu eine Obsession dafür entwickelt; dass er eifersüchtig auf seine kleinere Schwester wird; dass er ungehalten reagiert, wenn er unterbrochen wird; dass er über seine eigene Begrenzung zornig wird: Das alles hat damit zu tun, dass sein Verstand, sein Wille und seine Gefühle – um diese hilfreiche Kategorisierung von Plato aufzunehmen – durch die Entfremdung der Sünde verändert worden sind.

Die Sünde führt dazu, dass die ersten drei Grundgegebenheiten, die Gott gegeben sind, Anlass zur Entfremdung gegenüber Gott, sich selbst und anderen Menschen wird. Der Bub beginnt schon in jungen Jahren damit, sich selbst statt den Geber dieser Fähigkeiten ins Zentrum zu rücken. Er wird Mass für seine eigene Zufriedenheit. Zudem hat er Mühe, seine Begrenzung zu akzeptieren. Er reagiert mit Ablehnung, Zorn und vielleicht damit, dass er seiner Schwester Schmerzen zufügt.

Die Reaktionen der Beeinflusser

Was die Situation nun noch viel komplizierter macht, ist die Reaktion seiner wichtigsten Beeinflusser. In unserem Fall sind dies die Mutter und die jüngere Schwester.

Überlegen wir uns einige typische Reaktionen der Mutter. Sehr häufig lässt sie den Buben in seinem Mühen und seiner Frustration über den Misserfolg einfach alleine. Sie ist mit anderen Aktivitäten beschäftigt, hat keine Auge für die Situation oder ist seiner Reaktionen vielleicht auch überdrüssig. Der Bub muss also alleine damit zurechtkommen. Der Zorn wird sich legen, nachdem der Frust an der Schwester, an der Mutter oder am Material abgelassen worden ist.

Eine ebenso wahrscheinliche Reaktion besteht darin, dass die Mutter dazukommt und ihren Kleinen für seine Ausdauer oder das Resultat lobt – falls sie es gesehen hat, bevor es dem Radiergummi zum Opfer fiel. Möglicherweise wird das den Jungen erzürnen, weil es nicht seinem Idealbild entspricht, und die Mutter ihn dort lobt, wo es gar nichts zu loben gibt. Hier kann es sein, dass die Mutter den Buben wiederum den eigenen Gedanken überlässt.

Es könnte auch sein, dass die jüngere Schwester ihr Blatt hämisch dem Bruder hinstreckt und ihm damit zu verstehen gibt, dass sie ihn überrundet hat. Dies kann dessen Anstrengung verstärken oder ihn auch (vor allem wenn sich diese Situation schon eingespielt hat) dazu veranlassen zu resignieren und das Projekt "Schreiben" aufzugeben.

Eine alternative Reaktion der Erziehungsperson

Ich argumentiere hier aus christlicher Weltsicht. Wenn die Erziehungsperson bekennt, dass sie durch Jesus zur Erkenntnis ihrer eigenen Sündhaftigkeit gekommen ist und dass das neue Leben ihr die Kraft gibt, auf eine andere Weise zu denken und zu handeln, dann ist es Zeit für einen anderen Umgang mit dem kognitiv begabten Kind.

  1. Darum bitten, zur richtigen Zeit auf das Kind zuzugehen. Die Veränderung des Denkens beginnt mit dem Bekenntnis der eigenen Unfähigkeit. Wie soll das Kind merken, dass es auf Gottes Hilfe angewiesen ist, wenn es die Eltern auch nicht sind?
  2. Die Mutter geht auf das Kind zu, wenn sie sieht, dass er sich mit den Buchstaben abmüht. Anstatt ihn vorschnell zu loben, setzt sie sich zu ihm hin. Sie beginnt laut zu beschreiben, was sie sieht: "Ich sehe, dass du hier ein Wort schreiben möchtest." "Da gibst du dir aber mächtig Mühe." Dann lässt sie Zeit und Raum, um das Kind zu einer Reaktion aufzufordern.
  3. Ein nächster Schritt könnte darin bestehen, dem Kind einige Fragen zu stellen. "Warum ist es dir wichtig, dass die Buchstaben so schön geraten?" "Weshalb möchtest du jetzt den Radiergummi nehmen?" "Weshalb bist du jetzt traurig?"
  4. Nachdem das Kind einige ausweichende Antworten gegeben hat, hält es plötzlich mit seiner Beschäftigung inne. Das ist ein wichtiger Moment. Vielleicht beginnt es jetzt zu weinen. So wie Gott Trost und Halt schenkt, darf das Kind dasselbe von den Eltern erfahren.
  5. Die Mutter beginnt laut zu denken: "Kann es sein, dass die Buchstaben noch schöner hätten werden sollen?" – "Es ärgert dich, dass die Buchstaben nicht so geraten, wie du es dir vorgestellt hast." – "Du bist schon oft hier gesessen und hast geschrieben. Am liebsten möchtest du das Heft hinwerfen und nicht mehr schreiben."
  6. Wenn sich das Kind geöffnet hat, darf behutsam nachgehakt werden. Wer beurteilt, was gut und besser ist? Weshalb schreiben wir? Von wem haben wir diese Fähigkeit geschenkt bekommen? Weshalb können wir nicht von einem Moment auf den anderen perfekt schreiben? Meistens genügen zwei, drei Hinweise und ein kurzes Gebet.
  7. Wenn sich die nächste Situation ergibt, setzt sich die Mutter wieder hin und stellt die Verbindung zur letzten Situation her. Sie hilft ihrem Jungen, mit der Begrenzung umzugehen und selbst Hilfe bei Gott zu suchen.
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