Modell (3): Das Leid von kognitiv begabten Kindern

Faktor 2: Fehlende Disziplin durch Verweigerung und Flucht

Ich bin daran, das innere Spannungsfeld eines kognitiv begabten Kindes auszuloten und dies mittels eines Modells mit mehreren Faktoren bzw. Einflussgrössen zu beschreiben. In auffälligem Kontrast zu den (zu) hohen Erwartungen steht die fehlende Umsetzung. Ich beginne dieses Mal damit, drei Auswirkungen zu skizzieren.

  1. Verweigerung: Die anfänglich grossen Fortschritte lassen mit der Zeit nach. Weil es nicht so klappt, wenn es sich das Kind vorgestellt hat, wendet es seine Energie dafür auf, diesen Situationen auszuweichen. Aus dieser Verweigerungshaltung heraus kann sich eine Gewohnheit entwickeln. Das führt zur seltsamen Situation, dass trotz oder gerade angesichts der Begabung keine Anstrengung mehr in die Entwicklung der Fähigkeiten gesteckt wird.
  2. Betäubung: Was sich Erwachsene mit Alkohol und anderen Drogen besorgen, bekommt das Kind auf anderem Weg. Es geht darum, den Schmerz bei Nicht-Erreichen des Ziels nicht mehr spüren zu müssen. Der Frust wird durch Ablenkung zugedeckt. Dafür bietet sich vor allem für Jungen die Online-Welt an. Er kann den Schmerz über das Verfehlen des eigenen Anspruchs mit den Impulsen aus der virtuellen Welt über-spielen.
  3. Rückzug: Ein weiterer Weg um zu flüchten ist der soziale Rückzug. Natürlich kann sich dieser mit den beiden ersten Formen kombinieren. Was eigentlich eine kleine Anstrengung bedeutet hätte, wird nicht mehr erledigt. Der Schmerz wird betäubt. Um den Reaktionen von aussen zu entkommen und sich der Wirklichkeit nicht stellen zu müssen, werden die Kontakte zurückgefahren.

Auf diese Weise spielt sich ein selbst schädigender Mechanismus ein. Die Spannung steigt ins Unerträgliche. Die eigenen Erwartungen sind hoch geschraubt. Die Kraft wird in den Frust und die Enttäuschung, diesen Erwartungen nicht zu genügen, investiert. Sie verpufft also nach innen. Genau diese Energie wäre jedoch nötig gewesen, um die eigenen Fähigkeiten weiter zu auszubauen.

Ein grosses Ich, das um sich selbst dreht

Wer mit etwas Distanz auf eine solche Situation blickt, entdeckt: Ein grosses Ich, das sich um sich selbst dreht. Das ist sündhaftes Verhalten. Es steht nicht mehr Gottes Ehre im Zentrum, sondern der Dienst an sich selbst. Die eigenen Erwartungen sollen befriedigt werden. Weil dies aus eigener Kraft nicht erreicht wird, werden das Ich und damit auch die eigene Umgebung geschädigt. Das Kind kann nicht das erreichen, wozu es von Gott eigentlich begabt worden wäre.

Wie reagieren die Eltern als Beeinflusser auf eine solche Situation? Das kann unterschiedlich sein: Die einen gehen auf Distanz und überlassen das Kind sich selbst. Es ist ihnen zu mühsam oder zu unangenehm, genau hinzusehen und selbst Kraft zu investieren. Vielleicht haben sie beim Bemühen, die Situation zu ändern schon selbst ihre Kraft aufgezehrt. Ihre eigenen Erwartungen und Ansprüche sind selbst parallel zu denen des Kindes enttäuscht worden.

Zudem kann sich bei den Eltern ein schlechtes Gewissen einschleichen. Dies stabilisiert die Situation. Sie kommen dafür auf, dass sich das Kind weiterhin betäuben kann. Oder – etwas niederschwelliger – sie beginnen das Kind in kleinen Angelegenheiten zu entlasten und zu „unter-stützen“. Damit stützen sie die Tatenlosigkeit. Nur mit einer hohen Anstrengung der Eltern lässt sich das Kind noch auf kleine Verrichtungen und Aufgaben ein.

Natürlich können die Eltern auch auf die andere Seite gehen: Anstatt selbst zu resignieren oder im Mitleid das Kind daran zu hindern, gute Gewohnheiten aufzubauen, treiben sie das Kind zu besserer Leistung an. In dieser Situation ist der oben beschriebene Ablauf unauffälliger über die Bühne gegangen. Das Kind erreicht die schulischen Ziele mit geringer Anstrengung und verwendet den Rest der Kraft in ablenkende Tätigkeiten und/oder Betäubung.

Auf diese Weise kann sich ein anderes Muster etablieren: Wenn die Kinder eine – für ihre Begabung und Alter verhältnismässig geringe – Leistung erbringen, werden sie damit belohnt, dass sie in eine andere Welt flüchten oder mit Konsum kompensieren dürfen. Es wird ein Tauschhandel eingerichtet: Für etwas Leistung gibt es finanzielle und zeitmässige Belohnung. Das Kind baut die Gewohnheit auf, sich nur noch mit Aussicht auf Belohnung zu bewegen. Es gibt zwei kurzfristige Risiken auf diesem Weg: Wenn die Belohnung ausbleibt, fällt auch die Leistung aus. Weil zudem der Stimulus in solchen Kreisläufen zunehmen muss, steigt der Anspruch des Kindes auf Kompensation an.

Zurück auf die Strasse kleiner Schritte

Wie kann diesem Kreislauf aus christlicher Weltsicht entgegen gewirkt werden? Zuerst ist es notwendig, dass die Antriebskräfte für das Handeln offengelegt werden. Seit wann werden die Anstrengungen des Kindes immer geringer? Was waren wichtige Momente auf diesem Weg des Rückzugs? Mit welch stützendem Verhalten haben Eltern und Kind darauf reagiert? Wo hat man sich gegenseitig etwas vorgemacht? Weshalb haben Kind und Eltern die Wahrheit so unter dem Deckel gehalten?

Wenn das Versagen und die Sünde auf dem Tisch sind, geht es darum, diese vor Gott zu bekennen. Eltern und Kinder haben sich selbst gedient und sich in den Vordergrund gerückt. Das Ändern von Gewohnheiten braucht Zeit. Es kann nicht alles von einem Tag auf den anderen gewendet werden. Verluste sind zu beklagen und anzunehmen.

Dann geht es darum, mit den eigenen Anspruch umgehen zu lernen. Das Kind wird angeleitet, den eigenen Anspruch mit Gottes Hilfe zurückzustellen. Es darf sich selbst Rechenschaft über den hohen Anspruch und die daraus entstehende Spannung abgeben. Diese Spannung wird umso grösser, als keine Anstrengung mehr unternommen wird.

Es geht also darum, Schritt für Schritt zurück ins Handeln zu kommen. Das geschieht in kleinen Portionen, täglich ausgeführt. Zum Beispiel werden jeden Tag einige Sätze in Fremdsprachen gelernt. Die Hausaufgaben werden pflichtbewusst erledigt. Das Lernen auf Prüfungen wird auf mehrere Tage oder sogar Wochen aufgeteilt.

Über diese kleinen, ermüdenden, disziplinierten Versuche hinaus gilt es mittelfristig ein oder mehrere Bereiche zu entdecken und in Besitz zu nehmen, in denen das Kind begabt ist. Das kann Literatur oder das Lösen von anspruchsvollen Aufgabestellungen im mathematischen Bereich sein; Musik, Komposition, das Erlernen von Computersprachen, das Bauen einer elektronischen Anlage. Diese Fähigkeiten kann es mit der Zeit für andere einsetzen.

Das hört sich zu ideal an, um wahr zu sein. Tatsächlich: Wenn Gott nicht das Herz, das heisst die Schaltstelle aller inneren Überlegungen, Willensimpulse und Gefühle, nicht verändert, dann spreche ich hier von einer Welt der Wünsche. Doch Gott verspricht, dass sich das neue Leben in alle Bereiche des Lebens auswirken wird. Nicht vollkommen – wir bleiben auf dieser Erde mit der sündigen Anlage -, aber grundsätzlich und substanziell.

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