Buchbesprechung: Eine Pilgerreise

C. S. Lewis. Flucht aus Puritanien. Eine phantastische Reise. Brunnen: Giessen/Basel, 1998. 274 Seiten. Gebraucht erhältlich.

Mein Sohn hat sich vor einiger Zeit das Hörbuch von „Die Pilgerreise“ von John Bunyan in englischer Sprache angehört. Dieses Buch lehnt an dieses berühmte Werk an und ist von einem nicht weniger berühmten Autoren geschrieben. „Die Flucht aus Puritanien“ ist im Original mit dem aufschlussreichen Titel „Pilgrim’s Regress“ versehen. Clive Staple Lewis (1898-1963) schrieb dieses Buch kurz nach seiner eigenen Zielankunft nach einer langen Reise von einem „landläufigen Realismus zum philosophischen Idealismus; vom Idealismus zum Pantheismus; vom Pantheismus zum Theismus; und vom Theismus zum Christentum.“ (261) Diesen autobiografischen Bezug – Lewis wollte jedoch „Allgemeingültiges“ eher als seine Lebensgeschichte wiedergeben (274) – stellt der Autor im Vorwort der zweiten Auflage her, die 10 Jahre später erschien. Lewis war anfangs der 40er-Jahre mitten in einer Serie von Aufnahmen, die später zum berühmten Klassiker „Mere Christianity“ führten und war in der Zwischenzeit ein bekannter Verteidiger des Christentums geworden. Umso mehr erstaunt es, ein Buch zu lesen, das er als 35-jähriger geschrieben hatte. Es ist, so viel mir bekannt ist, oft kritisiert worden. Es sei zu wenig ausgereift. Lewis selbst beklagt im Vorwort „Unklarheit und lieblose Härte“. Um was geht es?

Das Buch beschreibt die Reise von Hans, seinen gigantischen Umweg auf der Suche nach – lasst es mich so verkürzen – der Wahrheit. Erst geht er vielen Stationen entlang und trifft allerhand Leute, welche mit ihrer Weltanschauung versprechen, bereits am Ziel angekommen zu sein. (Ihnen fehlte eben die Mapa Mundi vom Anfang des Buches, das heisst die Sicht auf die gesamte Wirklichkeit.)

Das Motiv der Wanderung ist Bunyans Schilderung (und vielen anderen klassischen Reiseerzählungen) entlehnt. Das Buch gliedert sich in zehn Abschnitte, die wiederum in zahlreiche Unterkapitel zerfallen. Acht Kapitel schildern die Irrwege von Hans, das neunte den Weg durch den Canyon – eine Allegorie für die Bekehrung – und das zehnte die Rückreise, die dank der neuen Sicht viel kürzer dauerte. Jedes Kapitel ist mit kurzen Stichworten versehen, welche die Allegorien erklären. Für einen Leser wie mich stellte diese eine wesentliche Entlastung dar. Lewis spaziert querbeet durch neuere Konzepte wie den Freudianismus, den Dadaismus oder den Materialismus. Er prangert das Maschinenzeitalter an, zu dem er zeitlebens sehr kritische Voten äusserte. Er greift auf alte Vorstellungsweisen wie den Pantheismus oder den Rationalismus zurück. Einzelne Orte sind mit assoziativen Namen wie „Rauschhausen“ oder „Dünkeldorf“ versehen. Hans wirft seine Religion über Bord und wird von den einzelnen Weltsichten hin und hergeworfen.

Ähnlich wie in seinem autobiografischen Werk „Überrascht von Freude“ durchzieht ein roter Faden das Buch: Das unauslöschliche Sehnen des Menschen, das vom König hervorgerufen wird (204). Hans versucht es an verschiedenen Orten zu stillen, unter anderem durch zügellose Sexualität, Rechtschaffenheit, gebildeter Weltlichkeit oder gesundem Menschenverstand. Die einzelnen Begegnungen und noch mehr die Dialoge helfen, wesentliche Argumente der einzelnen Weltsichten zu verstehen. Sie alle verbindet eine „Feindschaft gegen jegliche Jenseitshoffnung“ (269). Die Überquerung des Canyons hängt letztlich nicht von einer eigenen Leistung, sondern von Gehorsam ab. Hans wird durch Zuruf darauf aufmerksam gemacht (184). Er muss erkennen, dass er nicht sich selbst gehört (190) und dass er die Insel, die er ursprünglich suchte, nicht fand – dafür den König (194). Hans gesteht seine Unwissenheit ein, ebenso, dass er auf Menschen gehört hatte, die noch unwissender waren als er (209). Mutter Chiesa, die Allegorie für den christlichen Glauben, weist ihn darauf hin, dass er einen grossen Umweg gegangen war, bis er an den Punkt gelangte, sich selbst aufzugeben (221).

Das Buch mahnte mich auch an eigene Verführbarkeiten. Ich war sehr betroffen über die Position von Monsieur Bonsens, der sich in seinem Häuschen eine eigene Welt aufbaute, dessen Alltag jedoch komplett von seinen schönen Worten abwich und nur dank Sklaverei aufrecht erhalten werden konnte (101ff). Lewis bezeichnet ihn später als „Mann des ewigen Flick- und Stückwerks, und wenn man sich alles wegdenkt, was nicht sein eigene war, dann bleibt so gut wie nichts mehr von ihm übrig.“ (233f) Nur Schlagworte füllten seine Zeit und Existenz aus. Ebenso hinterliess die Figur des Rechtschaffenen ein mulmiges Gefühl bei mir. Er hielt sich über weite Strecken an die selbst geschaffenen Gebote, mühte sich fürchterlich ab, um später diese Gebote über Bord zu werfen und von einem unglaublichen Hass gegen Hans gepackt zu werden (182).

Die vielleicht grösste Einsicht dieses Buches bestand für mich darin, dass verschiedene Weltsichten nicht an ihrer internen Stimmigkeit scheiterten, sondern an der Wirklichkeit. Lewis scheut sich nicht, Karl Barth mit den drei blassen Männern bzw. Herrn Neukirch in Verbindung zu bringen. Und die Kinder von Herrn Weise lebten tagsüber ein angepasstes Leben, um nachts mit Köstlichkeiten aus aller Welt zu kompensieren. Das blieb jedoch ein gut gehütetes Geheimnis (172).

„Die Flucht aus Puritanien“ mag zwar ein frühes, noch nicht in allen Details ausgereiftes, abgerundetes Werk darstellen. Es hält jedoch genug Material bereit, den Leser wirklich ins Nachdenken zu bringen. Ein typisches Lewis-Buch, eben.

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