Buchbesprechung: Die Postmoderne

Ron Kubsch. Die Postmoderne. Hänssler: Holzgerlingen, 2007.

Autor und Anliegen

Ron Kubsch (*1965) ist Theologe und Kulturkritiker im Geiste von Francis Schaeffer, dem reformatorischen Theologen und Apologeten. Er ist sich bewusst, dass auf den knapp 100 Seiten keine umfassende Darstellung einer alle Bereiche des menschlichen Lebens durchdringende Bewegung gegeben werden kann.

5 Anweisungen

Unter 5 Headlines fasse ich wesentliche Inhalte zusammen. Unterhalb sind einige kurze Zitate mit Seitenzahlangaben angeführt.

1. Wir sollten die geistige Luft, die wir täglich einatmen, kennen.

7+12 Die eigene Heimatkultur kennen viele Christen merkwürdigerweise oft kaum. … Man sollte sein Reisegepäck kennen.
14+15 Wo immer das Evangelium in Worte gefasst wird, steht es unter dem Einfluss der Kultur, zu der diese Worte gehören. Und jede Lebensweise, die die Wahrheit des Evangeliums ausdrücken will, ist eine kulturell bestimmte Lebensweise. Ein kulturfreies Evangelium wird es niemals geben. (zit. Lesslie Newbigin)

2. Um die Vorannahmen der Postmoderne zu kennen, müssen wir die geistesgeschichtliche Entwicklung seit der Neuzeit zurückverfolgen.

20 Ich glaube, um zu verstehen (Canterbury) -> Ich glaube, was ich verstehe (Neuzeit)
21 Descartes: Die Letztbegründung findet im Selbst statt.
23 Kant: Unser Erkenntnisapparat erstellt aus dem gegebenen Rohmaterial der Eindrücke aktiv Gegenstände der Erkenntnis.
26 Rationalismus: Alles muss sich vor dem Forum menschlicher Vernunft verantworten.
28 Nietzsche: Die metaphysischen Kategorien haben wir der Wirklichkeit nur angedichtet.
29 Heidegger: Das gegenüber dem Sein offene Denken rückt Heidegger in die Nähe der Dichtung. Wir erfahren es bestenfalls im Staunen. Von den Wissenschaften und der Philosophie haben wir nichts mehr zu erwarten.
30 Linguistic Turn: Die Menschen haben nur über die Sprache Zugang zur Wirklichkeit.
31 Wittgenstein: Sprache ist etwas im Geist der Menschen Vorhandenes, das auf reale Dinge verweist.
32 Gadamer: Es gibt kein Verstehen, das von Sprache, Geschichtlichkeit und Vorurteilen frei wäre.
33 Thomas Kuhn: Weltbilder ändern sich revolutionär.
35 Lyotard: Es existiert keine Meta-Regel
35 Paul Feyerabend: Anything goes.
36 Das Produkt ist Indifferenz: Eine Kultur ohne Leitideen ist unbestimmt bis gleichgültig. Eine Wertehierarchie fehlt, alles Grosse wird als suspekt verworfen.

3. Es braucht ein geschärftes Bewusstsein dafür, wie sich die Postmoderne in unterschiedlichen kulturellen Bereichen äussert.

41 Architektur: Form folgt der Fiktion.
43 Bildende Kunst: grenzt sich von keinem Stil ab, benutzt die Kunstgeschichte als Steinbruch für eigene Entwürfe.
46 Literatur: Neue Bescheidenheit – Autoren legen sich nicht mehr fest, formulieren keine Manifeste und wollen auch nicht mehr die Welt verbessern.
53 Institutionen werden durch zeitweilige Verträge ersetzt, Sexualität ist Verhandlungssache
55 Künstler: fliessende Identitäten, dynamische Performanz

4. Wir sollten auf die Kritik von säkularer Seite achten.

61 Es bringt eine neue Unübersichtlichkeit hervor, (Jürgen Habermas),
61 bewirkt Politikverdrossenheit (Richard Rorty),
62 verschafft dem Kapitalismus Auftrieb (Slavoj Zizek)
66 und ist logisch inkonsistent: Wenn die Postmodernisten Recht haben, muss nicht zugleich das Gegenteil der Fall sein? (Paul Boghossian)

5. Wir sollten Kritikpunkte aus christlicher Weltsicht bedenken.

57 Der Glaube ist aus der Arena des Wissens in die Sphäre der Liebe verwiesen worden.
70 Oft wird die Wahrheitsfrage heute in christlichen Kreisen als reine Frage der Beziehung verhandelt. … So rückt der christliche Glaube in die Nähe des Irrationalismus und der Mystik.
71 Es findet eine Verwischung zwischen der Schrift und ihrer Auslegung statt. Das Offenbarungsgeschehen wird in die Gemeinschaft verlagert.
74 Der Kultur kommt Offenbarungsqualität zu. Es gibt keine Wahrheit ausserhalb sozialer Strukturen.

Fazit

Bonhoeffer sagte einst: "Wir Christen sind entweder Hinterwäldler oder Säkularisten." (zit. S. 78) Ich wage eine These: Aus Furcht vor dem Hinterwäldlertum stehen wir Christen in der Gefahr, die geistigen Strömungen in zeitlicher Verzögerung einzuatmen und verspätet in unseren Gemeinden und unserer Literatur wiederzugeben. Während die Postmoderne in philosophischen Kreisen weitgehend als erledigt gilt, feiert sie in unseren Kirchgemeinden fröhlich Urständ. Um unsere Aufgabe als Propheten für die Kultur wahrzunehmen, braucht es eine erneuerte Identität (wir sind nicht von dieser Welt). Erst auf diese Weise können wir "in der Welt" leben und unser Mandat ("in die Welt gesandt") wahrnehmen.

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