Kolumne: Fromme Herkunft ist keine Entschuldigung für laue Gegenwart

Ich bin in einer frommen Subkultur gross geworden. Sonntag und Montag wurden säuberlich getrennt. Innen und aussen ebenfalls. Reine Lehre, aber kaum Anwendung auf alle Lebensbereiche. Gehaltvolle Lieder, wenig Gegenwartsbezug. Züchtige Sonntagskleidung, coole Freizeitkleidung. Ein Auslegungssystem für jede Bibelstelle, doch kaum Begriffe für die Geschehnisse um uns herum.  Seit über 20 Jahren stehe ich geistlich auf eigenen Füssen. Ich kann mich längst nicht mehr mit den Defiziten vergangener Zeiten decken. Ich habe mir einige Fragen gestellt:

  • Wie es zu Kindeszeiten die Pflicht zur Anpassung nach innen gab, so entwickelte ich zeitweilig fast einen (ausgleichenden) Drang zur Anpassung nach aussen. Wie gehe ich heute mit der Tendenz Menschen gefällig zu sein um? Hat sich eine Pflicht oder gar ein Zwang entwickelt „konform“ zu sein?
  • Wer in behüteten bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, durfte schon vor 30 Jahren ungehindert der Freizeit- und Konsumkultur frönen. Wie definiere ich mich heute? Bin ich Teil der Konsum- und Spasskultur geblieben? Wer sind meine Rollenvorbilder?
  • Wir hörten zumindest wöchentlich aus der Bibel, besuchten Sonntagschule, bekamen vielleicht zu Hause Familienandachten mit. Welcher Stellenwert hat Gottes Wort für mich heute? Lebe ich von längst vergangenem Kapital oder habe ich die Auseinandersetzung mit der Bibel weitergeführt, vertieft, geheiligt, aktualisiert?
  • Wir bemängelten die Anschlussfähigkeit unserer Kirche und die Transportfähigkeit der Botschaft. Wie viele meiner Kollegen sind in den letzten Jahrzehnten Christus hingegebene Nachfolger geworden? Brenne ich heute dafür, das Evangelium weiterzugeben?
  • Unsere fromme Vergangenheit hatte viele anti-intellektuelle Züge; damit waren wir anschlussfähig am evangelikalen Markt. Bin ich diesem „Milieu“ treu geblieben? Habe ich mich dem Refrain „kurz, emotional packend, der Rest ist Wurst“ angeschlossen?
  • Wir sind jetzt in der Verantwortung gegenüber der nächsten Generation. Was trage ich weiter? Welche unausgesprochenen Botschaften vermittle ich meinen Kindern? Wo spiele ich das narzisstische Spiel unserer Zeitgenossen mit? Mache ich sie bereit für einen respektvollen Umgang mit unseren säkularen Nachbarn oder Immigranten mit islamischem Hintergrund?
  • Unser Erwachsenwerden war von Spannungen in der Denomination und Loslösung unserer Subkultur begleitet. Wie gehe ich heute mit Konflikten um? Ertrage ich Ermahnung? Setze ich mich Kritik aus?

Das Leben geht schnell voran. Denke ich vom Ziel her? Lebe ich im Jetzt vor Gott? Was ist mein wahres Glück – nicht das sonntags gesungene, das 24*7 Stunden gelebte?

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