Buchbesprechung: Tolkien, der sprachwissenschaftliche Sherlock Holmes

Humphrey Carpenter. J. R. R. Tolkien. Eine Biografie. Klett: Stuttgart, 2002 (3. Auflage). 323 Seiten. 25 Euro.

Keine Heldenverehrung

C. S. Lewis ist vielen Christen ein Begriff. Im nächsten Atemzug folgt J. R. R. Tolkien, Verfasser des Klassikers „Der Herr der Ringe“. Welche Persönlichkeit und welches Leben steckten hinter diesem Buch? Um dieses fehlende Wissen auszugleichen, bestellte ich auf einen Hinweis des New Yorker Pastors Timothy Keller hin diese Biografie. Mein Eindruck vorab: Sie riss mich nicht von den Socken, überzeugte mich aber dadurch, dass sie keine Heldenverehrung betreibt.

Die Ende der 1970er-Jahre durch den Oxford-Dozenten Humphrey Carpenter herausgebrachte Biografie beruht gemäß Angaben des Autors auf Briefen, Papieren, Tagebüchern sowie Erinnerungen von Angehörigen. Obwohl es Tolkien als „völlig falsch und vergeblich“ angesehen hatte, durch die Lebensgeschichte des Autors Zugang zu dessen Werk zu suchen, musste Tolkien Vorkehrungen für eine solche Publikation getroffen haben.

Lebensetappen

Carpenter teilt Tolkiens Leben in mehrere Etappen ein: Jugendjahre (1892-1916), die Entstehung der beiden literarischen Hauptwerke (1925-1949), die Periode der grossen Publizität nach der Veröffentlichung der „Herr der Ringe“ (1949-1966) sowie die letzten Jahre (1959-1973). Äußerlich wirkte Tolkien wie ein typischer Oxorder Don, doch sein Geist „weht durch Mittelerde“ (16). Wie wurde dieser Geist geformt? Tolkien führte kein besonders spektakuläres Leben – umso faszinierender ist der Blick in sein Innenleben.

Frühe Beeinflusser

Erwähnenswerter als die ersten Jahre in Südafrika und der Tod des Vaters ist der starke Einfluss von Tolkiens Mutter. „Der erste mütterliche Unterricht fruchtete nicht beim Klavierspiel. Vielmehr schien es, als nähmen bei ihm Wörter die Stelle der Musik ein. Er genoss es, sie zu hören, sie vorzulesen oder zu rezitieren, fast ohne sich darum zu kümmern, was sie bedeuteten.“ (33) Der Tod der Mutter traf ihn im Zentrum und hatte einen tiefen Einfluss auf seine Persönlichkeit. „Er machte aus ihm einen Pessimisten. Oder genauer, er machte aus ihm zwei Personen. Von Natur aus war er ein heiterer, fast unbändiger Mensch von grossem Lebenshunger. Er liebte gute Gespräche und körperliche Bewegung. Er hatte viel Humor und eine große Begabung, Freundschaft zu schließen. Aber von jetzt an sollte es noch eine andere Seite geben, die geheimer war, doch in seinen Briefen und Tagebüchern vorherrscht. Diese Seite seiner Person kannte Augenblicke tiefer Verzweiflung. … Wenn er in dieser Verfassung war, hatte er ein starkes Gefühl drohenden Verlustes. Nichts war sicher von Dauer, kein Kampf war je für immer gewonnen.“ (44)

Glücklicherweise gab es in seiner Umgebung einige Menschen, die sich um ihn kümmerten und ihn förderten. Allen voran Pater Francis, der für den Waisenjungen von der Mutter die Erziehungsbevollmächtigung zugesprochen bekommen hatte. Er kümmerte sich persönlich und finanziell um den Jungen. Er war es auch, der eine frühe Liaison zur späteren Frau Edith rigoros zu verhindern suchte (53). Tolkien gehorchte ihm (57). Da war weiter ein Griechischlehrer an der Schule. Und da war später natürlich seine Ausbildung in Oxford. Carpenter verschweigt hier nicht, dass Tolkien über Strecken vom luxuriösen Lebensstil der Studenten beeinflusst wurde und sich verschuldete; eben so wenig, dass er eine gute Zeit „verplämperte“ und ein typischer Spätaufsteher war (67).

Die Beziehung zu Edith schildert Carpenter – um noch ein Beispiel zu nennen – mit allen Schattenseiten. Sie ging in den Beschäftigungen des täglichen Lebens auf (82). Mit dem ersten Kind war sie es bald leid, dem Offizier (es war Kriegszeit) hinterher zu reisen (119). Später in Oxford konnte sie ihre Schüchternheit nicht überwinden und fand nie Zugang zu den beruflichen Kreisen des Mannes (177). Durch den verschobenen Tagesrhythmus und das Schnarchen schlief sie in einem anderen Zimmer (180).

Eine frühe Leidenschaft

Es ist faszinierend zu verfolgen, wie sich bestimmte Fähigkeiten früh ausbilden, um später zum Einsatz zu kommen. Tolkien beschäftigte sich liebend gerne mit dem „Knochengerüst“ von Sprachen (47). „Es war nicht das frostige Interesse an den wissenschaftlichen Prinzipien der Sprachlehre, es war die tiefe Liebe zu dem Klang und der Gestalt der Wörter.“ (48) Die Freuden und Anregungen „empfing er aus den grossen Liedern der alt- und mittelenglischen Periode und aus der frühen Literatur Islands“ (85). So erstaunt es nicht, dass Tolkien in seinen beiden Bestsellern sämtliche Namen einer eingehenden, philologischen Prüfung unterzog (115). Die Liebe zum Detail und ein rastloser Perfektionsdrang (125) begleitete ihn bis ins hohe Alter. Besonders das unvollendete – bzw. durch seinen Sohn Christopher abgeschlossene – Werk „Das Silmarillion“ widerspiegelt dies. Ja, es konnte sein, dass er es nicht ertrug, in der Welt des Buches nichts mehr zu schaffen zu haben! Gleichzeitig beunruhigte ihn der Gedanke, die Mythologie nicht zu Ende führen zu können, ungemein (224). Er musste nicht in ferne Länder reisen, weil er die Welt, die er schuf, in sich trug (72). Seine Phantasie bedurfte der äußeren Reize nicht (146).

Tolkien als Professor und Schriftsteller

Wie war Tolkien als Professor? Humorvoll, mit schneller, undeutlicher Sprechweise, freundlich zu den Studenten (139). Seine schlichte Kleidung hob ihn vom Dandytum der damaligen Zeit ab (145). Tolkien war zugleich Schriftsteller, der Worte zu poetischen Zwecken verwendete. „Er wusste die Poesie im Klang der Wörter selber zu finden, wie er es seit seiner Kindheit getan hatte.“ (156) Carpenter erwähnt, dass Tolkien weit mehr als die geforderte Mindestanzahl an Vorlesungen gehalten hat. Seine wenigen Fachveröffentlichungen werden stets an den Orten zitiert, wo englische Philologie studiert wird (164).

Und wie entstanden seine Bücher, genauer gesagt seine wichtigsten zwei? Das erste Buch, das einschlug, „Der Hobbit“, entstammt ursprünglich aus Geschichten, die Tolkien seinen Kindern erzählt hatte (185). Er schrieb auch jedes Jahr eine Weihnachtsgeschichte für sie (188). Insgesamt blieben dies jedoch Fingerübungen für ihn. Eine wichtige Schulung für seine Tätigkeit als Schriftsteller waren seine Gedichte (191). „Ich bin selber ein Hobbit … in allem bis auf die Grösse. Ich liebe Gärten, Bäume und Ackerland ohne Maschinen; ich rauche Pfeife, esse gerne gutbürgerlich (nichts aus dem Kühlschrank) und verabscheue die französische Küche; ich trage gern – ein Wagnis in dieser öden Zeit – dekorative Westen. Ich mag Pilze (vom Felde), habe einen sehr einfachen Humor (den sogar meine wohlwollendsten Kritiker störend finden); ich gehe spät zu Bett und stehe spät auf (wenn möglich). Ich reise nicht viel.“ (202) Carpenter kommentiert: „Im Hobbit trieb Tolkiens geistiger Humus ein reiches Wachstum hervor, mit dem nur wenige Kinderbücher zu vergleichen sind.“ (205)

Sein zweites großes Werk, „Der Herr der Ringe“, entstand während einer zwölfjährigen Schaffensperiode. Jede kleine Einzelheit musste sich zufriedenstellend in den Plan des Ganzen einfügen (223). Es gab, so Tolkien, nicht viele Sätze, an denen nicht herumgefeilt worden war (233). Das Hin und Her mit dem Herausgeber ist eine Geschichte für sich. (Ein Zwischenbericht Tolkiens: „Ich habe ein Monstrum erzeugt.“ 239) Dass die Kritiker sich nicht mäßigen konnten, weder in Lob noch in Kritik (254), zeigte schon früh an, dass es sich um ein Meisterwerk handeln musste.

Fazit

Sein Bemühen um Genauigkeit, gepaart mit Spürsinn für verborgene Strukturen und Beziehungen, machte ihn zum sprachwissenschaftlichen Sherlock Holmes (158). Dass Tolkien stets zuhörte und großen Anteil an Freunden nahm, nehme ich als Lektion für mein eigenes Leben mit.

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