Buchbesprechung: Die vier großen Fragen der Philosophie

Peter Kreeft. THE PHILOSOPHY OF JESUS. ST. AUGUSTINE’S PRESS: South Bend, 2007. 145 Seiten.

Eine Philosophie von Jesus?

Ich konnte mich anfänglich des Misstrauens nicht erwehren: Braucht es eine Philosophie von Jesus? Diese Frage stellt man sich zu Beginn des Buches. Es bleibt jedoch nicht lange Zeit, sich dabei aufzuhalten. Kreeft versteht es, den Leser zügig ins Thema zu ziehen. Dem skeptischen Leser präsentiert er gelassen das Argument: „Ich bin Christ und Philosoph; ich glaube an Jesus als Gottes Sohn“. Falls ich jetzt jemanden verloren habe: Würden Sie kein Buch über Buddha lesen, weil es von einem Buddhisten geschrieben ist?“ Im Anschluss baut er eine weitere Brücke zum Leser: Jeder verfüge über eine Lebensphilosophie. Ihm gehe es bei der Philosophie von Jesus übrigens nicht um die Methode, sondern um die Substanz seiner Philosophie.

Aufbau und These

Ganz gewonnen hat mich der Autor mit der kurzen Einleitung über die vier großen Fragen der Philosophie: Sein (Metaphysik), Wahrheit (Epistemologie), Selbst (philosophische Anthropologie) und Güte (Ethik). Die Erklärung ist so gelungen, dass ich sie schon mehrmals in eigenen Vorträgen verwendet habe (hier geht es zum Buchausschnitt). Kreeft schiebt gleich die übergeordnete These nach: Die einzig angemessene Antwort auf diese vier Fragen ist Christus. Der These den nötigen Rückhalt zu verleihen, daran orientiert sich der Langzeit-Philosoph aus Boston.

1. Die Metaphysik von Jesus: Was ist wirklich?

Dieser erste Teil antwortet auf die Frage nach der Natur der letzten Realität.
Sie besteht in Gott, der sich selbst als ultimative Wirklichkeit, als der „Ich bin“ offenbart hat. Die Realität des menschlichen Ich gründet im göttlichen Ich. Jesus war Jude. Als Logos Gottes glaubte er an den Einen, einzigartigen Schöpfer. Dieser ist – anders als in der östlichen Philosophie eine Person, keine undefinierbare Kraft. Zweitens glaubte Jesus an den vollkommenen, gerechten, heiligen und guten, göttlichen Willen.

Moral geht von der Metaphysik aus, weil Güte von Gott ausgeht. „Sei heilig, denn ich, dein Gott, bin heilig.“ Anders als beim Gott der Polytheisten und der Pantheisten gibt es keine dunkle Seite in Gott. Gott schloss Bündnisse, um den fundamentalen Bund, den Ehebund, vorzubereiten (Jes 54,5).

Daran anschließend präsentiert Kreeft die Metaphysik der Liebe. Sein („bin“) stellt sich als Person heraus („Ich“), und erkennen entpuppt sich als Heirat, also als Beziehung. Die Moral folgt dieser Metaphysik. Sie ist weder gesetzlich, noch pragmatisch noch politisch verankert. Der Liebende findet seine Einheit und Identität im Geliebten. Gott ist Liebender, Geliebter und Liebe in einem, also Subjekt, Objekt und Tat der Liebe.

Gott ist Archetyp der Realität. Wir sind nicht Objekte, sondern Personen, die in seinem Bild gemacht sind. Die Tatsache der Persönlichkeit (personhood) ist Schlüssel und Fenster für die Metaphysik. Um wahrhaft zu erkennen, müssen wir wahrhaft real (utterly real) werden. Also ist Heiligung der Schlüssel der Metaphysik. (Abgesehen von dieser atemberaubenden Schilderung habe ich mich in diesem Abschnitt gefragt, ob Kreeft die Heiligung biblisch darstellt. Es ist Teil der katholischen Theologie, Rechtfertigung und Heiligung nicht sauber voneinander zu trennen.)

2. Die Epistemologie von Jesus: Wie können wir wissen, was real ist?

Wahrheit ist vom Sein abhängig. Eine Orange ist rund, weil sie eine Orange ist. Wenn Jesu Antwort auf die erste Frage der Wirklichkeit das „Ich bin“ war, so kann seine zweite Antwort nach der Wahrheit nichts anderes sein als „ich bin die Wahrheit“ (Joh 14,6). Genau diese Frage stellte der Statthalter Pilatus an die Mensch gewordene Wahrheit (Joh 18,38). Er ist das, wonach die Epistemologie sucht. ER ist die wahre, endgültige und angemessene Antwort auf die vier Fragen, die Blaise Pascal stellte: Gott, Selbst, Leben und Tod. Wir können Gott von uns aus nicht erkennen, indem wir einen menschlichen Turm erklimmen (Joh 1,18). Wenn wir Gott erkennen wollen, so muss jede Aktivität von ihm selbst ausgehen (54).

Christus ist jedoch alles, was wir über Gott wissen können (Kol 1,19). Er ist die endgültige, epistemologische Offenbarung der letzten, metaphysischen Realität.

Eine Frage, die mich beim Lesen dieser Seiten beschäftigte, greift Kreeft auf: Wie kann abstrakte Wahrheit uns frei machen? Moment mal: Die Wahrheit korrespondiert mit der Realität. Sowohl Prinzipien wie einzelne Tatsachen werden in Propositionen und Sätzen ausgedrückt. Kreeft spricht von „propositional truth“. Alles und jeder im Universum ist ein Fingerzeig auf die letzte Wahrheit. (Dass Kreeft stark mit Johannes 8,3-11 argumentiert, irritierte mich. Der Abschnitt ist textkritisch unklar; also würde ich ihn nicht stützend verwenden.)

3. Die Anthropologie von Jesus: Wer sind wir, die wir wissen, was real ist?

Nachdem der Frage nachgegangen wurde, was Realität ausmacht, bestand der nächste Schritt darin, über das Denken nachzudenken. Es ist darum logisch, als nächstes über den Denkenden zu sprechen. Also Metaphysik > Epistemologie > Anthropologie. Kreeft meint: Trotz der Tatsache, dass die Hälfte der wissenschaftlichen Bücher darum gingen, wer der Mensch sei, gäbe es keine Wissenschaft mit vergleichbar divergierenden Ergebnissen (68). Wie wahr!

Ich konnte die Antwort vorwegnehmen: Jesus selbst dem Menschen, wer er wirklich ist. Jesus ist selbst vollkommen Gott und vollkommen Mensch, also offenbart er beide vollkommen. Wir selbst können die Frage nach dem Menschen nicht lösen, weil wir selbst das Problem darstellen. Es gleicht dem „Beobachtereffekt“ der Wissenschaft. Menschen haben versucht, den Subjekt-Objekt-Dualismus zu überwinden. Es ist vergebens, denn dies würde bedeuten, die Schöpfer-Geschöpf-Unterscheidung aufzuheben. Gott hat jedoch eine unstillbare Neugier in uns gelegt, verbunden mit der Unmöglichkeit, uns selbst den wirklichen Zugang zu uns zu schaffen. Die brillantesten Denker sind in einen der beiden Fehler gefallen, entweder den materialistischen Naturalismus oder den spiritualistischen Pantheismus (72).

Jesus ist jedoch nicht nur der vollkommene Anthropologe, sondern auch der vollkommene Mensch. In Christus sehen wir unsere Bedeutung und unsere Bestimmung. Allein der christliche Glaube fügt der säkularen Anthropologie zwei Dinge hinzu, um die jene nicht weiß (bzw. nicht anerkennen will): Adam und Christus.

Kreeft bleibt im Johannes-Evangelium, um anhand des 3. Kapitels die atemberaubende Sicht auf die Wiedergeburt aufzuzeichnen. Ich war hingerissen. Wiedergeburt ist die Gabe des neuen Seins. Es ist die Transition von Nicht-Sein zum Sein (86). Einziger Wermutstropfen ist für mich die katholische, mystische Verbindung zwischen Christus und der Kirche und der Erwähnung der Sündlosigkeit Marias.

4. Die Ethik von Jesus: Wie sollen wir sein, um noch wirklicher zu werden?

Die Formulierung dieser Frage ließ mich irritiert zurück. (Im Kontext vor allem des ersten Kapitels ist schon klar, was gemeint ist. Doch kann man das wirklich so ausdrücken?) Die Frage nach der Ethik ist die konkreteste, interessanteste und persönlichste zugleich (93). Die Ethik von Jesus war die volle Entfaltung der Pflanze, die Gott in den Menschen gepflanzt hatte.

Die Ethik wiederum lässt sich auf drei Aspekte aufteilen: Wie gestaltet sich unsere Beziehung zueinander, zu uns selbst und zu Gott? Wie sollen wir leben? Wir sollen „kleine Christusse“ werden (vgl. Eph 3,14). Mit Paulus: "Das Leben ist für mich Christus" (Phil 1,21). Jesus ist der Sinn des Lebens. Kreeft führt das in vier Aspekten aus.

Personalismus: Wir folgen nicht unpersönlichen Prinzipien, sondern Jesus. Er ist das ultimative Ziel unseres Strebens (114). Wir denken in der Regel, unser Wille folge dem Sehen; doch Jesus erklärte es umgekehrt. Wer seinen Willen tut, wird seine Lehre verstehen (Joh 7,17). Es geht darum, „nur Jesus“ zu sehen (vgl. Mt 17,1-8). Es geht zuerst um die Furcht des Herrn und seine Weisheit.

Einfachheit: „Niemand will gesetzlich sein, doch nur wenige entkommen der Gesetzlichkeit.“ Wie können wir entrinnen? Indem wir das „bessere Teil“ suchen (Lk 10,42) – Jesus allein. Er ruft: „Folgt mir.“ (Kreefts Ausführungen über die Eucharistie kann ich nicht teilen.)

Ablehnung des Relativismus: „Gesetzlichkeit opfert Menschen zugunsten von Prinzipien, Relativismus opfert Prinzip zugunsten von Menschen.“ (118) Keine Kultur hat je den ethischen Relativismus überlebt. Dem Relativismus liegt Christuslosigkeit, ja Christophobia zugrunde.

Das Geheimnis moralischen Erfolgs: Wir wissen um das Gute, tun es aber nicht (nach C. S. Lewis). Beides ist wichtig zu erkennen. Jesus schenkt uns Verständnis, und er schenkt uns auch die Kraft das Gute zu tun. (Philosophen können überzeugen, dass es gut ist dem Guten nachzueifern – sie verleihen aber nicht die Kraft dazu; Psychologen nehmen Schuldgefühle, jedoch nicht die Schuld weg.)

Fazit

Es ist anrührend, einen Philosophen nicht nur klar, sondern auch leidenschaftlich, ja mit einer Zartheit, lesen zu können. Dabei übergehe ich nicht, dass Kreeft aus meiner Sicht der Bibel widersprechende Positionen der katholischen Lehren mit hineinnimmt. Die vier Fragen und der Fokus auf Christus geben Orientierung in unserer säkularen Umgebung. Empfehlung: Lesen mit Bedacht.

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