Kolumne: Einer frommen Denkfigur auf der Spur

Eine fromme Denkfigur

Wie reden wir über Sünde in unserem Leben? Je nach geistlicher Heimat haben sich unterschiedliche Denktraditionen herausgebildet. Sie vermischen sich mit dem aktuellen gesellschaftlichen Klima. Wie wir über Dinge denken und sie bewerten, wirkt sich auf unsere Handlungen und damit auf unser Leben aus. Wir treffen aufgrund unseres inneren Kompasses weitreichende Entscheidungen. Ich versuche hier eine Argumentationsfigur zu fassen, die ich in evangelikalen Kreisen oft zu hören bekomme:

 

Unsichtbare Welt

„Da gibt es Bindungen über Generationen.“

Tatsächlich hat Sünde soziale Konsequenzen und wirkt oft über mehrere Generationen (vgl. 2Mose 20,5-6).

Göttliche Führung

„Gott hat zu mir gesprochen.“

Das Wort Gottes rüstet Gottes Menschen völlig für jedes gute Werk aus (2Tim 3,17).

Heiligung

„Ich arbeite an mir.“

Wir sollen unsere Glieder Gott zur Verfügung stellen (Röm 6,15-23).

Rolle der Gefühle

„Ich habe ein Ja dazu.“ „Es war stimmig für mich.“

Gefühle folgen oft hinterher. Gott heiligt auch unsere Gefühle (vgl. Lk 24, Emmaus-Jünger).

Rolle der Gemeinde

„Sie redeten so verurteilend.“

Die Gemeinde ist Gottes Korrektiv (1Thess 5,14; Tit 1,9).

Stellenwert der Psychologie

„Ich musste zu meiner Wut stehen.“

Es gibt eine berechtigte Form des Zürnens (Eph 4,26). Jähzorn ist Sünde (vgl. Tit 1,7).

 

An allen Aussagen ist etwas Wahres dran

Keine Aussage auf der linken Seite schätze ich insgesamt als völlig falsch ein.

  1. Tatsächlich wirkt die Sünde in Familien, Gemeinden und sogar in Städten und Regionen. Gottes Gegenspieler und seine Diener machen sich dies zunutze (sehr anschaulich dargestellt in Alcorns „Graf Moderthal“). Die Sünde gräbt sich im Bild gesprochen wie ein Flussbett in einer Landschaft ein. Ein anschauliches Beispiel ist der Alkoholismus. Er kann im Leben eines Menschen, seiner Familie, aber auch in Ortschaften und Regionen Folgeschäden (z. B. durch Gewaltakte) hinterlassen. Diese Schäden betreffen auch die nächste(n) Generation(en), wobei natürlich jede Generation neu in Verantwortung gestellt ist (vgl. Hes 18).
  2. Tatsächlich spricht Gott. Alles, was wir zu einem gottgefälligen Leben brauchen, ist in seinem Wort festgehalten (vgl. 2Petr 1,3). Wir werden durch dieses Wort vollkommen für jedes gute Werk zugerüstet (2Tim 3,16+17). Es "fehlt" uns deshalb keine persönliche Ansprache Gottes zu einer Entscheidung. Wie Paulus dürfen wir auch um Änderung seines souveränen Willens bitten (siehe Röm 1,10).
  3. Der Heiligungsprozess ist kein passiver, sondern ein höchst aktiver Akt. Wir sollen den alten Menschen bekämpfen und abtöten.
  4. Auch die Gefühle spielen eine wichtige Rolle im gesamten Prozess. Gott hat sie geschaffen, sie geben uns wichtige Fingerzeige. Doch auch sie sind durch die Sünde verzerrt und keinesfalls oberster Gradmesser!
  5. Die Gemeinde verhält sich leider zu oft unweise. Zuerst will sie nichts von der sich anbahnenden Katastrophe wissen. Wenn es dann geschehen ist, bleiben wir in der Komfortzone und weisen die Gestrauchelten ab.
  6. Es gibt zahlreiche säkulare Ersatzangebote für das „Lösen von Problemen“, die ich nicht pauschal verurteile. Ich verdiene selbst mein Brot damit. Oft steht leider die momentane Entlastung im Vordergrund, nicht aber eine Gott bewirkte Umkehr, Buße und Erneuerung. Die Langzeitwirkung: Menschen werden so in ihrem Elend gelassen!

 

Was das Boot zum Kippen bringt

Ich versuche in Kürze die Klippen der Aussagen auf der linken Seite darzustellen: Die Lehre über die Generationenbindungen birgt u. a. die Gefahr in sich, das Böse außerhalb von sich zu verorten und sich selbst zwar nicht als schuldloses, aber doch als massiv in seiner Verantwortung beeinträchtigtes Wesen zu betrachten. Die Erwartung der direkten Gottesbegegnung räumt der direkten Rede Gottes durch die Bibel oft einen völlig unterbewerteten Raum ein. Seine Begegnung wird nie und nimmer den Aussagen seines Wortes widersprechen! Ein Heiligungsverständnis, das Maß an der eigenen Arbeit nimmt, fällt auf sich selbst zurück. Der nächste Rückschlag bzw. Fall ist programmiert. Es beraubt Gott letztlich seiner Ehre und macht sein Wirken von Eigenleistung abhängig. Die Rolle der eigenen Gefühle zu stark zu gewichten leistet dem ethischen Relativismus enorm Vorschub. Man kann mit Subjektivismus alles rechtfertigen und entschuldigen. Die Überberücksichtigung der eigenen Gefühle übersteuert oftmals das Korrektiv der Gemeinde. Wir lassen uns weder ermahnen noch überführen (d. h. von einem Ort zu einem anderen führen). Dadurch sind wir uns selbst preisgegeben und oftmals am gleichen Ort wie Menschen ohne Hoffnung (Eph 2,12).

 

Fazit

Wir stehen ständig in der Gefahr, Sünde bei uns selbst zu entschuldigen oder zumindest in Kauf zu nehmen. Der massiv wirkende, gesellschaftliche Relativismus unterstützt einen Subjektivismus, der Menschen in ihrer Sünde eher „ungut stabilisiert“ zum gesunden Wachstum anregt und das Vorläufige dem Endgültigen vorzieht.

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