Kolumne: Warum mir Kierkegaard eher Warnschild denn Vorbild ist

Sören Kierkegaard (1813-1855) fasziniert Generationen von Theologen und Philosophen bis heute. Nicht nur die neoorthodoxe Theologie, allen voran Karl Barth, war vom Kierkegaard-Virus befallen. Die Schule des philosophischen Existenzialismus bewegte sich auf seinen Fährten. Beide haben den Kierkegaard'schen Korpus natürlich weiterentwickelt und verändert.

Ich bewundere den Denker des 19. Jahrhunderts für seine ungeheure Gabe der Beobachtung, der präzisen Wiedergabe von menschlichen Regungen und der Formulierung von philosophisch-psychologischen Weisheiten. Sein ehrliches Suchen nach Wahrhaftigkeit ist – bis zu einem gewissen Punkt – nachahmenswert. Ebenso kann ich seine Kritik am lauen Christentum der damaligen Staatskirche nicht nur nachvollziehen. Ich teile sie in manchen Punkten.

Wie bei allen Lebensbildern suche ich aufmerksam nach blinden Flecken, Unschärfen und Unausgewogenheiten. Kierkegaard ist mir in mancher Hinsicht eher Warnschild als Vorbild:

  1. Er absorbierte die beengte, depressive, düstere Stimmung seines Elternhauses. Durch die intensive Rezeption hat er sie eher noch vertieft – anstatt sich durch die Kraft des Heiligen Geistes davon zu reinigen.
  2. Seine bisweilen eigenwillige Auslegung von Bibeltexten (z.B. zur Opferung Isaaks oder zu Hiob) mahnt mich, Texte stets im engeren und weiteren Zusammenhang zu lesen und auch in ihrem heilsgeschichtlichen Zusammenhang zu belassen, anstatt sie auf philosophisch-biografischer Folie neu zu interpretieren.
  3. Die obsessive Beschäftigung mit sich selbst ist eine Gefahr für denkende Menschen. Sie lenkt von der Gottesbegegnung ab und kann götzendienerische Formen annehmen.
  4. Damit einher geht eine übersteigerte Angst vor mutmaßlichen Widersachern. Bei Kierkegaard nahm sie bisweilen absurde Züge an. Wir stehen in der Gefahr Strohmänner aufzubauen und uns in Denkburgen zu verbarrikadieren.
  5. Kierkegaards Gedanken über die Liebe zum anderen Geschlecht gelten als Weltliteratur. Dem zum Trotz merke ich an: Auch hier kann eine übermäßige Beschäftigung mit den eigenen Gefühlen der gesunden Entwicklung der Partnerschaft im Weg stehen.
  6. Kierkegaard lebte als Einzelgänger. Es fehlte ihm die Gemeinschaft und das Korrektiv der christlichen Ortsgemeinde.
  7. Kierkegaard trank tief in den Quellen von Philosophen. Manchmal kann auch eine Ablehnung einzelner Gedankengebilde (wie in Kierkegaards Fall von Hegel) zu neuen irrigen Pfaden führen.
  8. Kierkegaard betonte zu stark die Bedeutung des Moments zulasten der Geschichte, ebenso die Bedeutung des subjektiven Zugangs zur Wahrheit anstelle des objektiven Gehalts der von Gott offenbarten Wahrheit.
  9. Er betrieb im Prinzip Raubbau am eigenen Körper. Denker stehen in der Gefahr, gesunde Leiblichkeit abzuwerten und die reine Geistigkeit überzubetonen.
  10. Sein Werk hinterlässt zu viel Ambivalenz, zu viele dialektische Doppeldeutigkeiten. Diese konnten sich verschiedene Nachfolger zunutze machen. Ein Zweig der Kierkegaard-Forschung sieht den Denker als Spion des christlichen Glaubens im säkularen Gewand. Ich zweifle erstens daran, dass sich Kierkegaard als solcher verstand und zweitens am dauernden Erfolg eines "so tun als ob".

PS: Ich kann die opulente Kierkegaard-Biografie von Joakim Garff – übrigens eine äußerst gelungene deutsche Übersetzung – zum Studium empfehlen.

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