Zitat der Woche: Das Fernsehen produziert Bilder und löscht Begriffe

Ein starkes Zitat mit leicht platonischem Einschlag:

Vergessen wir nicht, dass das Fernsehen mit dem … Ruf eines ‚freundlichen Haushaltsgerätes‘, eines Mittels zu reiner Zerstreuung, entstanden ist. Doch heute hat es die Maske fallen gelassen und zeigt sich als das, was es wirklich ist, im guten und im schlechten Sinn, nämlich die aussergewöhnlichste Denkschule …, die der Mensch je besucht hat. Selbst wer nie zur Schule gegangen ist oder nie ein Buch gelesen hat, kann auch den Bildern … des Fernsehens einiges an Wissen, Information oder Meinung erwerben. Die Rolle des Fernsehens bei der politischen Urteilsbildung … ist einer der am meisten untersuchten Aspekte. Aber es könnten noch viele andere Bereiche angeführt werden, in denen das Fernsehen nicht mehr ein Gefährte für den Zeitvertrieb, sondern ein arroganter und autoritärer Partner ist.

… Das Fernsehen ist nicht nur Kommunikationsmittel; es ist zugleich auch paideia, ein ‚anthropogenetisches‘ Instrument, ein Medium, das einen neuen anthropos, einen neuen Menschentyp hervorbringt. … Das Fernsehen verdreht das Fortschreiten vom sinnlich Wahrnehmbaren zum Erkennbaren zum blossen Sehen um. Das Fernsehen produziert Bilder und löscht die Begriffe; auf diese Weise aber führt es zu einer Schrumpfung und Austrocknung unserer Fähigkeit zur Abstraktion und damit unserer Erkenntnisfähigkeit.

… Es kann seine Ideen inszenieren, aber nicht erklären; es kann sie lokalisieren, ihr ein Gesicht und eine Stimm-Modulation geben, aber nicht einen vollendeten Ausdruck. Das herabsteigen vom Reich des Unsichtbaren zur Sichtbarkeit der Medien ist ein unmögliches Unterfangen. Man kann im Fernsehen Ideen vorführen; aber es ist schwierig, vor den Kameras mit lauter Stimme zu denken. Jede Artikulation des Gedankengutes bedeutet für das Medium Fernsehen einen Verlust an Einschaltquoten. … Die Idee muss sodann in Bewegung inszeniert werden, darf nie angehalten werden: Die Verwendung des Fernsehens als Gemälde oder Titelblatt ist unmöglich; die Natur des Mediums zwingt dazu, in einem Buch zu blättern, aber es niemals zu lesen, höchstens im Vorbeifliegen einen Satz abzufangen, während das Rascheln der umgeblätterten Seiten weitergeht. Tatsächlich ist das Medium die Botschaft; nicht die Idee ist die Botschaft, sondern das, was sie übermittelt, das Subjekt, seine Gesten und Verhaltensweisen. Der in Bewegung befindliche Behälter, nicht der Inhalt. Die Fernsehgesellschaft bietet den Anblick einer Menschheit, die den Ideen und ihrer unmittelbaren Verarbeitung den Rücken kehrt, um sich auf die unmittelbare Geniessbarkeit der sichtbaren Welt einzulassen.

Zit. Raffaele Simone, Giovanni Sartori, Marcello Veneziani, in Giovanni Reale. Kulturelle und geistige Wurzeln Europas. Schönigh: Paderborn, 2004. S. 24-26.

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