Gastbeitrag: Wir Trumpeten

Bitte festhalten, liebe Leser. Es folgt eine schnelle, wilde Polemik. Geschrieben von meinem Freund Lars Reeh. Wortkombinationen und -neuschöpfungen sind gewollt. Beispiel: "lynken Foucuhila" ist kein Schreibfehler, sondern bezieht sich auf Jean-François Lyotard (1924-1998) und Paul-Michel Foucault (1926-1984), philosophische Repräsentanten des Postmodernismus. Es geht in diesem Text ja auch nicht in erster Linie um Politik, sondern um uns selbst.

Wir sind Trump. Wir schaffen das.

Donald Trump ist dieser blutsaufende Nazi mit zu viel Geld und zu wenig Hirn und zu vielen, zu geilen Frauen – würde McMaas sagen. Das ist aber nicht des Pudels Darm. Was wir nicht wahrhaben wollen, ja in unserer narzisstischen pc-tech-noir-Iporn-Verkrümmtheit nicht wahrhaben können, ist: Trump hat mehr mit uns gemein, als uns lieb ist:

„Trump ist nur der radikalste Ausdruck einer Kultur des Infantilen, die alles auf sich selbst bezieht. […] Wie bei allen narzisstischen Charakteren liegen Größenwahn und Selbstmitleid nahe beieinander. […] Dabei ist Trump den Studenten viel näher, als sie das wahrhaben wollen. Alles, was ihm so schwerfällt – die nüchterne Weltbetrachtung, die Auseinandersetzung mit dem fremden Argument, die Abstraktion von der Betroffenheit – ist auch an den Hochschulen nicht mehr selbstverständlich. An die Stelle der Debatte ist eine Kultur der radikalen Subjektivität getreten, die das eigene Empfinden zum Dreh- und Angelpunkt der Erkenntnis macht. Der narzisstische Charakter bezieht alles auf sich selber.“

Das stimmt. Danke, Jan Fleischhauer! Wer nicht weiß, was Narzissmus ist, der googelt’s halt oder fragt Christopher Lasch.

Die Post- (faktizistische) Demokratur

Am Anfang war das Bild. Zumindest zu Beginn der Post-Demokratie (Crouch). In dieser Zeit – unserer Zeit – zählt die visuelle Kolonialisierung der Denk- und Entscheidungsstrukturen des Wahlviehs. Image ist alles. Rhetorik, Publicity, Spin, Propaganda – Demagogie rules! Die Institutionen stehen dabei in der Gefahr zu einer Kulisse des pseudo-politischen Diskurses zu verkommen. Genau hier, in diesem schon-da-und-noch-nicht-da Szenario entsteht die post-faktizistische Synthese aus Postmodernismus (linke These) und Populismus (rechte Anti-These). So sieht er also aus, der postmodernism on the ground. Anything goes! Sogar Mr. T. als president-elect. Das hätten sich die lynken foucuhila so nicht gedacht. Aber die Geister, die man rief, kriegt man schwer wieder in den Erkenntnisapparat zurück. Der Pöbel ist infiziert. „Ja, sie haben gewählt, aber den Falschen!“ hört man es aus Augstein rufen. Das Neue-Medien-Genie Trump, schaute in den Spiegel (nicht das Magazin), um Inspiration zu bekommen; eine Narziss-Inspiration. Daher konnte er auch die digitalen Wasser so gut manövrieren. „He understands media“, sagte der düstere Spin-Doctor Manafort. Bei allem suggerierten Post-Faktizismus bleibt ein Faktum: Trump ist gewählter Präsident der USA. Der Trump-Hass der jungen W(r)estler liegt in einem Missverständnis begründet. Man versteht nicht, was Trump wirklich ist: Ein Hipster aus den 80igern (damals noch Yuppie genannt). Trump trägt keinen Bart, keinen Jutebeutel und trinkt keinen gendergerechten Fair-Trade-Öko-Mate_*innen, sondern er ist ein reicher, selbstgerechter, selbstverliebter Politiker – ein souveränes Selbst. Er macht was er will und ist damit erfolgreich. Er macht also genau das, was uns von den Aposteln der Absurdität immer wieder gepredigt wird: „Tu‘ was du willst. Mach dein Ding. Sei authentisch." Trumps erfolgreiche Präsidentschaftskandidatur ist einfach mal das größte Selfie aller Zeiten, das Weiße Haus fungierte dabei als metaphorischer Selfie-Stick. Wenn der Hipster konsequent wäre, müsste er dem Maestro applaudieren, anstatt ihn zu verschmähen.

Die Selbstbezogenheit des Narzissus, und die damit einhergehende Arroganz, erklären den „Trump-Effekt“:

„Bis heute haben viele Polit-Profis Mühe, die Trump-Revolution zu verstehen, weil sie die Leute, die sich von Trump angesprochen fühlen, nicht verstehen können. Der Trumpwähler ist ihnen so fremd wie die Gegenden, in denen er zu Hause ist. "Flyover States' heißen die Landesteile, die große Teile der Elite nur vom Flugzeug aus kennen. Es ist ein Wort, das sehr schön die lässige Herablassung beschreibt, die man an den beiden Küsten für die in der Mitte Lebenden empfindet.

Die Herablassung ist Verachtung gewichen: Die Faszination für jemanden, der sich nicht darum schert, was sie in New York oder San Francisco über ihn denken, verstehen viele der kommentierenden Klasse als Angriff auf sich selbst. Also bestrafen sie die Trump-Anhänger, indem sie von diesen eine Karikatur zeichnen. Dass jemand, der seine Sinne beisammen hat, für den Immobilientycoon stimmen könnte, scheint ausgeschlossen.“ (Nochmals danke, Jan Fleischhauer!)

Ich, mein und mir – Die Dreieinigkeit des Narzissmus

Ich behaupte: Der Zeitgeist der Stunde ist der Narzissmus. Ein Großteil der Gemeinde ist davon infiltriert – unterstützt durch den Triumph des therapeutischen. Das kommt in zwei Formen:

Ein liberaler Narzissmus: Die Selbst-Liebe ergötzt sich in der Relativierung absoluter Wahrheitsansprüche, im sozialen Engagement und in der Verachtung der Tradition.

Ein konservativer Narzissmus: Die Selbst-Liebe ergötzt sich an der denominalen Identität, der Abschottung und der Vergötterung der Tradition.

Hier gibt es eine mögliche strukturelle Ähnlichkeit zur oben beschrieben post-faktizistischen Dialektik: der liberale Narzissmus und der konservative Narzissmus könnten im dialektischen Prozess zu einer post-christlichen Narzissmus-Synthese mutieren. Somit wäre die Selbst-Liebe der Motor eines sich selbst säkularisierenden Christentums. Diese Entwicklung wird flankiert durch Spiritualität-Surrogate (Meditation, Yoga, Wellness, Unterhaltung, Drogen) und durch Auto-Erotik, dem physischen Ausdruck der Selbstliebe. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff Narzissmus übrigens im Zusammenhang mit Selbstbefriedigung benutzt. Hierbei haben die Medien als Träger der Pornographie eine Beschleunigungsfunktion, welche den Narzissmus verstärkt. Der Zerstreuungseffekt der Medien (Postman) ist das Element, welches einen Zusammenhang zwischen postdemokratischen Verhältnissen und dem Anstieg des Pornographiekonsums vermuten lässt.

Ich halte fest:
Trump = Narzissmus
Evangelikalismus = Narzissmus
Also: Trump = Evangelikalismus
Sag ich’s doch: Wir sind Trump;)

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