Zitat der Woche: Das Gewissen im Zeitalter der Authentizität

Wie der kanadische Philosoph Charles Taylor seiner Leserschaft in seinem Werk "Ein säkulares Zeitalter" eindrücklich vor Augen führt, leben wir in einem "Zeitalter der Authentizität", indem jedes Individuum meint, alles nach Belieben tun und lassen zu können. Denn das sei es schliesslich, was seine "Authentizität" begründe. … Nichts und niemand darf mir mein Recht auf Authentizität rauben. Aus christlicher Sicht ist dies nichts anderes als der Sirenengesang des Obersten aller Götzen – unseres Ichs. … Interessanterweise gehen diese Stimmen, die nach der Annullierung tradierter Werte und dem Konstrukt einer neuartigen Realität schreiben, äusserst selektiv mit Autoritäten um. Autoritäten, die mein Recht auf "Authentizität" scheinbar schneiden wollen, sind schlichtswegs antiquiert, überholt, altmodisch, aufklärungsfeindlich und überhaupt bigott. Diejenigen, die jedoch dem neuen Konsens zustimmen und sich des Einflusses der Medien und kulturell geprägter Vorstellungen bedienen, um bestimmte Überzeugungen gezielt und selektiv zu fördern, werden als prophetisch, weise, befreiend und zeitgemäss gepriesen.

Wen wundert des da noch, dass dieses Zeitalter nicht mehr nach dem Wesen und dem Sinn unseres Gewissens fragt? … Wir schlagen die Stimme des Gewissens kurzerhand in den Wind, wenn sie uns als Fessel vergangener Zeiten erscheint, nur um es wie Phönix aus der Asche in neuem Gewand wieder aufleben zu lassen und neue Fesseln, neue Erwartungen, neues Vokabular, neue Fehlerquellen und Varianten von Schuld zu begründen. Ein Beispiel: Eine ganze Generation bringt auf dem Gebiet der Sexualität bewusst die Stimme des Gewissens zum Schweigen und ruft sie erst dann wieder auf den Plan, wenn es um die Herkunft von Kaffeebohnen geht oder um den Schutz eines Opfers, über das kürzlich berichtet wurde.

D. A. Carson in seinem Vorwort des neu erschienenen Buches von Andrew David Naselli. J. D. Crowley. Das Gewissen. CV: Dillenburg, 2016.