20 Zitate aus… Günther Rohrmosers „Der Ernstfall“

Günther Rohrmoser. Der Ernstfall: Die Krise unserer liberalen Republik. Ullstein: Stuttgart, 1996. 559 Seiten. Antiquarisch ab 0,01 Euro.

Die Moderne ist ihrer innersten Natur und ihrem innersten Wesen nach nichts anderes als der Wille, ein Programm des Fortschritts zu verwirklichen. (45)

Das Christentum stirbt als substanzielle Wahrheit, so hat man den Eindruck, aber es überlebt als Moral. Die schlimmste Wunde, die sich das Christentum selbst zufügte, ist die Moralisierung des Sündenbegriffs. … Ist der Mensch von Natur aus gut, dann ist das ganze Christentum abgetan … Es ist in der Tat nicht einzusehen, wovon das Christentum erlösen sollte, wenn es nichts mehr im Menschen gibt, was der Erlösung bedarf. (63)

Sophistik ist eine Form des Denkens, bei der die Politik und selbst ethische Fragen in technisch lösbare Verfahren transponiert werden. Alles gilt als lösbar, wenn man nur die richtige Technik beherrscht. (123)

Pragmatismus bedeutet, dass sich eine Partei bei allen Überlegungen von dem Ziel leiten lässt, entweder an die Macht zu kommen oder, wenn man schon an der Macht ist, sich so lange wie möglich dort zu halten. (152)

(Abtreibung) Der Rechtsstaat hört aber auf, Rechtsstaat zu sein, wenn er – auf praktischem Weg durch die Erklärung der Straflosigkeit oder prinzipiell – sogar für rechtens erklärt, dass willkürlich unschuldiges menschliches Leben ausgelöscht werden darf. (156)

Vielleicht ist das die grösste Aufgabe von Führung und Erziehung, wieder zu Verantwortungsübernahme zu erziehen. (183)

Die grösste Verwirrung, die das moderne ökonomische Denken hervorgebracht hat, liegt in dem Glauben, es gäbe eine Eigenwelt des Ökonomischen mit den dafür zuständigen Experten. (185)

Dekadenz bedeutet ja nichts anderes, als dass eine Gesellschaft sich in ihren normativen Orientierungen gegen die Bedingungen ihrer eigenen Selbsterhaltung zu organisieren beginnt. (265)

Wer das Monopol über die elektronischen Medien hat, verfügt in diesem Kampf der Werte über das absolute Machtmonopol, und die anderen können nur winseln wie Hunde, dass ihnen noch eine Mikrophonzeit von zwei Minuten eingeräumt wird… (272)

Sich auf die Begierden und Wünsche der Menge verstehen – das ist die Weisheit, die sie, die Sophisten, als ihre Kunst verkaufen. (286)

Die sophistische Kunst erstreckt sich auf die Kunst des Erzeugens von Meinungen, denen die meisten zustimmen. (293)

Die Reduktion der Erziehung auf kommunikative Interaktion wäre dann der verschleierte Verzicht, in den Prozess der Erziehung überhaupt einzutreten. (309)

Es handelt sich bei der Postmoderne um einen bis an die Wurzeln des Selbstverständnisses der Moderne gehenden Willen zur Destruktion der Vernunft. (352)

Das Wort Mutter darf in der öffentlichen Debatte kaum in den Mund genommen werden, ohne dass nicht sofort der Konservativismus oder gar Faschismusverdacht geäussert wird. (358)

Auf die knappste Formel gebracht, lautet der ‚Sinn‘ moderner, empirisch-analytisch betreibener Wissenschaft: Herrschaft durch Berechnung. (376)

Das Problem ist nicht die Technik, sondern der Technizismus, das allgegenwärtige technische Bewusstsein. Die Neigung, erst als real anzuerkennen, wenn es in den Horizont technischer Machbarkeit, Herstellbarkeit, Manipulierbarkeit gerückt wird, ist das Signum unserer Zeit. (377)

Jede Störung dieses Zustandes prinzipieller Beliebigkeit wird als ein fundamentalistisch apostrophierter Anschlag auf unsere Liberalität empfunden und von den Zensoren der öffentlichen Meinung wirksam geahndet. (399)

Wir müssen uns darüber im klaren sein, dass das Christentum die Basis und Voraussetzung auch des Liberalismus war und ist. … Ansonsten wird der Kapitalismus aus der Logik seiner Entwicklung das Ethos verzehren, aus dem er selbst entstanden ist. (400)

Gott ist nur noch ein Postulat, damit der Mensch mit seiner Angst fertig werden kann. Mit einem solchen Gott, dem keine Wirklichkeit mehr zugesprochen wird, kann keiner leben und noch weniger sterben. (428)

Die Furcht Gottes ist aller Weisheit Anfang. Wenn sie nicht am Anfang steht, werden wir alle kleine Götter. (430)

Jeder Kulturhistoriker weiss dagegen, dass es keine Religion, keine Kultur und keine Kirche gibt, die soviel für die Würde der Frau getan hat wie die christliche. (433)

Die Moderne geht trotz ihrer postmodernen Interpretation weiter, an den Entwicklungs- und Fortschrittsgesetzen der Moderne hat sich im Prinzip gar nichts geändert. (452)

Die Christen haben heute das Christentum weitgehend auf Moral reduziert. Sie machen daher keine Geschichtserfahrung mehr, weil sie in der und über diese Geschichte hinaus nichts erwarten können. (468)

Die grossen Fragen der Zukunft werden entweder im Dialog oder in der Auseinandersetzung der Religionen entschieden werden. (517)

Wir leben in einer Welt, in der alles möglich, aber eigentlich nichts mehr wichtig ist… (527)

Wenn wir fragen, worin das Geheimnis und der Grund für die Dynamik Europas liegen, was der Grund für den Reichtum und die Vielfältigkeit der europäischen Kulturen und Lebensformen ist und worin sich Europa von anderen Kulturen unterscheidet, dann ist als erstes an (die Trennung der beiden Reiche, dem Reich Gottes und dem Staat der Menschen) zu denken. (530)