Weihnachtspredigt: Die grössten Dinge beginnst du stets still und geringe

Vor 2700 Jahren im südlichen Palästina

Vor 2700 Jahren – man rechne, 700 Jahre vor der Geburt von Jesus – lebte in Moreschet, 35 km südwestlich von Jerusalem, ein Mann namens Micha. Gott wählte ihn aus, um direkt durch ihn zu sprechen. Er erzählte nicht, was er spekuliert hatte. Nein, er kündigte Dinge an, die eintreffen würden. Sein Bericht ist also ein Einblick in die göttliche Kommandozentrale. Wir erfahren dort, wie Er geschichtliche, nationale, gesellschaftliche und religiöse Ereignisse bewertete.  Heute verfügen wir über eine Menge Bücher und Studien mit Einschätzungen über die Lage über unsere Länder. Doch die wichtigste Stimme bleibt die von Gott. Er sieht das Ganze und wird derjenige sein, der jedes Tun auf sein Warum zurückführen kann. Hören wir ihm also gut zu. So werden übrigens die drei Teile Michas eingeleitet: "Höre!" (1,2; 3,1; 6,1) In der Mundart unterscheiden wir zwischen "ich has gehört" und "ich lose". Das zweite meint eine aktive Haltung des Empfangens.

Ein Streifzug

Unternehmen wir einen geistigen Streifzug durch das damalige südliche Palästina. Wie sahen die Verhältnisse aus?

Wenn man einen Menschen auf der Straße gefragt hätte, etwas zu ihrer Identität zu sagen, hätte er wohl mit stolzem Unterton geantwortet: "Wir sind das Volk Jahwes." (Micha 3,11) Auf die Herkunft hielt man schon etwas. Man war nicht irgendwer, sondern aus Juda. Im nationalen "Wachsfigurenkabinett" standen Mose, Josua, David, Salomo – das waren zwar längst vergangene Zeiten, auf die man sich aber gerne berief.

Wie hätte ein Wirtschaftsfachmann geantwortet? Wohl etwa so, wie die schweizerische Standardantwort ausfällt: "Nicht schlecht. Man kann nicht klagen." "Es geht wirtschaftlich nicht beraubend, jedoch auch nicht schlecht."  In den Jahrzehnten davor, bedingt durch eine Schwäche der Weltmacht Assyrien, war sogar eine wirtschaftliche Blütezeit gewesen. Man jammerte zwar, dass die Wachstumszahlen nicht mehr ganz so hoch ausfielen, doch der Motor der Wirtschaft lief noch einigermaßen.

Mehr besorgt hätte sich wohl der Außenminister geäußert. Juda befand sich in einer Sandwichposition. Da war einerseits Ägypten, das eine Vormachtstellung für sich beanspruchte. Sie wollten mitreden, es gelang ihnen jedoch nicht richtig. Und da war Assyrien im Norden, berüchtigt für ihre Brutalität. Gegen Ende der Wirkungszeit Michas fielen sie ins Südreich Juda ein. Sie nahmen alles ein und rückten bis zur Hauptstadt Jerusalems vor. Dank dem gottesfürchtigen König Hiskia wurde die sicher geltende Niederlage in letzter Sekunde abgewendet. (Übrigens: Nur 100 Jahre später war auch Assyrien gedemütigt und verschwand von der Bildfläche.)

Wie war es um die Kirche bestellt? Der Tempeldienst in Jerusalem funktionierte zumindest äußerlich. Es wurden Feste gefeiert, Opfer gebracht. Dem Ganzen war ein kommerzieller Aspekt beigemischt. Streng genommen ging es nur noch um die Form. Wenn man den führenden Priestern zuhörte oder das Prophetenjournal abonniert hatte, dann stand alles zum Besten. Da konnte man viel von gegenseitiger Toleranz lesen. Auch das Wort „Friede“ tauchte ständig auf, so als ob es beschwört werden musste (Micha 3,5).

Viel zu berichten hätte wohl der Sozialvorsteher gehabt. Micha beschreibt eine steigende soziale Ungleichheit. Es war eine Zweitklassengesellschaft entstanden. Die Armen wurden ausgebeutet (Micha 2,2). Die Vorschriften des Gesetzes bezüglich der Armen, denen Nahrung, Kleidung oder auch die Rückgabe des Grundbesitzes bei Überschuldung zugesprochen worden war, wurden längst nicht mehr eingehalten. Die einen prassten, die anderen hungerten. Dieses Ungleichgewicht prägte zunehmend das öffentliche Bild. Doch für diese Zustände war man irgendwie betriebsblind. Sie sagten dem Propheten: Bitte verschone uns mit der Wahrheit (Micha 2,6).

Und die Politiker? Die konnte man nicht alle über einen Leist scheren. Die Könige Judas wechselten sich ab wie Licht und Schatten. Der eine war lauwarm und ließ die Dinge laufen. Der nächste war unzimperlich, ließ den Tempel zerfallen und importierte einen neuen Altar aus Damaskus. Dann kam ein Reformer, der sogar das Passahfest wieder feierte und eine kurze religiöse Begeisterung ins Land brachte. Die Verhältnisse wechselten sich dadurch nicht. Mit einem Wort: Wetterwendisch, mit kurzen Aufhellungen.

Ich habe diese Beschreibung absichtlich etwas länger werden lassen. Entdecken Sie Parallelen zu unserem gesellschaftlichen Leben? Äußere Bedrohungen, die jedoch nie ganz in unser Wohnzimmer drangen – abgesehen von Medienmeldungen? Wirtschaftliche Blüte, durchzogen von Finanzkrisen? Jeder bastelt sich seine eigene Religiosität? Jeder wird mit seiner Meinung in Ruhe gelassen? Wohlstand und Sicherheit sind die wichtigsten Güter, um die man einen Gartenzaun oder sogar Mauer oder Stacheldraht baut? Gott hat noch eine gewisse historische Bedeutung? Es gibt Kirchen, doch die sind eigentlich leer? Man lebt in einer Reformationsstadt, doch wer weiß schon, was sich damals ereignet hat?

Weihnachten ist ein Weckruf für satte Menschen

Mische dich nicht in meine Angelegenheiten ein. Der Spielraum für wirkliche Veränderung wird klein gehalten. Nimm mir ja meine eigene Wohlfühlzone nicht weg. Wenn mir jemand zu steil kommt, kann ich mich ja ent-freunden. Wenn die Beziehung nicht das hält, was ich mir erwarte, suche ich mir die nächste Gelegenheit und wechsle. Entscheidend ist letztlich der emotionale Payback. Kommerziell und touristisch läuft es nach wie vor gut. Die Sicherheitsvorkehrungen werden verstärkt. Die Flüge sind günstig. Der nächste Urlaub ist geplant. Klar, der Umwandlungssatz der Pensionskasse ist etwas gesunken. Immer mehr Mitarbeitende verfügen über befristete Arbeitsverträge. Einige der Menschen, mit denen ich zusammen gearbeitet habe, sind ausgestiegen und von der Bildfläche verschwunden. Allein erziehende Mütter (und auch Väter) haben nicht allzu einfach.

Sind Sie gelandet? Die Bibel ist Gottes Wort. Das heißt, sie enthält nicht nur seine Botschaft. Sie ist selbst seine Botschaft, seine direkte Offenbarung. Wie wüssten wir von ihm, wenn er sich nicht selbst kundgetan hätte? Wie könnte ich unsere gesellschaftliche Situation in einen Zusammenhang stellen, wenn er sein Gesetz in der Bibel nicht klar kundgetan hätte? Ich wäre ein Moralist, ein Gesellschaftskritiker, ein Schwarzmaler. Ich würde mich auf eine bestimmte Schule von Propheten unserer Zeit berufen, die es auch so düster sähen wie ich. Doch es gäbe ja noch x andere Schulen, die das Gegenteil behaupteten.

Klein glatt geschliffene Botschaft

Leider tendieren die Frommen dazu, Gottes Botschaft unangemessen glatt zu schleifen. Also: Wir Menschen sind nicht von Natur aus alle Kinder Gottes. Wir sind nicht, wie wir es gerne hören wollen, alles geliebte Menschen. Es gibt kein großes Geschenke-Verteilen im Jenseits, zu dem alle eingeladen werden. Wir wollen dies zwar gerne hören, denn wir stellen uns diesen Gott, wenn es ihn denn geben sollte, eher als kosmischen Liebhaber vor, der uns die Wünsche von den Lippen abliest.

Doch wenn wir in diese Welt blicken, dann erblicken wir: Da gab es Anschläge, wüste Kriege, Hunger. Da werden Christen verfolgt bis aufs Blut. Da würden wir uns gerne die Augenbinde auflegen. Wir fragen erbost: Wie kann ein solcher Gott, wenn es denn ihn überhaupt gibt, überhaupt solches Leid zulassen? Unvorstellbar, also kann es ihn auch nicht geben. Ich schaffe ihn ab. Oder ich lasse zumindest offen, ob es einen solchen Gott wirklich gibt. Ob ich theoretisch mit der Möglichkeit seiner Existenz rechne oder ihn gleich abschaffe, ist ja so unterschiedlich nicht mehr! In beiden Fällen hat er im Alltag keinen Anspruch an mich. Er hat mir nichts vorzuschreiben. Höchstens ihn Not oder im Schreck rufe ich, „o Gott“. Ja, dieser Gott hat in den meisten Leben nur ein Lückenbüßer-Dasein. Micha rief: "Ihr hasst das Gute und liebt das Böse!" (Micha 3,2)

Damals wie heute reden wir von Frieden und Verständigung. Die Führung beschwichtigt, doch das tut der Realität keinen Abbruch. Es steht ernst um uns. Es wird sich mit dem Tod nicht einfach alles geregelt haben und wir versuchen vorher noch ein möglichst gutes Leben zu holen und nichts auszulassen. Entscheidend ist nicht deine oder meine Einschätzung! Wer bist du schon, o Mensch, dass du dir selbst immer wieder Frieden einreden kannst? Dich selbst beschwichtigst?

Der Durchbrecher kommt von aussen

Micha drückte es so aus: Es braucht einen Durchbrecher (Micha 2,13). Einen, der für uns die Mauer durchbricht, die wir selbst gar nicht abbauen können (und auch gar nicht wollen). Es braucht ein Dazwischentreten von außen. Michas Rede bestand aus drei Runden: Dreimal wird dem Volk in Israel und Juda das Gericht angesagt. Es wird minutiös aufgezählt, worin sie sich gegen Gott versündigt hatten. Sie hielten das Gesetz nicht. Dies zog den Fluch nach sich. Doch Gott sei Dank, ist dies der erste Teil, der gesamten Botschaft. Lass sie uns heute vollständig hören. Gottes Urteil, ja das Urteil des Weltenschöpfers lautet: Es gibt keinen Menschen, der vor ihm bestehen kann (Römer 3,10-11). Er kann zwar viele gute Dinge tun, doch für wen tut er sie, wenn sie nicht die Ehre Gottes zum Ziel haben? Für sich selbst, zur eigenen Ehre. Um sich selbst zu beruhigen. Um vor anderen gut dazustehen.

In diese Situation hinein klingt die Weihnachtsbotschaft. Sie ist auch der Wendepunkt im Propheten Micha, Kapitel 4 und 5. Sie erschallt in eine Welt, die wie damals Herodes zur Zeit der Geburt von Jesus nichts ausließ, um die eigene Wohlfühlzone zu schützen. Da wird keiner durchkommen. Nur einer kann zu Ihnen durchbrechen. Es handelt sich um den Durchbrecher aus dem Buch Micha.

Und du, Bethlehem-Ephrata, du bist zwar gering unter den Hauptorten von Juda; aber aus dir soll mir hervorkommen, der Herrscher über Israel werden soll, dessen Hervorgehen von Anfang, von den Tagen der Ewigkeit her gewesen ist. … Er (wird) groß sein bis an die Enden der Erde. Und dieser wird der Friede sein! (Micha 5,1-4)

Wissen Sie, was der Name Micha bedeutet? Wo ist ein solcher Gott wie du? Wie ist denn dieser Gott, der heilige, gerechte, mächtige? Der, der alles sieht bis in den hintersten Winkel meines Herzens? Vor dem die gesamte Erde erzittert und wie Wachs zusammenschmilzt?

"Die grössten Dinge beginnst du stets stille und geringe." So heißt es in einem Kirchenlied. Volltreffer. Da kam jemand ganz unerkannt in einer kleinen Stadt Bethlehem zur Welt. Ein Kind wurde geboren. 700 Jahre vor diesem Ereignis wurde sein Geburtsort schon angekündigt. Als es dann geschehen war, schaltete der erschreckte Fürst Herodes auf Alarmstufe Rot. Nachfolger in Sicht. Doch wo befand sich dieser? Da kamen einige Gelehrte an seinen Hof und behaupteten, sie hätten seinen Stern gesehen. Die ganze Mannschaft der frommen Gesetzeslehrer musste antanzen und ihm bei der Lokalisierung helfen. Die Schriftgelehrten holen die Schriftrollen hervor. Sie beugen ihre Köpfe darüber und geben Bescheid: In Bethlehem muss das passieren. Sie zitierten aus dem Propheten Micha. Sie sind sich ganz sicher. Ja, von dort her musste er kommen.

Was für eine göttliche Ironie! Da lebte ein römischer Kaiser, der sich selbst als Gott verehren ließ. Er war auf dem Gipfel seiner Macht angelangt. Er ließ seine Untertanen zählen, um seine Größe der ganzen damaligen Welt kundzutun. Jeder eingegangene Zählbogen polierte an seinem Image. Sie wertete sein Ego auf. Zur gleichen Zeit wurde der König der Welt im Stallbereich eines Hauses geboren, im unbedeutenden Palästina. Keiner nahm davon Notiz. Keiner? Doch, da wurden einige Hirten benachrichtigt, später die Weisen. Herodes brachte alle Kinder unter zwei Jahren um. Man muss sich dieses Gemetzel vorstellen. Was für ein unschönes Bild, das da die Harmonie der Krippe stört. Es war gar nichts harmonisch. Es war hart. Es war tragisch.

Keine kleinen Leute

Vielleicht steht es in deinem Leben ähnlich. Es ist hart. Es ist tragisch. Niemand mehr muss dir erzählen, dass nicht Friede herrscht. Sondern Streit, finanzielle Not, Einsamkeit. Vielleicht auch Angst, Stress, Krankheit. Doch da gibt es Hoffnung. Diese Hoffnung liegt nicht in dir begründet. Was für eine Vermessenheit, das zu behaupten. Mensch, hilf dir selbst. In dir liegt alles. Du musst nur wollen. Was für eine Lüge! Der Mensch wird ohne Gott auf sich selbst zurückgeworfen. Doch da findet er keine Hoffnung.

Es gibt Hoffnung! In diesem Provinzstädtchen, also absichtlich abgelegen, nicht unter den Augen der Weltpresse, kam der Retter auf die Welt. Der Wunderbare, der Ewige. Der Große wird klein. Ein unbegreifliches Wunder. Wer hätte sich das ausdenken können? Niemand! Jede Mythologie zeichnet die Großen groß, lässt sie in günstigem Licht erscheinen. Doch dass der Schöpfer, der über ihr steht, der keinen Anfang und kein Ende hat, der über der Zeit steht und daher von Anfang an das Ende schon sieht – so wird er in dieser Stelle in Micha beschrieben – klein wird, Fleisch und Blut annimmt, wer hätte sich das ausdenken können? Es gibt kein wasserdichtes Argument für den Glauben, so hat jemand gesagt. Aber es gibt eine wasserdichte Person: Jesus Christus. Er ist der Wendepunkt der gesamten Weltgeschichte. Er ist der Fixpunkt. Alles im gesamten Alten Testament weist auf ihn voraus. Das Problem von Sünde und Leid würde dort gelöst werden. Dieses Kind ist der Grund, warum der gesamte Kosmos einst wieder zur Ruhe kommen könnte. Und nicht nur dieser Kosmos, sondern jeder Mensch, der an ihn glaubt.

Gott beantwortet die Not des Menschen, indem er seinen eigenen Sohn schickte. Er war der, welcher ein vollkommen gerechtes Leben lebte. Der das gesamte Gesetz Gottes und seine Anforderungen erfüllte. Er musste Mensch werden, weil kein Mensch für einen anderen bürgen kann vor Gott. Wir sind ja alle in der gleichen aussichtlosen Lage. Dieser Mensch musste vollkommen sein. Und er musste auch ganz Gott sein, weil kein Mensch die Last des göttlichen Zornes tragen konnte. Nur einer konnte dies. Es ist Jesus. Dessen Name bedeutet „Retter“. Er würde, so schreibt es der Evangelist Matthäus am Anfang, sein Volk von ihren Sünden retten (Matthäus 1,21).

Wo ist ein solcher Gott wie du?

Wer ist ein solcher Gott wie du? Die Antwort lautet: Keiner! Nach drei Gerichtsbotschaften folgten bei Micha drei Trostbotschaften. In dieser Reihenfolge: Rettung kann ich erst verstehen, wenn ich meine missliche Lage verstanden habe.

„Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.  Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.“ (Micha 7,18-20)

Wir wissen es jetzt: Es geht um Tod und Leben. Hat Sie diese Botschaft schon erreicht? Und wenn sie Sie schon erreicht hat, wie verändert es Ihr Heute?

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