Zitat der Woche: Wir gestatteten unseren Bedürfnissen, ins Unermessliche zu wachsen

Wir gestatteten unseren Bedürfnissen, ins Unermessliche zu wachsen, und wissen schon nicht mehr recht, worauf wir sie richten sollen. Mit der dienstfertigen Hilfe von Handelsfirmen werden immer neue Bedürfnisse erfunden und aufgebläht, manchmal auch völlig künstliche. Wir jagen ihnen massenweise hinterher, und doch bleibt die Befriedigung aus. Es wird sie auch nie geben. Immer mehr Eigentum anhäufen? Aber auch das macht nie satt. (Menschen mit Durchblick ist seit langem klar: Eigentum muss anderen, höheren Gütern untergeordnet sein, muss eine geistige Rechtfertigung haben, seine eigene Mission – sonst führt es zur Aushöhlung des Lebens eines Menschen, wird zum Werkzeug der Habgier und Unterdrückung, wie es Nikolai Berdjajew formulierte.) Den Menschen der westlichen Zivilisation steht heute ein weiträumiges, sich rasch entwickelndes Verkehrswesen zur Verfügung. Dabei ist auch unabhängig davon gültig, dass der Mensch jetzt schon fast die Grenzen seines Wesens überschreitet. Auch ohne den modernen Verkehr befindet er sich mit TV-Augen gleichzeitig überall auf dem ganzen Planeten. Doch es zeigt sich, dass auch durch dieses krampfhafte Tempo des technozentrischen Fortschritts und durch den Ozean oberflächlicher Informationen und minderwertiger Veranstaltungen die menschliche Seele nicht gedeiht, sondern nur verkümmert, dass das geistige Leben absinkt; dementsprechend verarmt und verblasst unsere Kultur, so sehr man auch versucht, ihren Niedergang mit hohlen Neuigkeiten zu übertönen. Immer mehr Komfort, doch eine stetig sinkende geistige Entwicklung beim Durchschnitt. Eine Übersättigung tritt ein, und es packt uns eine beklemmende Niedergeschlagenheit, dass wir in dem Wirbel der Vergnügungen nicht zur Ruhe kommen, sondern auf lange Sicht der Kollaps droht. Nein, nicht alle Hoffnung liegt bei Wissenschaft, Technologie und Wirtschaftswachstum. Mit der sieghaften, auf der Technik beruhenden Zivilisation haben wir zugleich eine geistige Unsicherheit bekommen. Mit ihren Geschenken tut sie uns nicht nur wohl, sie versklavt uns auch. Das Interesse bedeutet alles, das jeweilige Interesse darf nicht außer acht gelassen werden, alles geht um den Kampf für materielle Dinge, doch unser Gefühl sagt uns verhalten, dass etwas verloren gegangen ist – etwas Reines, Hohes und Zerbrechliches. Wir haben aufgehört, das Ziel zu sehen. Lassen Sie es uns eingestehen, wenn auch flüsternd und nur uns selbst: Eine Welt voller Betriebsamkeit und Hetze – wofür leben wir eigentlich?

Alexander Solschenizyn. Rede an der Internationalen Akademie für Philosophie im Fürstentum Liechtenstein – 14. September 1993.

Ähnliche Beiträge