Kolumne: Eine Grossfamilie zieht um

Seit Jahr und Tag beteten wir als Familie am Abend: „Vater, du weisst, was mit unserem Haus geschehen wird. Du hast uns damals auf wunderbare Weise diese Wohnung geschenkt.“ Seit zwölf Jahren bewohnen wir dankbar eine grosszügige Altbauwohnung in einer Zürcher Wohnbaugenossenschaft. Dass in den kommenden Jahren bauliche Veränderungen anstehen, ist kein Geheimnis. Das Stadtstück Triemli ist eines der grössten Bauprojekte der Stadt und der Region.

Dann kam ein Anruf. Auf eine Art und Weise, wie wir es schon oft erlebt haben. Eine Person denkt „zufällig“ an uns. Ich kenne diese schon seit Kindsbeinen, wir haben uns seit Jahren nicht mehr gesehen. Die Neuigkeit erreicht uns per Telefon: Es steht in der Stadt Zürich ein Haus mit Umschwung frei. Wer die Wohnverhältnisse in einer der teuersten Städte der Welt kennt, weiss, was das bedeutet. Ich kenne die Besitzerfamilie – auch seit Kindsbeinen. Vor zwanzig Jahren hatten wir uns aus den Augen verloren.

Am nächsten Tag führe ich ein Gespräch mit dem betagten Besitzer. Wir erfüllen die Kriterien der Eigentümer. Bereits am Tag darauf besichtigen wir komplett als Familie Haus und Umgebung. Wir hören staunend, was Anforderungen und Erwartungen sind. Es passt. Wir schlafen eine Nacht darüber, treffen unterwegs auf Personen, die uns genau die Überlegungen liefern, die uns noch fehlen. Ein Puzzlestein passt zum anderen. Das Haus steht leer und ist bezugsbereit.

Wir rufen dem Besitzer an und sagen zu, informieren Vorstand der Genossenschaft und sprechen auf der Verwaltung vor. Als ich die Kündigung gebracht habe, gehe ich erleichtert nach Hause zurück. Schlag auf Schlag. Donnerstag der Anruf, Freitag das Gespräch, Samstag die Besichtigung, Sonntag die Bedenkzeit, Montag der Zuschlag die Kündigung. Hier sind einige Highlights:

  1. Mein erster Schritt bestand darin, ein Excel-File mit vier Rubriken zu eröffnen: Fragen an die Besitzer, Ideen für den Umzug, Ideen für das neue Haus, Personen, die wir Dinge fragen können. Am Abend sammelte ich mit den Söhnen zusätzliche Fragestellungen. Es kamen uns immer neue Dinge in den Sinn, die wir uns alle aufschrieben. Alle Söhne sind einbezogen und stehen voll hinter dem Vorhaben.
  2. Eine solche Übergangszeit ist eine besondere Gelegenheit, als Familie häufig zu beten. Fragen stellen sich, Hindernisse kommen zum Vorschein. Wir stehen zusammen und beten.
  3. Wir nützen den ersten Schub, den „Schwung der Veränderung“ und überlegen uns, von welchem Material wir uns trennen können. Gott schenkt uns Ideen, wem wir was bringen können.
  4. Vielfach gehen wir gedanklich davon aus, was wir jetzt haben und welche Möglichkeiten uns im Moment zur Verfügung stehen. Viel nützlicher ist es jedoch, im „Soll-Zustand“ zu denken und davon abzuleiten: Was werden wir benötigen und was nicht?
  5. Wir müssen nicht im Voraus alles geregelt haben. Es geht vielmehr um die Frage: Wenn wir an einem Tag leben, müssen wir schlafen, essen, arbeiten, lernen. Vieles weitere wird sich aus einer Optik „Tag für Tag“ ergeben.
  6. Wenn die Ereignisse dicht hintereinander folgen, liegen die Nerven blank. Das ist Gelegenheit einander auf Dinge hinzuweisen und einander zu vergeben.
  7. Unter Stress kommen die eigene Persönlichkeit und der eigene Charakter besser hervor. Ich bete darum, dass Gott zuerst bei mir als Vorsteher der Familie die Änderungen wirkt, dass ich Seinem Bild ähnlicher werden kann. Da gilt es Überforderung innerlich zu adressieren, durchzuatmen, dem Ordnungsperfektionismus Grenzen zu setzen.

500 Bücher stehen in Säcken zum Abtransport bereit. Mein Vierter, knapp acht Jahre, steht lachend daneben. „Die Kunst zu beleidigen“ und „Hurra, das Kind ist da“ – die brauchen wir wirklich nicht mehr. Je besser man sich von Dingen lösen kann, desto besser, fügt mein Zweiter verschmitzt hinzu.

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