Kolumne: Beziehungsgötzen entlarven

In seinem Buch „Es ist nicht alles Gott, was glänzt“ spricht Timothy Keller verschiedene Kategorien von zeitgenössischen Götzen an. Eine Kategorie bezeichnet er als „komplex“. Das heisst, sie sind nicht auf den ersten Blick hin erkennbar. Normalerweise denken wir in Kategorien, die sich dinglich festmachen lassen, z. B. das Auto, das Haus, die Arbeit oder der Urlaub. Es gehört jedoch zur Feind-Strategie, dass er uns noch viel subtileren Götzen aufsitzen lässt.

Die Beschreibung des Beziehungsgötzen

Einer dieser Beziehungsgötzen lautet: „Nur wenn ich von … angenommen bin, kann ich zufrieden sein.“ Das heisst, wir machen die Sinnhaftigkeit unseres Lebens davon abhängig, ob wir vom Ehepartner, von den Kindern, von den Eltern, Freunden oder Vorgesetzten das bekommen, was wir in der Beziehung erwarten. Wir richten Erwartungen an Mitmenschen, die wir richtigerweise nur von unserem Schöpfer selbst erwarten dürften.

Das Opfersystem: Belohnung und Bestrafung

Geben uns diese Personen nicht das, was wir unbewusst erwarten, richten wir dafür ein perfides Belohnungs-/Bestrafungs-System ein. Wir belohnen mit Gegenleistungen materieller und nicht-materieller Art (z. B. Ignoranz, verletzende Worte, Entzug von Geschenken und anderen Dienstleistungen).

Manipulative Beziehungen

Dadurch entwickelt sich eine manipulative Beziehung. Wenn uns der andere gibt, was wir „brauchen“, sind wir für die entsprechende Gegenleistung bereit. Ist das Gegenüber hingegen nicht gewillt (oder in der Lage), uns das Erwartete zu geben, setzen wir unterschiedliche Strafmassnahmen ein. Die Bandbreite ist riesig: Das kann sich von Liebesentzug bis zum Abbruch von Beziehungen erstrecken.

Fremd- und Selbstschädigung

Diese Art von verdecktem Götzendienst, das mit einem komplizierten Akt von Opferdienst in Form von Belohnung und Bestrafung verbunden wird, schädigt nicht nur andere, sondern auch einem selbst. Denn wenn wir uns auf Götzen abstützen, werden unsere Erwartungen enttäuscht werden. Diese Enttäuschung bewirkt die Intensivierung des Mechanismus (zum Beispiel die Steigerung der Belohnung und Bestrafung; oder: Partnerwechsel und der Aufbau eines neuen Opfersystems). Sie kann uns körperlich und psychisch in den Ruin treiben. Ein offensichtlich schädlicher Mechanismus ist die Ess- und Trunksucht, etwas verdeckter die Spiel- oder Kaufsucht. Träume müssen kompensiert werden.

Generationsübergreifende Götzen

Solche Mechanismen sind über Jahre eingeübt worden. Manche Götzen haben wir von den vorhergehenden Generationen übernommen. Weil unsere Grosselten und/oder Eltern keine Annahme erfahren haben, geben sie diese Haltung durch ihre Handlungen an die Kinder weiter. Wie können wir solch schädliche Muster erkennen und uns von ihnen trennen?

Dem Symptom nachgehen

Das ist einfacher gesagt als getan. Der erste Schritt besteht darin, äussere Symptome zu erkennen. Am ehesten lässt sich bei der Beeinträchtigung des Wohlbefindens einsetzen: Warum betäube ich mich? Warum möchte ich diese oder jene Beziehung (schon wieder) abbrechen? Etwas anspruchsvoller ist diese Analyse: Weshalb belohne und bestrafe ich Kinder, Freunde, Ehepartner? In welchen Situationen manipuliere ich mit Worten?

Bekennen und umkehren

„Kinder, hütet euch vor den Götzen.“ So schreibt der Apostel Johannes am Ende seines ersten Briefes. Der von Gott erneuerte Mensch ist durch den Heiligen Geist in der Lage, Götzen zu erkennen. Der christliche Glaube funktioniert nicht mit einem System des Abarbeitens (Büssens). Vielmehr gilt es Gott und Menschen Sünden zu bekennen. Das ist ein wichtiger, entlastender Schritt. Dazu kommender aufrichtige Wunsch und konkrete Schritte, um von diesen Dingen zu lassen. Gott hat den Menschen so geschaffen, dass dies ein langwieriger Prozess der Veränderung von Gewohnheiten ist. Wir dürfen wissen, dass wir im Laufe unseres Lebens immer wieder Götzen erkennen werden und umkehren dürfen.

Umkehr, wenn alles in Trümmern liegt

Besonders eindrücklich scheint mir dies bei den alttestamentlichen Königen Israels. Männer wie Ahab oder Manasse hatten so ziemlich alles „verbockt“, was überhaupt möglich war: Die eigene Familie, die Königslinie und sogar das Schicksal des eigenen Landes. Trotzdem steht von beiden, dass sie – zwar sehr spät – aber trotzdem umkehrten (1. Könige 21,27-29; 2Chr 33,13). Gott liess sich erbitten. Das hiess in jenem Fall nicht, dass Gottes Bestrafung ausblieb. Es macht jedoch Mut: Wie sich unsere Lage auch immer gestaltet, Umkehr ist immer möglich. Warum nicht heute?

Über die falsche Be-fried-igung zum wahren Frieden

Wie sagte es Jesus? Glücklich sind diejenigen, die ihren geistlichen Bankrott anerkennen. Busse, so meinte Luther zu Recht, ist eine tägliche Übung. Wir kommen zum Kreuz und bekennen unsere Verfehlung. Unsere Gerechtigkeit ist eine fremde, von Gott kommende. Das ist demütigend, jedoch zutiefst be-fried-igend.

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