Zitat der Woche: Warum viele Menschen von Christen und Kirchen enttäuscht sind

Die folgenden Ausschnitte (ohne letzter Abschnitt) stammen aus Timothy Keller. Warum Gott? Brunnen: Giessen, 2010. Die Kirche ist für so viel Unrecht verantwortlich (Kapitel 4).

Persönlich enttäuscht von Christen und Kirchen

Viele Menschen, die das Christentum aus intellektuellen Gründen ablehnen, tun dies vor dem Hintergrund von persönlichen Enttäuschungen mit Christen und Kirchen. Wir alle sind von unseren Erfahrungen geprägt. Wenn Sie im Laufe der Jahre viele kluge, liebevolle, freundliche und tiefgründige Christen kennengelernt haben, dazu Gemeinden, die nicht nur fromm und bibelfest, sondern auch sozial engagiert und offen sind, wird Ihnen das Christentum sehr viel plausibler erscheinen. Haben Sie dagegen vor allem bloße Namenschristen kennengelernt oder selbstgerechte Fanatiker, müssen die Argumente für den Glauben schon sehr stark sein, um Sie halbwegs überzeugen zu können.

Die Realität in den Kirchgemeinden

Jeder, der sich in einer Kirchengemeinde engagiert, wird schon bald entdecken, dass der durchschnittliche Christ viele Charakterfehler hat. In Gemeinden scheint es eher mehr als weniger Rivalität und Parteigeist zu geben als in anderen Organisationen – auch das moralische Versagen von leitenden Christen ist wohlbekannt. … dagegen stehen die vielen religiös unmusikalischen Menschen, deren Leben moralisch vorbildlich ist. Wenn aber das Christentum wirklich ist, was es zu sein behauptet, sollten dann die Christen nicht besser sein als alle anderen?

Alles Gute ist völlig unverdient

Diese Annahme gründet in einer Fehlinterpretation der christlichen Lehre. … jede weise, gute, gerechte und schöne Handlung, egal, von wem sie begangen wird, letztlich von Gott gewirkt ist. Gott gibt seine guten Gaben der Weisheit, des Talents, der Schönheit und des Könnens aus Gnade, d. h. völlig unverdient. Er streut sie in unerhörter Großzügigkeit über alle Menschen aus, egal, was für eine Religion, Rasse, Geschlecht oder sonstige Eigenschaften sie haben, um so die Welt zu bewahren und schöner und reicher zu machen.

Ernsthafte Charakterfehler auch bei Christen

Die christliche Theologie spricht auch von den ernsthaften Charakterfehlern der Christen. Eine zentrale Botschaft der Bibel ist, dass wir nur durch Gnade eine Beziehung zu Gott haben können. Unsere moralischen Anstrengungen sind zu schwach und falsch motiviert, als dass wir durch sie je Erlösung erlangen könnten. Diese Erlösung hat allein Jesus durch seinen Tod und seine Auferstehung möglich gemacht, und wir bekommen sie als Geschenk.

Wachstum und Veränderung als allmählicher Prozess

Das innere Wachstum und die Veränderung von Verhalten und Charakter ist ein allmählicher Prozess, der beginnt, nachdem der Betreffende Christ geworden ist. Die oft zu hörende Annahme, dass man erst sein Leben „in Ordnung bringen muss“, bevor man Gottes Gegenwart erfahren kann, hat mit dem christlichen Glauben nichts zu tun. Doch das bedeutet andererseits, dass die Kirche bzw. Gemeinde voller unreifer und kaputter Menschen ist, die emotional, moralisch und religiös noch einen weiten Weg vor sich haben.

Fazit

Es ist die biblische Lehre von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, die den Christen davon ausgehen lässt, dass die Nichtgläubigen in ihrem Verhalten besser sein können, als es ihren irrigen Glaubensvorstellungen entspricht. Und die biblische Lehre von der Sündhaftigkeit des Menschen lässt die Christen damit rechnen, dass selbst der rechtgläubigste unter ihnen in seiner Lebenspraxis hinter seinem richtigen Glauben weit zurückbleibt. (Pos. 579)

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