Kolumne: Warum viele Helfer davon leben, gebraucht zu werden

Ich arbeite in der Branche der helfenden Berufe. Das erfährt nochmals eine Steigerung: Ich helfe Helfern. Da kommen mir einige Schlagworte in den Sinn: Hilflose Helfer (das Ohnmachtsgefühl von Helfenden), erlernte Hilflosigkeit (Menschen, die durch bestimmte Konstellationen sich die Hilflosigkeit zur Lebensbewältigung angeeignet haben), das Helfersyndrom (Menschen, die davon leben, gebraucht zu werden). Alle drei Symptome habe ich schon am eigenen Leib erlebt. Ich erlebte die Ohnmacht durch, als ich zusammen mit Ratsuchenden in komplexen Problemstellungen steckte. Ich lernte in Beratungssituationen, dass das Gegenüber es perfide auszunützen verstand, sich selbst als hilflos zu geben und so die Verantwortung an den anderen zu delegieren. Auch die Befriedigung, anderen geholfen zu haben, stieg schon in mir hoch. Was mich dann selbst erschreckt hat.

Eine erste Lektion zog ich vor Jahren aus dem Buch Die Kunst des Dienens. Dort liess der Autor eine Bemerkung fallen, die sich in mir festsetzte. Er meinte, dass Menschen, die sich selbst nicht dienen lassen könnten auch nicht richtig befähigt seien anderen zu dienen. Ich stutzte zuerst. Wie könnte das gemeint sein? Ich kenne viele Menschen, die es um keinen Preis zulassen wollen, dass ihnen andere Menschen dienen. Dies wirkt nach aussen sehr demütig. Solche Menschen möchten, dass wir ihnen wortlos Respekt erweisen. Bei längerem Nachdenken erkannte ich, dass etwas nicht stimmt. Es handelt sich um eine Scheindemut. Weshalb?

Ich erlebe es bei Menschen, die dadurch angetrieben sind, um vom Gegenüber Belohnung in Form von Annahme, Beachtung oder emotionaler Rückleistung erhalten zu haben. Wie kann man dies erkennen? Stelle deine emotionalen Rückleistungen ein, und sie ziehen sich beleidigt zurück. Menschen, die wirkliches Dienen erkannt haben, sammeln ihre Schätze für einen anderen Ort – für den Himmel. Sie nehmen es in Kauf, verachtet, vernachlässigt, beleidigt oder zumindest nicht beachtet zu werden. Als Hilfeleistende binden sie das Gegenüber nicht emotional, sondern lassen sie innerlich frei. Damit bleibt die emotionale Drucksituation aus.

Was steckt hinter der echten Diensthaltung? Die Menschen, denen ich eine solche Haltung attestiere, drehen sich nicht um sich selbst und haben gleichzeitig eine erkennbare Liebe für Jesus. Sie wissen, wer sie speist und erhält. Sie leben aus der Kraft des Gekreuzigten. Das tönt fromm. Doch wer dies schon erlebt hat, wird den Unterschied über kurz oder lang bemerken. Wer wirklich verstanden hat, was es heisst: Wir haben nichts, was wir nicht bekommen haben (vgl. 1. Korinther 4,7), der weiss auch, dass alles, was weitergeht, nicht mir selbst zu verdanken ist. Es geht also um ein Leben aus der Gnade. Das Evangelium ist keine Eintages- oder Schwellenbotschaft, also etwas, das wir benötigen, um ins „neue Land“ einzutreten. Eben so wenig ist Busse eine Übung, die wir mit einem Datum verstehen können. Das Evangelium ist die Kraft, die für jede Tat aus dem Glauben vonnöten ist. Busse ist eine tägliche Übung, bis wir ins himmlische Land eingehen werden.

Gehen wir zurück zur Scheindemut. Wer sich nicht bewusst geworden ist, dass ihm selbst gedient wurde, der kann nicht richtig anderen dienen. Dieser Dienst an uns selbst findet in doppelter Weise statt: Gott hat uns gemacht, wir gehören ihm. Er hat einen Totalanspruch an uns. Zudem schickt er sich uns nach und giesst uns seine Liebe in dem Moment ins Herz, in der wir ihm feind sind und seine Gebote gebrochen haben. Als Gesetzesbrecher müssen wir selbst gebrochen werden, um anderen Zerbrochenen dienen zu können.

Seien wir deshalb auf der Hut vor „frommer Hilfe“. Wer nicht aus der Gnade lebt, als Beschenkter, wird sein wahres Motiv gut zu verstecken wissen – auch vor sich selbst. Doch es wird sich bald zeigen, dass eine Gegenleistung im Sinne eines emotionalen Rückflusses nötig ist, um die Hilfeleistung am Leben zu erhalten. Menschen wollen gebraucht werden. Das bedeutet auch: Sie haben als Sünder die Neigung, andere zu brauchen, stärker ausgedrückt, sie zu manipulieren, auszunützen und zu miss-brauchen. Das kann ganz subtil mit emotionaler Manipulation geschehen.

Wenn ein Objekt der Hilfe – aus welchen Gründen auch immer – die Hilfe nicht mehr annimmt, respektiert oder gar zurückweist, fliegt der „Deal“ auf. Es stellen sich Gefühle der Enttäuschung, des Ausgenützt-Werdens, der Hilflosigkeit, ja des Zorns und der Enttäuschung ein. Durch das Licht des Evangeliums können wir jedoch fragen: Weshalb bin ich zornig, enttäuscht, fühle mich leer? Was hat mich und mein Leben bisher ausgefüllt? So kann es möglich werden, nicht nach neuen Objekten Ausschau zu halten, mit denen ich mich „nützlich fühle“.

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