Buchbesprechung: Philosophie der Offenbarung (I)

Herman Bavinck. Wijsbegeerte der openbaring. J. H. Kok: Kampen, 1908. (Niederländisches Orginial, freier Download)

(Die englische Übersetzung ist nicht in allen Teilen sehr glücklich. Es existiert mittlerweile eine überarbeitete Fassung von P. Pikkert, die ich jedoch nicht kenne. Das Buch wurde bei der Herausgabe 1909 auch auf deutsch übersetzt. Hier gelten die gleichen Vorbehalte.)

Das Werk „Philosophie der Offenbarung“ stellt das philosophische Hauptwerk des reifen 54-jährigen Bavinck dar. (Bavinck verzichtete für die Vorbereitung sogar auf Urlaub mit Frau und Tochter.) Seit sechs Jahren war er als Professor für Dogmatik an die Freie Universität Amsterdams gewechselt und hatte sich im mondänen, grossstädtischen Umfeld schnell etabliert. Die Reformierte Dogmatik war seit sieben Jahren abgeschlossen; Bavinck hatte sich zu zahlreichen philsophischen Themen geäussert, u. a. in „Christliche Weltanschauung“ (1904) und „Christliche Wissenschaft“ (1904). Die christliche ARP stand auf dem Höhepunkt der Macht. Nach der Wahlniederlage Kuypers 1905 hatte Bavinck den Vorsitz der Partei abgegeben. Das Verhältnis zu Kuyper war abgekühlt. Bavinck argumentierte inhaltlich nuancierter als sein mächtiger Weggefährte. Das Werk „Philosophie der Offenbarung“ entstand anlässlich des Auftrags, 1908 in den USA die Stones Lectures vorzutragen – 10 Jahre nach Abraham Kuyper. James D. Bratt hat in „The Context of Herman Bavinck’s Stone Lectures: Culture and Politics in 1908” die politische, soziale und geistlicheswissenschaftliche Lage gut skizzert. Es empfiehlt sich, diesen Aufsatz als Hintergrund zu Gemüte zu führen. Zu den acht Vorlesungen fügte Bavinck hinterher noch die beiden Kapitel „Offenbarung und Kultur“ sowie „Offenbarung und die Zukunft“ an. Die Lektüre ist kein Spaziergang; man kann jedoch problemlos einzelne Kapitel lesen.

Zum ersten Kapitel hole ich etwas weiter aus, da Bavinck hier die Idee einer Philosophie der Offenbarung erläutert. Die Menschheit sei durch alle Zeiten „bis in ihr Innerstes“ supra-naturalistisch geprägt gewesen. Seit dem Deismus der Aufklärung waren jedoch die Handlungen Gottes in der Welt für überflüssig erklärt worden. Das 19. Jahrhundert brachte mit den Exponenten Darwin und Marx einen agnostischen und später gar atheistischen Naturalismus hervor. Die bis dahin angenommene Teleologie der Welt wurde in die These eines permanenten Flusses umgewandelt. Entwicklung bedeutete Fortschritt. Da die Menschen jedoch nicht mit einem blanken Materialismus auskommen, kippte die Denkweise in eine pantheistische Deutung der Evolution: Sie bringe einen „absoluten Geist“ hervor. Diese pantheistische Wandlung sei jedoch eher von Sehnsucht nach Selbstzufriedenheit als nach dem Begehren nach Erkenntnis und Dienst am lebendigen Gott gekennzeichnet gewesen. Die wahre Religion jedoch müsse uns über diese Welt hinausheben. Bavinck entfaltet in der ersten und zweiten Vorlesung – wie kaum an einer anderen Stelle – wunderschön den Gedanken der zweifachen Offenbarung Gottes. Die erste ergeht an alle Menschen durch die Schöpfung, die zweite erhellt den Erlösten den Blick auf Gott als Vater in Jesus Christus – durch die Schrift. Bavinck weist auch auf die Beziehung der zweifachen Offenbarung hin, etwa dass die spezielle Offenbarung zahlreiche Elemente der allgemeinen in sich aufgenommen habe und auf ihr basiere. Kein Wunder, denn hinter beiden Offenbarungen steht derselbe Gott.

Dann formuliert Bavinck die Hauptaussage des Buches: Eine Wissenschaft der Erkenntnis Gottes gründet auf seiner Offenbarung. Das gesamte Werk geht der Idee dieser Gottesoffenbarung nach und untersucht sie in Beziehung mit verschiedenen Bereichen des Lebens. Die Offenbarung sei Voraussetzung, Fundament und Geheinmnis der gesamten Schöpfung – der sichtbaren Welt und der unsichtbaren Welt der Ideen.

In der zweiten und dritten Vorlesung richtet Bavinck die Aufmerksamkeit den ersten Lebensbereich der Philosophie. Der Schwerpunkt liegt auf der philosophischen Erkenntnislehre (Epistemologie). Sämtliche Betrachtungen beruhen auf einem weltanschaulichen Metamodell. Sämtliche Anschauungen bewegten sich zwischen den drei Polen Gott, Welt und Mensch. Es gehe stets darum, die gegenseitigen Beziehungen zu definieren. Wer Gott ausblendet, muss entweder bei der Welt oder beim Menschen ansetzen. Wer bei der Welt beginnt, setzt sich die Brille des Naturalismus in seiner materialistischen oder pantheistischen Form auf. Die Atome werden zu den ultimativen Element der Welt oder aber eine „Weltseele“. Da diese Anschauungen letztlich nicht befriedigen können, kippt das Pendel auf die Seite des Menschen. Man sucht durch ihn das Rätsel der Welt zu lüften.  Bavinck setzt sich dann ausführlich mit dem Pragmatismus aueinander, das die Welt als wachsendes Gebilde, das einen dauernden Optimierungsprozess durchläuft. Pragmatisten sind pessimistisch bezüglich Vergangenheit und Gegenwart, jedoch optimistisch gegenüber der Zukunft. Sie haben Gott, aber auch sämtliche Ideen und Bezeichnungen (abgesehen von ihren eigenen) aufgegeben. Der Idealismus nimmt hingegen den Geist des Menschen zum Ausgangspunkt und definiert ihn als Basis für sämtliche Erkenntnis. Auf diese Weise wird versucht, den Graben zwischen Gedanken und Sein zu überbrücken. Bavinck greift dann auf die Erkenntnislehre von Augustinus zurück: Es gibt eine Selbstwahrnehmung des Menschen, die ihm und seinem Denken vorgelagert ist, nämlich die Realität Gottes und der Welt. Damit ist die Schein-Unabhängigkeit des Menschen aufgedeckt. Die Idee Gottes wird nicht gefunden, sondern ist ursprünglich (vor)gegeben. Im Selbstbewusstsein des Menschen offenbart sich Gott selbst, andere Menschen, die ihn umgebende Welt. Und er ist sich auch selbst ein Gegenüber. Bavinck skizziert hier den Kern seines christlichen Realismus: Es besteht Korrespondenz zwischen Gott, dem Menschen und der Welt.

Diese ersten drei Vorlesungen enthalten die Grundlagen für die Entfaltungen, die nachher folgen. Es braucht eine gehörige Portion Ausdauer, um sich durch die ersten 60 – 80 Seiten des Buches zu arbeiten. Der Leser wird jedoch mit einem geistesgeschichtlichen Überblick zu den Strömungen des 18. und 19. Jahrhunderts, dem weltanschaulichen Metamodell und den Kerngedanken einer theistisch-christlichen Erkenntnislehre belohnt.

Fortsetzung folgt

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