Buchbesprechung: Die Philosophie der Offenbarung (II)

(Fortsetzung)

Offenbarung und Natur: Bavinck reklamiert die Freiheit der Naturwissenschaften „in ihrer eigenen Sphäre“. Sie dürfe jedoch nie religiöse und ethische Phänomene nach ihren eigenen Methoden zu erklären beginnen. Absolut, unendlich oder ewig sind Begriffe, welche die geschaffene Wirklichkeit übersteigen und daher in den Bereich der Metaphysik gehören. Die Einheit des Universums kann aus diesem Gesichtswinkel nur als Weisheit und Kraft, hervorgegangen aus Gottes Plan, angesehen werden. Naturgesetze existieren nur darum, weil ein Gesetzgeber über der Natur steht. Auch das wissenschaftliche Arbeiten hat an sich moralischen Charakter; Rechenschaft über jedes unnütze Wort wird gefordert werden. Während im Heidentum der Mensch zwischen Missbrauch der Natur und einer kindischen Furcht hin- und herschwankt, steht er ihr in Gottes Ebenbild als Verwalter gegenüber.

Die Geschichte unterscheidet sich insofern von der Erforschung der Natur, als ihr Gegenstand nicht unmittelbar verfügbar und experimentell zu untersuchen ist. Der Mensch steht der Geschichte nie neutral gegenüber. In seiner Auswahl und Darstellung trifft er stets Urteile. Das heisst, er braucht einen Standard. Dies umso mehr, wenn er Ursache und Ziel der Geschichte zu ergründen versucht. Dafür ist er wiederum von der Metaphysik abhängig. Es gibt also keine Geschichte ohne Philosophie, Religion und Ethik. Ansonsten erscheint jeder Mensch in seiner eigenen Zeit, in einem Moment eines endlosen Prozesses. Durch die Gott-geschenkte Stellung hebt er sich jedoch über sich und die Zeit hinaus. Die spezielle Offenbarung durch die Schrift erschliesst sich Kern und wahren Inhalt der Geschichte.

So tief der Mensch auch gesunken sein mag, es bleibt ihm das Bewusstsein von Gott und seine Pflicht ihn zu verehren. Soweit der Mensch von Gott entfernt sein mag, er bleibt doch an den Himmel gebunden. Religion ist also etwas, in dem sich der Mensch ursprünglich vorfindet und zeitlebens innerlich verbunden bleibt. Weil die Religion aber ein Element der menschlichen Natur ist, weist sie auf die Offenbarung hin. Offenbarung ist Fundament und Voraussetzung aller Konzepte, Emotionen und Handlungen, die daraus folgen!

Im Anschluss an Augustinus – er erscheint als konstanter Gesprächspartner eben zahlreichen zeitgenössischen Autoren – spricht Bavinck vom Christentum, das seit dem Beginn der Menschheit existiert. Da der Mensch einen Ursprung hat, trägt er von Anfang an Konzepte und Gewohnheiten der Vorfahren mit sich. Das Christentum ist nicht erfunden, sondern eine Gesamtheit von Konzepten, Ordnungen und Institutionen. Diese sind mit der Vergangenheit verbunden und von Generation zu Generation weitergegeben worden.

Im nächsten Kapitel spricht Bavinck über die religiöse Erfahrung und begibt sich in das damals neue Feld der Religionspsychologie. Das Problem seit Renaissance und Aufklärung bestand darin, eine externe Autorität aufzugeben und alles über Gott durch den Menschen selbst herauszufinden. Daraus entwickelte sich eine Theologie des Bewusstseins und der Erfahrung, die sich irgendwann in religiöser Anthropologie verlor. Die Offenbarung geht der Erfahrung jedoch vor. Offenbarung wird im Glauben erlebbar.

Von besonderem Interesse ist das Kapitel von  Bavinck über die Kultur – inbesondere wenn man den zeitlichen Standort (1908) bedenkt. Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus war 1904 von Max Weber veröffentlicht worden. Bavinck stellt jedoch keinen Bezug her. Er setzt wiederum heilsgeschichtlich auf: Das Evangelium von Christus fand bereits eine entwickelte Kultur vor. Während die ersten Jahrhunderte des Christentums eher von Weltrückzug gekennzeichnet war (bedingt durch die Verfolgung), verstärkte sich dies durch die Weltlichkeit der Kirche infolge ihrer staatlichen Anerkennung ab dem 4. Jahrhundert. Es bildete sich eine mit stoischen und neoplatonischen angereicherte Gegenbewegung. Das mönchische Ideal des Mittelalters folgte daraus; die Täuferbewegung radikalisierte die Anliegen der Reformation und nahm das asketische Heiligungsideal in sich auf. So gab es auch in Bavincks Tagen Gruppen, die mit Betrübnis auf die gegenwärtige Kultur blickten und sich von allen Institutionen zurückziehen wollten. Im anderen Extrem standen diejenigen, welche dem Christentum durch die rasante Entwicklung jede Relevanz für die gegenwärtige Kultur absprachen. Nietzsche radikalierte wiederum durch die Umkehr der Sklavenmoral des Christentums das Ideal des freien Menschen, was zu einem aristokratischen Anarchismus führte. Was aber verstand Bavinck unter Kultur? Er definiert sie im breitesten Sinne als die Summe aller Arbeit, die der Mensch in der Natur verrichtete; dies verstand er im doppelten Sinn, nämlich in der physischen Welt, aber auch in der Welt der Ideen. Der moderne Entwicklungsstand repräsentierte eine bunte Mischung von unterschiedlichen, einander widerstreitenden Ideen. Viele Schulen arbeiteten eklektisch. Im Wesentlichen lebte man aber noch von den Errungenschaften des Christentums. Sehr interessant sind die Bemerkungen Bavincks zum relativen Wert der menschlichen Errungenschaften: Wenn sie gegen das Königreich der Himmel aufgewogen würden, verlören sie jegliche Bedeutung! Die Umkehr des Menschen lässt diesen zurück zu Gott – und damit zum Ausgangspunkt – aber auch zu sich selbst kommen. Die Kultur hat in sich keine Kraft, den Menschen zu verändern, weil sie das Herz (die Schaltzentrale) nicht erreichen kann. Die Auferstehung ist dagegen der Ausgangspunkt der Erneuerung für die gesamte Kultur.

Bavincks Schlusslauf betrifft die „Offenbarung und die Zukunft“. Er beginnt erneut mit der Relativierung: Auch wenn die christliche Religion nicht in Feindschaft zur Kultur stehe, stehe ihr im Vergleich mit der Gerechtigkeit des Himmelreiches, Vergebung der Sünden und dem ewigen Leben ein untergeordneter Wert zu. Bavinck spricht die damals – und in ihrer weiter entwickelten Form heute gerade so – aktuelle Eugenik an. Damit einher gehe eine zunehmend grosse Macht des Staates, in das Leben von Familien einzugreifen. Auch die kindzentrierte Wende in der Pädagogik (die um die Jahrhundertwende aufgekommene Reformpädagogik) thematisiert er. Das Kind stehe im Zentrum, Eltern und Erzieher könnten nur die Schuldigen sein. Zudem bemerkt Bavinck, dass die über Jahrhunderte funktionierenden Beziehungen zwischen Staat, Gruppen und Menschen zunehmend durch willentlich eingegangene (befristete) Verträge abgelöst würden. Die Spezialisierung in der Arbeitswelt erhöhte die sozialen Abhängigkeiten. Der Sozialismus stellte die Utopie der Gleichheit aller Menschen in den Raum. Die Aufgabe die momentane Gesellschaft in einen Zustand des Glücks und des Friedens zu bringen würde jedoch mehr als menschliche Anstrengung benötigen. Theologie war in Anthropologie mutiert. Jedes System aber, das normativen, teleologischen Charakter tragen sollte und nicht nur eine Beschreibung von Gewohnheiten sein wollte, müsste den Support der Metaphysik suchen.

Fazit: Bavinck zeigt in diesem Werk eine reife Zusammenschau, die unterschiedliche Bereiche der Gesellschaft betreffen. Er demonstriert selbst, wie sich der Ausschluss Gottes und des Gedankens einer übernatürlichen Offenbarung auf die Wirklichkeit auswirkten. Durch den konsequenten Einbezug Gottes durchleuchtet er grosse Gebiete menschlicher Gedankengebäude und Errungenschaften. Dies tut er stets in Respekt vor demjenigen, auf den die gesamte Wirklichkeit zurückzuführen ist, der die Geschichte auf die Verwirklichung seines Planes hinlenkt. Bavinck setzte also die Brille der Speziellen Offenbarung auf, um die Bereiche der allgemeinen Offenbarung – die Welt seines Vaters – anzuschauen und Reichtümer zu heben.

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