Kolumne: Betroffenheit – das oberste Gütekriterium für Geistlichkeit?

Ob Stille Zeit, Seelsorge, Sonntagschule oder Gottesdienst: Es gibt ein Gütezeichen für eine gelungene "Session". Es ist das emotionale Berührt-werden. Darauf steuern die Einheiten hin. Wir suchen nach dem emotionalen Kick, nach Intimität, dem Gestreichelt- und Berührtwerden. Das Merkmal einer geisterfüllten Gegenwart ist das Bewegt-werden des Gefühls. Diese Wertung birgt eine enorme Gefahr. Wir können solche Augenblicke un- oder halb-bewusst herbeiführen. Das Kriterium ist nicht mehr das Überführt-Werden von Sünde, sondern eine bestimmte Form von Selbst-Mitleid. Wie es das Wort schon sagt: Es geht um das Selbst. 

Szenenwechsel: Ich erinnere mich an zwei Momente meines Lebens. Im einen ging es darum, dass ein aus der Gemeinde ausgeschlossenes Mitglied wieder aufgenommen wurde. Das zweite Mal bekannte ein Ältester Sünde vor der versammelten Gemeinde. Wir waren alle tief bewegt, standen auf und begannen, einander Sünde zu bekennen. Waren diese Momente gefühlsbewegt? Mit Sicherheit waren sie das. Es gibt jedoch einen grossenen Unterschied zum Selbstmitleid. Der Heilige Geist wirkt geheiligte Gefühle. Es geht dann nicht darum, uns selbst zu streicheln oder zu bemitleiden. Diese Gefühle bewirken echte Umkehr, die sich auch in der Gemeinschaft auswirken.

Ich befürchte, dass wir ein Merkmal der Gesellschaft, den Spass ("es hät gefägt"), unbemerkt als geistliche Kategorie importiert haben. Es geht letztlich auf das Aufpolieren des eigenen Ego. Ich nehme mir dies selbst zu Herzen. Suche ich im Gottesdienst nach dem emotionalen Kick? Stelle ich das Berührtwerden in den Mittelpunkt gar von Beichte oder Seelsorgegespräch? Geht es mir darum, emotional entlastet zu werden – und unverändert weiterzuleben? Paulus greift diese beiden Kategorien auf. Er unterscheidet deutlich zwischen Traurigkeit der Welt und der Traurigkeit nach dem Willen Gottes (2. Korinther 7,11). Letzere bewirkt "Verteidigung, Unwillen, Furcht, Verlangen, Eifer, Bestrafung!" Wir nehmen uns nicht selbst in Schutz, sondern wir bekommen einen tiefen Widerwillen und eine Abscheu vor unserer eigenen Sünde.

Seufze ich also über die Konsequenzen meiner Sünde oder über die Einbusse, die ich mir durch meinen eigenen Ungehorsam eingehandelt habe? Als Prediger, Seelsorger und Glaubensgeschwister erweisen wir uns einen Bärendienst, wenn wir – um selbst angenommen und geliebt zu werden – dieses Gefühl bedienen. Es kann mit einem diffusen Liebesbegriff gerechtfertigt werden. Es geht uns dann wie dem Gegenüber – um uns selbst, nicht um Gottes Ehre und dem Besten des anderen.

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