Kolumne: Wenn unser Sohn alleine ins Lager fährt

Wie fördere ich die Selbständigkeit meiner Jungs? So werde ich immer wieder mal gefragt. Hier ist ein aktuelles Beispiel. Eine befreundete Familie lud unseren Zweiten ins Lager des Vereins „Bildung zu Hause Schweiz“ ein. Er ist knapp 12 Jahre alt und reiste als einziger von unserer Familie mit. Wir sahen die sechs Tage als Trainingsfeld für seinen Charakter an.

Im Vorfeld korrespondierte er selbständig mit der Ansprechperson bezüglich der Teilnahme an Workshops. Er schrieb eigenständig eine Email, welche er mir zeigte, und besprach mit uns Eltern seine Präferenzen bezüglich Workshops.

Zusammen mit den anderen Jungs führte ich ein Vorgespräch. Dabei thematisierte ich:

  • Was sind meine mutmasslichen Ausreden nicht das umzusetzen, was ich mir vornehme? (Wir fanden sieben solche Ausreden und mussten laut lachen.)
  • Wie könnte mein tägliches Gebet lauten, in dem ich Gott meine Unzulänglichkeiten und Verführbarkeiten gestehe und um seinen Schutz bitte?
  • Was stärkt mich? Wir stellten einhellig fest, dass die Selbstführung entscheidend für das Gelingen der Woche sein wird. Zudem: Klare Abmachungen, fixe Zeiten, ein unterstützendes Gegenüber und das Einholen von Hilfe.
  • Was werde ich vorkehren? Wir besprachen einen groben Tagesplan (dessen eingedenk, dass ein Teil fremdgesteuert sein würde), mögliche Ansprechpartner und Momente, die schwierig sein würden.
  • Was ist das minimale fachliche Programm das ich absolviere? Wir definierten verschiedene Elemente und priorisierten sie.

Unsere Kinder sind sich gewohnt selbständig zu arbeiten und ebenso Lager-erfahren. Wir lassen in solchen Momenten los, das heisst wir beten für das Kind und es erhält von uns keine SMS, Emails oder gar Anrufe. (Nebenbei bemerkt: Es ist schon interessant, wie die Vorwürfe von Aussenstehenden wechseln. Erst warfen uns einige vor, unsere Kinder zu stark zu behüten. Jetzt drehen sich diese Argumente: Fast vorwurfsvoll wird bemerkt, wie frei wir unsere Kinder hielten. Beide Einwürfe betrachte ich als Kompliment.)

Nach dem Lager gibt es immer eine Zeit, in welcher die Kinder erzählen. Das erstreckt sich über die ein, zwei Tage. Ich frage nur bei Erzähltem nach. Vor allem höre ich aufmerksam zu. Die Jungs erstatten von sich aus spannende Berichte. Mich interessieren Higlights ebenso wie schwierige Momente. Mich wundert zu erfahren, wie sie in dieser Zeit gewachsen sind und was sie nächstes Mal noch optimieren würden.

P. S. Ich staune darüber, wie stark sich Eltern für das äusserliche Wohlbefinden einsetzen (Überbehütung) und wie wenig sie sich um das Innenleben kümmern (Vernachlässigung).

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