Ehe-Jubiläumsbeitrag (1/3): Ein erfülltes Leben abseits des konsumistischen Mainstreams

Ich bin 15 Jahre mit meiner Frau verheiratet. Sie hat in dieser Zeit ihren denkenden Mann liebevoll unterstützt, fünf Kinder geboren und erzogen, sie unterrichtet, unzählige Gäste empfangen, Haus und Garten bewirtschaftet. Durch die Doppelaufgabe der Führung unseres Familien-Unternehmens und des Unterrichts ist sie geistig und körperlich topfit. In drei Folgen schreibe ich über das Geheimnis eines erfüllten Lebens jenseits unseres konsumistischen Mainstreams.

Ich gehe dazu in Dialog mit drei Büchern, von denen ich überzeugt bin, dass sie ihre Lebenseinstellung gut abbilden. Das erste Buch ist der biografische Bericht der Adelbodnerin „Rösi“ (1874-1976), die – so der Klappentext – „durch schlechten Verdienst und Naturkatastrophen zu entbehrungsreichem Leben gezwungen“ war. Lasst mich hierbei klarstellen: Es geht mir keineswegs um die romantische Phantasie eines „urwüchsigen Lebens“ nahe an der Natur. Die Zustände im Bergdorf sind ja kaum zum Verherrlichen: Keine Zufahrt (der Postbote kam ab 1849 dreimal wöchentlich, wenn es die Wetterverhältnisse erlaubten); Naturkatastrophen (Überschwemmungen und Lawinen); häufiger Kindstod durch schlechte Hygiene; Missernten durch Kartoffelfäule und andere Schädlinge; schwere Krankheiten, die in der Regel mit dem Tod endeten; schwere Depressionen und andere Störungen, oft Spätfolgen einer jahrzehntelangen körperlichen Auszehrung und psychischen Überforderung. Bei geringem Zusatzverdienst im Strassenbau ruinierten sich die Familienväter zudem ihre Gesundheit.

Im Vordergrund steht Rösis vertrauensvolle, tapfere Einstellung zum Leben im Kontrast zur heutigen "gesellschaftlichen Wetterlage".

Der Herr hat gegeben und genommen

Gesellschaftliche Wetterlage: Wir verfügen über einen inneren Katalog an Voraussetzungen, die für unser Leben bestehen sollten. Sind sie nicht vorhanden, werden sie eingefordert.

Der Vater der portraitierten Frau wird als tief gläubiger und gottesfürchtiger Mensch beschrieben. Er verlor mehrere Kinder und früh seine Frau. Überall fehlten die „ordnenden Mutterhände“. Diese Schläge hat er geduldig ertragen. „Er erwartete nicht das Unmögliche (von Gott und der Kirche) wie andere Fromme. Auch fehlte ihm die Musse, sich religiösen Grübeleien hinzugeben.“ Statt aufzugeben, zu hadern oder zu trinken – kümmerte er sich rührend um seine Kinder, so gut er es konnte. „Er geht nie in die Wirtschaft, arbeitet vom Morgen bis in alle Nacht und meint es immer gut mit uns, wenn er auch nie viel Worte macht.“

Eigene Vorstellungen zurückstellen

Gesellschaftliche Wetterlage: Wir hören heute ständig: „Hol es dir.“ „Geniess es.“ Kein Bedürfnisaufschub, kein Verzicht – das hätte traumatische Folgen.

Rösi heiratete einen stillen Bergbauern, einen Nachbarn. Sie litt darunter, dass er ihr seine Liebe kaum mündlich mitteilen konnte. Auch hatte sie sich ihr Leben anders vorgestellt: Nicht mit elf Kindern! Sie wusste ja nur zu gut von ihrer eigenen Jugend her, was das bedeutete.

Anfechtungen durchstehen

Gesellschaftliche Wetterlage: Die bedingten Beziehungsverträge erlauben allezeit einen Ausstieg.

Die Schwiegermutter litt unter schweren psychischen Störungen und machte ihr das Leben sehr schwer. Mehrmals lief sie in Panik in den Wald – und kehrte an ihren Platz wieder zurück. Der blinde, gläubige Schwiegervater meinte zu Rösi bei der ersten Rückkehr: „Die Mutter ist krank. Eigentlich gehörte sie schon längst in ärztliche Behandlung. Aber unsereiner kann sich das nicht leisten. Da hilft nichts, als Geduld haben mit ihr und den lieben Gott um Kraft bitten. … sie kann nichts dafür, dass es ihr aufs Gemüt geschlagen hat. Sie musste halt viel zu lange über ihre Kraft arbeiten.“

Beten und handeln

Gesellschaftliche Wetterlage: In der Notlage dürfen wir uns gehen lassen. Dass manchmal eigene Fehlentscheide und Gewohnheiten vorausgegangen waren, ist kein Thema.

Als das Haus verpfändet wurde – Mann und Schwiegervater hatten dem Bruder bzw. Sohn eine Bürgschaft auf das Anwesen geleistet – mussten sie im Winter mit der Kinderschar das Haus verlassen. Sie beteten und Rösi ging zu Notar Stoller. „Der Notar war ein Mann, der immer ein offenes Herz für die Nöte der Leute im Engstligtal bewies. So hörte er sich ruhig den ganzen Kummer an, den Hari Rösi vor ihm ausbreitete. Als sie ihren Bericht zu Ende hatte, kamen ihr die Tränen wie Bächlein über die Wangen, und ein hartes Schluchzen schüttelte ihren schmalen Körper.“ Der Notar lieh eine Geldsumme, um ein anderes Gut zu ersteigern.

Das Wenige gut nutzen

Gesellschaftliche Wetterlage: Wir nehmen uns, was uns gerade gelüstet. Der Rest wird fortgeworfen.

Es war nur wenig Materielles vorhanden. „Während dieser Kriegsjahre kam die Bäuerin auf dem Pörtli auch auf allerlei Kochkünste. So streckte sie das bisschen Fett für die Rösti mit einem Schuss schwarzen Kaffee. Sie pflanzte Kartoffeln und zog im Garten Soyabohnen und Kabis.“

Dankbar für unerwartete Auswege

Gesellschaftliche Wetterlage: Wir schaffen uns selber unser Glück. Notfalls wird’s erzwungen

„Bald darauf wurde das Hirzbodensträsslein neu gebaut, und Peter Hari bekam dort Arbeit. Es ging nicht lange, und er brachte zum erstenmal einen Monatslohn von hundert Franken heim. Da fiel das Rösi nochmals mitten in der Stube auf die Knie und betete laut: ‚Lieber Gott, wie gut du es mit uns meinst; jetzt brauchen wir keine Not mehr zu leiden!“

Lasst mir die Mutter nicht im Stich!

Gesellschaftliche Wetterlage: Jeder schaut für sich.

Nach dem Tod des Vaters halfen alle Kinder „getreulich Vaters letzten Wunsch zu erfüllen, den er noch in seiner Todesstunde in die Worte gefasst hatte: ‚Lasst mir die Mutter nicht im Stich!‘“

Erholung wider erwarten

Gesellschaftliche Wetterlage: Wir glauben den Prognosen.

„Mutter Hari war sechzig Jahre alt, als ihr Mann, der nur um zwei Jahre älter war, starb. Gleichzeitig hörten bei ihr auch die schlimmen Wechseljahre auf, die so an ihrer Kraft gezehrt hatten. Da begann das Müetti wieder zu erstarken. Von der Liebe und Fürsorge der zehn Kinder eingehüllt, bekam es seine alte Fröhlichkeit und Unternehmungslust zurück.“

Bescheiden für sich, grosszügig für andere

Gesellschaftliche Wetterlage: Ich schaue für mich und wenn etwas übrig bleibt, gebe ich noch etwas weiter.

Mit 99 Jahren lud Rösi, das nie Geld hatte und für sich fast nichts brauchte, ihre 90-köpfige Nachkommenschaft ins Restaurant ein. In einem Umschlag hielt sie den Betrag für das Essen bereit – mit 10 Franken Trinkgeld.

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