Vortrag: Als Christen in der nach-christlichen Zeit bestehen

Os Guinness. How the Church Engages in a Post-Christian Culture.

Guinness beginnt mit einem Erlebnis eines CEO Forums in Shanghai. Der Dean der Business School fragte ihn unter vier Augen: „Wir hier sind fasziniert von den christlichen Wurzeln des Westens um der Zukunft Chinas willen. Ihr im Westen löst euch von diesen Wurzeln. Was habe ich verpasst?“ Seine Analyse stimt. Die entscheidenden Wurzeln des Westens sind jüdisch-christlich. Wir sind zunehmend eine Schnittblumen-Zivilisation. Die Tragik mancher Kirche besteht darin, dass sie sich in ähnlicher Weise vom Herrn abgeschnitten haben!

Fragestellung: Wie reagieren wir als Kirche auf die Herausforderungen der fortgeschrittenen modernen Welt, in welcher der christliche Glaube zunehmend marginalisiert ist?

Wir sollen unmögliche Leute sein, nicht korrumpierbar, nicht manipulierbar, weil wir an Jesus verkauft sind. Diese Zeit ist die grösste Gelegenheit für die Verkündigung des Evangeliums seit der Zeit der Apostel – verbunden mit der grössten Herausforderung. Werden wir integre Christen und Kirchen haben, die in dieser Zeit bestehen können?

  1. Wir sollen mit der grossen kulturellen Transformation ringen. Wir sind mit drei grossen Veränderungen konfrontiert:
    a) Institutionen und mit ihnen einhergehende Identität schmelzen dahin – von Arbeit, Familie, Politik bis hin zu Abstraktionen wie „das Böse“. Es gibt Reisefreiheit und eine entwickelte Technologie – die Schattenseite hiervon: Freiheit zum Bösen. Dies betrifft die Ausdehnung der globalen Gewinne, sei es durch Waffen, Drogen oder Frauen, oder auch die Disfunktionalität, sichtbar in den Beziehungen.
    b) von der singulären zur multiplen Moderne: Es gibt nicht nur die Möglichkeit der europäischen oder US-amerikanischen Moderne. Innerhalb der asiatischen Moderne existiert ebenso die chinesische, japanische, koreanische. Für Europa ist eine neue Bescheidenheit gefragt.
    c) Verschiebung der geistlichen Gravitation vom Westen zum Süden: Dies kommen aus der Vor-Moderne, die Herausforderungen stehen ihnen noch bevor.
  2. Der Krieg der Geister. Nietzsche kündigte in seinem letzten Buch „Ecce Homo“ an, dass wir in einen nie dagewesenen Krieg der Geister hineinkommen würden. Heute sehen wir eine enorme Diversifikation. Jedermann ist nun überall. Weltanschauungen und Lebensstile ellbögeln miteinander. Die Religiosität nimmt massiv zu und hat die Säkularisierungsthese Lügen gestraft (mit Ausnahme Europas). Innerhalb einer Generation ergeben sich auch innerhalb der Kirchen gewaltige Verschiebungen – bis hin zum (Neu-)Heidentum. Für 50 % der jüngeren US-Evangelikalen ist Jesus ein Weg, nicht mehr der Weg.
  3. Die Moderne hat mehr Schaden in den Kirchen angerichtet als alle Verfolger zusammen. Der integrierte Glaube wird fragmentiert. In den urbanen Zentren entwickelten sich verschiedene Lebenssphären. Wohnort, Kirche und Arbeit liegen auseinander. Der Glaube ist privat, öffentlich irrelevant. Das schockierte den geistigen Vater des Terroristen Bin Ladens schon in den USA der 1940er. Zweitens werden wir durch die Moderne von Autorität zur Präferenz geführt. In der konsumistischen Welt ist alles eine Frage des Geschmacks. Überzeugungen und Verhalten driften auseinander. Beispiel: Ein evangelikaler Führer sah sich in der Frage der Homosexualität vor die Wahl gestellt – entweder Freunde oder die Autorität der Schrift. Freunde, so meinte er, gewinnen immer.
  4. Wir benötigen einen Blick für die Verirrungen der Kommunikation in einem Zeitalter der Kommunikation. Weil der Zugang so einfach geworden ist, heisst dies nicht, dass die Kommunikation an sich einfacher geworden wäre. Jedermann spricht über alle Kanäle – wir sind permanent abgelenkt. Fokussierte Aufmerksamkeit ist rar. Zudem ereignet sich eine Inflation der Ideen. Beispiel: Berühmtheiten lassen ihre Bücher schreiben. Prediger nehmen Predigten aus dem Internet.
  5. Wir müssen sicherstellen, dass wir als Kirche über die nötigen Instrumente verfügen, um mit der Moderne zu ringen. Zuerst benötigen wir tiefe biblische Überzeugungen. Wir sollen nicht nur Internet-Snippets lesen, sondern die Schrift studieren! Wir sollen die Geschichte der Ideen kennen. Warum Postmodernismus die grössere Gefahr darstellt: Es ist die Gefahr von heute, nicht von gestern. Die Ideen verschwinden schon wieder, nur bei den jungen Evangelikalen nisten sie sich gut ein.

Wir sind gerufen mit diesen Veränderungen und Ideen zu ringen, um als unmögliche Leute zu bestehen!

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