Kolumne: Die Welt zweier frischgebackener Lehrabgänger

Eine Begebenheit vor einigen Tagen geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich sitze in der Küche in der Nähe meines Arbeitsplatzes. Am Nachbartisch sitzen zwei frisch gebackene Lehrabgänger. Die eine hat eben erfahren, dass sie bestanden hat. Ich wende mich ihnen zu und gratuliere ihnen, so wie es sich gehört. Damit hätte ich es bewenden lassen können. In mir regte sich jedoch eine Anschlussfrage. Ich zögerte kurz, um sie zu stellen: „Wie fügt sich dieser Abschluss in dein bisheriges Leben ein? Was trägt er zur Erfüllung deiner Ziele bei?“

Stille. Einige unbehagliche Momente. Solche Fragen stellt man nicht, das spürte ich genau. Nach einigen Augenblicken des gegenseitigen Schweigens bekam ich zur Antwort: „Das weiss ich nicht.“ Dann, mit einem leichten Anflug eines rechtfertigenden Tones: „Das muss ich auch nicht wissen.“ Wir Menschen, so dachte ich bekümmert, sich doch geschaffen, um über das momentane Ereignis hinaus zu denken. Zutiefst stellen wir uns doch solche Fragen. Doch der Sinn der beiden jungen Menschen ist auf ein ganz anderes Ereignis gerichtet. Das Wochenende steht vor der Türe. Dann soll gefeiert werden.

Ich verfalle in Gedanken. Was genau denn soll gefeiert werden? Dass man es, wie ich dem Gespräch entnehme, fast ohne Anstrengung geschafft hat? Klar, ein wenig Untertreibung wird gewiss darin stecken. Und doch: Weshalb sollen wir uns gegenseitig beglückwünschen, wenn wir es mit einem Minimum an Lernaufwand und Anstrengung geschafft haben? Wäre nicht mehr drin gelegen? Es geht mir unversehens der Gedanke durch den Kopf: „Vielleicht war ja die ganze Lehre einfach zum Aushalten. Nichts Besonderes. Ein notwendiges Übel.“

Doch halt. Leben wir unser Leben „nur“ als notwendiges Übel? Schwimmen wir dahin im Ozean der Langeweile, des Nicht-Gefordert-Seins, um hin und wieder auf einer Insel des Vergnügens (Wochenende, Urlaub, Weltreise) aufzusetzen? Vielleicht ist ja meine Anspruchshaltung zu hoch. Nicht dass ich mir und jedem anderen die Last aufbürden möchte, etwas Ausserordentliches sein und leben zu müssen. Im Gegenteil: Ich könnte mir vorstellen, dass auch eine „stinknormale“ Lehre etwas Freudiges sein kann.

Dann kommt ein zweiter Satz: „Ich habe keinen Plan.“ Eine sehr wichtige Aussage. Es fehlt der übergeordnete Plan. Es fehlt der Abstand zu sich selbst. Woher komme ich und wohin gehe ich? Sind nicht gerade junge Leute dazu geschaffen, sich die grossen Fragen (noch) zu stellen? Offenbar sind sie es nicht mehr. Die 68-er kämpften noch gegen etwas, zum Beispiel bürgerliche Werte. Doch hier ist einfach kein Kampf mehr zu spüren. Ich spüre viel mehr eine unverschämte Genügsamkeit. Junge Menschen in der Vollkraft ihres Lebens planen nicht. So lassen sich treiben – vom einen Event zum nächsten.

Wenn ich solche Sätze von einem frustrierten Mittvierziger gehört hätte, wäre ihm mein Verständnis sicher gewesen. Doch von Menschen um die Zwanzig!? Die krönende Aussage steht noch aus. Jetzt kam sie: „Es kommt, wie es kommt.“ Höre ich recht? Nicht Gestaltung, sondern gar Willenslosigkeit, gar Fatalismus? Es gibt ein Es da draussen, das sorgt, dass es so kommt, wie es kommen mag. Schicksalsgewissheit mag ich das nicht nennen. Eher Gedankenlosigkeit. Absorption mit dem nächsten Moment. Die Sinnhaftigkeit wird auf den nächsten Stimulus reduziert.

Damit war ich sprachlos gemacht. Ein müdes Lächeln, ich räume mein Besteck zusammen. He nu, es ist Freitag. Das Wochenende steht vor der Türe. Mir fehlt der Widerstand, gar das spöttische Lächeln, eine provokative Gegenfrage. Ich glaube, es wäre den beiden nicht im Traum in den Sinn gekommen, mich dasselbe zu fragen. Leben lassen, aber vor allem leben – für den nächsten Moment. Etwas benommen wende ich mich dem Ausgang zu. „Nach den Sommerferien beginne ich mit …, die Anmeldungsunterlagen sind schon gekommen.“

Das Lebensspiel mag weitergehen. Für Ablenkung ist gesorgt. „Damit ich einmal etwas in der Tasche habe.“ Die Vorsorge, auf Nummer Sicher gehen. Es sind ja eigentlich zwei brave, angepasste junge Menschen. Am liebsten würde ich zurückgehen und sie schütteln. Ist das alles, was ihr vom Leben erwartet? Ist das Bequemlichkeit? Eher Gedankenlosigkeit, ein vom-wirklichen-Leben-verschont-worden-sein. Nein, die Festplanung fürs Wochenende, das wird mir zu viel. Ich verlasse die Küche. Nachdenklich und ein wenig traurig.

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