Kolumne: Lässt sich Parzanys Buch auch auf Freikirchen übertragen?

Ich bin gefragt worden, ob sich Ulrich Parzanys neues Buch „Was nun, Kirche?“ auch auf freikirchliche Verhältnisse übertragen liesse. Meine Antwort: Ja, es gibt manche Parallelen. Parzany hebt ausdrücklich hervor, dass er als Mitglied der Evangelischen Kirche Deutschlands schreibt und seinem Ordinationsgelübde treu zu bleiben gedenkt. Ebenfalls hebt er lobend die Freikirchen hervor und stellt sich schützend vor die kirchliche Kritik und vor die Etikettierung als Sekte. Mit Blick auf das Inhaltsverzeichnis beschreibe ich einige Aspekte:

  1. Parzany schrieb dieses Buch gegen die eigene Resignation und für sein Verbleiben in der Volkskirche. Ich kenne zahllose Mitglieder von Freikirchen, die ebenfalls resigniert sind. Sie bemängeln die schmale geistliche Kost, da sie kaum mehr eine bibelbezogene Predigt hören. Parzany fordert die Mitglieder auf, dies nicht stillschweigend über Jahre zu ertragen, sondern beherzt Rückmeldung zu geben. Hier sollten aufgrund der anderen Struktur – die meisten Freikirchen sind keine reinen Pastorenkirchen – noch mehr Möglichkeiten bestehen. Es steht und fällt jedoch damit, wer auf der Kanzel steht.
  2. Der dünne Gottesdienstbesuch von 1-4 % der Mitglieder an den Sonntagen findet nach meinen Beobachtungen eine Parallele in theologisch liberaler werdenden Freikirchen. In der ersten Phase wird es gebräuchlich, den Gottesdienst als einen möglichen Programmpunkt unter einer Anzahl von Freizeitmöglichkeiten zu betrachten. Dann beginnt ein Teil der Mitglieder den Gottesdiensten regelmässig fern zu bleiben. Zudem kann es auch „schick“ werden, sich infolge negativer Erfahrungen nur mehr ausnahmsweise sich einen passenden Gottesdienst auszusuchen.
  3. Parzany bringt einige Zitate der klassisch theologisch-liberalen Schule, z. B. von Friedrich Schleiermacher und Adolf von Harnack. Durch die kontinuierlich bibelkritische Ausrichtung der Universitätstheologie und die konsequent bibelkritische Ausbildung kommen Pfarrer bereits „geeicht“ ins Amt. Auch hier findet sich eine Parallele zu den Freikirchen: Manche Ausbildungsstätten sind – aus verschiedenen Gründen – nicht mehr an der konsequenten geistlichen Ausrichtung ihrer Lehrer interessiert. Es fehlt Bekenntnisbindung. Der liberale Kurs einzelner Vertreter wird stillschweigend hingenommen. Das prägt Vertreter neuer Pastorengenerationen.
  4. Der Anspruch der Gottesdienstbesucher nach Unterhaltung und psychologischer Passung („gutes Gefühl“) drückt auch den Freikirchen einen Stempel auf. Die Psychologisierung der Evangeliumsbotschaft reicht nun schon einige Jahrzehnte zurück. Dies ist mehr eine Folge des Einflusses der Säkularisierung als einer theologischen Tradition. Diese geht den Freikirchen im Vergleich zur deutschen Universitätstheologie ja weitgehend ab. Trotz ursprünglicher Bibelverbundenheit macht sich jedoch das Fehlen der historischen und der systematischen Theologie schmerzlich bemerkbar. Der Pragmatismus der Freikirchen macht sie sehr anfällig für Irrlehren in zeitgemässer Verpackung.
  5. Der interreligiöse Dialog mag zwar kein vergleichbares Thema in den Freikirchen sein. Doch ist auch hier eine ähnliche inhaltliche Tendenz erkennbar: Es ist unstatthaft, von Sünde, Gericht und Gerechtigkeit zu sprechen. Sünde wird oftmals als Beziehungs- und Erfüllungsstörung rein immanent beschrieben. Das heisst, es entsteht über die Jahre eine grösser werdende Tabuzone der Themen, über die nicht gesprochen werden darf. „Niederschwellige“ Botschaften sollen die Gottesdienstbesucher nicht vergraulen. Von hier aus ist es nicht mehr weit zum Inklusivismus, das heisst zur Lehre, dass alle Menschen in Jesus errettet würden. Eine abgeschwächte Variante hiervon lautet, dass man in einer solch heiklen Frage kein Urteil abgeben wolle. Dies betrifft nicht mehr nur einzelne Menschen, sondern wird generell ins Feld geführt.
  6. Die Kontroverse um den stellvertretenden Sühnetod Jesu Christi zieht auch ihre Kreise in den Freikirchen. Hier geht abermals die Abwesenheit der Verkündigung der ausdrücklichen Verneinung voran. Die Argumente sind alt-bekannt: Der rächende Gott des Alten Testaments wird dem liebenden Gott des Neuen Testaments gegenüber gestellt. Der Schwerpunkt müsse auf die Königsherrschaft Christi verlegt werden. N. T. Wright ist – auch in Bruch- und Versatzstücken – ungeheuer populär.
  7. Die Fragen der Ethik – das heisst die Frage nach einem guten, gelingenden Leben – wird ebenfalls innerweltlich ausgerichtet. Eine psychologisierende Botschaft kombiniert mit der Abwesenheit des ganzen Evangeliums bedeutet: Solange es für dich passt und du dich gut fühlst, dürfen wir keine Hürden aufbauen. Mit dem Bezug auf eine diffuse Liebesethik von Jesus wird in sexualethischen Fragen die Grenze verwischt, allen voran bei der Scheidung infolge von Entfremdung. Von hier aus ist es schwierig, andere biblische Grenzen aufrecht zu erhalten. Meiner Meinung nach ist die Frage der Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren und deren Ordination nur noch eine Frage der Zeit.
  8. In der Frage der Evangelisation, einem Kernthema der Freikirchen, ist ebenfalls eine Veränderung feststellbar. Die Entwicklung ist inhaltlich analog zu den Landeskirchen gelagert: Einem ausgeprägten Sinn der Verkündigung der Evangeliumsbotschaft folgt die Forderung nach vermehrter sozialer Aktivität. Der Schwerpunkt verlagert sich zunehmend Richtung innerweltlichem Engagement, sei es sozial oder auch politisch. Wieder den Mut zur Verkündigung der ganzen Botschaft aufzubringen, wozu Parzany im letzten Abschnitt aufruft, ist auch für Freikirchen Gebot der Stunde!
  9. Interessant finde ich die Frage nach dem Kirchlein in der Kirche . Eine direkte Parallele der Landeskirchlichen Gemeinschaften fehlt zwar in den Freikirchen. Doch es fragt sich, ob de facto innerhalb der Gemeindeverbände beereits verschiedene Profile mit unterschiedlicher theologischer Position existieren.
  10. Es mag ein Detail sein, doch ich fand den Abschnitt sehr interessant: Der ursprüngliche Anspruch der Hauskreise, Gottes Wort gemeinsam zu studieren, das Defizit zum eigenen Leben festzustellen und darüber zu reden und zu beten, ist vielfach einem rein sozialen Anliegen gewichen.

Eigentlich kann man das Buch als Anschauungsunterricht dafür nehmen, was geschieht, wenn die Bindung an die Autorität der Bibel – oftmals zuerst gelebt und erst später stückweise bekannt – aufgegeben wird. Besonders die Textausschnitte aus den Orientierungspapieren der EKD verstören. Wie jedoch G. K. Chesterton sagt: Wir Christen sind unverbesserliche Pessimisten und Optimisten zugleich. Unser Versagen wird uns schmerzlich bewusst. Gleichzeitig sind wir gewiss: Gott baut seine Kirche. Eine Haltung von Daniel (Daniel 9) oder Nehemia (Nehemia 1) steht uns wohl an.

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