Zitat der Woche: Wir treten in das Zeitalter der Retabuisierung ein

In vieler Hinsicht gehören die verschriftlichten Vorlesungen des Religionsphilosophen Günter Rohrmoser "Nietzsche als Diagnostiker der Gegenwart" zum Besten, was ich dieses Jahr gelesen habe. Zum Beispiel in dieser scharfen Analyse:

Heute treten wir in den Zustand der vollbrachten Aufklärung ein. Worüber wäre denn heute noch aufzuklären? Wir haben eigentlich über alles aufgeklärt, worüber man nur aufklären kann. Im Gegenteil, wir sind heute nicht mehr dabei, weitere Durchbrüche im Prozess der Aufklärung auf den Weg zu bringen, sondern wir sind an dem Punkt angelangt, an dem wir neue Tabus errichten wollen oder auch errichten müssen. Es gibt kaum einen Punkt, an dem man sich die Vollendung der Aufklärung so deutlich machen kann, als in der Wiederkehr von Tabus. Diese aufgeklärte Gesellschaft meint offenbar nun, die von der Aufklärung selbst geschaffene prekäre Lage durch neue Tabus retten zu können. Diese neuen Tabus erstrecken sich vorläufig nur auf das Politisch-Ideologische. In unserer liberalen Gesellschaft darf man eigentlich alles sagen und tun, nur rechte Parolen oder auch nur konservative Positionen darf man nicht mehr öffentlich vertreten. Wir dürfen aber sicher sein, dass es bei diesen Tabus nicht bleiben wird. Wir treten in das Zeitalter der Retabuisierung ein. Wir werden uns sozialtherapeutisch und technisch immer mehr der Setzung und Durchsetzung neuer Tabus bedienen. Diese Retabuisierung wird nicht etwa deshalb kommen, weil es Menschen gibt, die plötzlich einen Gefallen an Tabus finden. Sondern sie wird kommen, weil die Aufklärung vollendet ist, weil alle Tabus beseitigt und alle Traditionen aufgelöst sind und die Gesellschaft nun als Folge davon dabei ist, auseinander zu brechen. Wir leben derzeit nur noch von der Inkonsequenz der Aufklärung und davon, dass es immer noch Schichten und Gruppen in der Bevölkerung gibt, die von dem Lichtstrahl der Aufklärung noch nicht erreicht sind und an Traditionen festhalten, die noch den gesellschaftlichen Zusammenhalt ermöglichen. Im Kontext der theoretischen, der wissenschaftlichen, der philosophischen, zum Teil auch der theologisch-religiösen Kultur ist die Aufklärung bereits vollendet und vollbracht. Wenn das aber der Fall ist, beginnt die Gesellschaft, sich selbst zu zerstören. Es gibt so etwas, wie eine Tragödie der Aufklärung. Es gibt sowohl eine Notwendigkeit von Aufklärung, es gibt eine Begründung des Sinns von Aufklärung, es gibt aber gleichzeitig auch die Tragödie der Aufklärung. Und diese Tragödie der Aufklärung besteht darin, dass sie, wenn sie ihr Werk vollbracht hat, sich selbst auch zerstört. Das erleben wir heute.