Zitat der Woche: Der unklare Begriff der “Werte”

Günter Rohrmoser beschreibt in hervorragender Weise die Ambivalenz rund um den viel gebrauchten Begriff der "Werte" (in Nietzsche als Diagnostiker der Gegenwart, S. 314f):

Der Wertbegriff war einer der konstitutiven Begriffe  der Nationalökonomie von Adam Smith. In die Philosophie ist der Wertbegriff aber erst durch Nietzsche gekommen. Der Wertbegriff erlebt heute eine Konjunktur, die weit über die Philosophie hinaus reicht. Er ist zum zentralen Begriff in allen Zusmmenhängen unserer Gesellschaft geworden, so weit es nicht gerade nur um Fakten und um technische Machbarkeiten geht. In allen heute noch kulturell zu nennenden Verständigungsformen geht es um die Wertfrage. Alles gesellschaftliche Geschehen hat, direkt oder indirekt, mit Prozessen zu tun, in denen Werte sich ändern und wandeln. Dieser Prozess des Wertewandels beschleunigt sich immer mehr, wir sprechen daher von einem dynamischen Wertewandel. Diesem inflationären Gebrauch des Wertbegriffes steht eine nach wie vor höchst unbefriedigende Klärung dessen gegenüber, was ein Wert ist. Nur in nationalökonomischen Zusammenhängen kann man präzise die Frage beantworten, was ein Wert wert ist. In allen nicht nationalökonomischen Verwendungszusammenhängen steht der allgegenwärtigen Präsenz des Wertbegriffs eine merkwürdige Unklarheit in Bezug auf die entscheidende Frage gegenüber, was denn die Werte selber wert sind, die man jeweilig setzt oder die gerade entwertet werden. … Max Scheler hat noch behauptet, dass die Werte an sich gelten, und dass die Menschen auch über ein eigenes emotionales Organ verfügen, um diese Werte zu erfassen. Für die neukantianische Wertphilosophie steht dagegen fest: Werte gelten, aber sie sind nicht. Werte rufen daher nach ihrer Verwirklichung. Die Verwirklichung der an sich geltenden Werte braucht den Einsatz für die Verwirklichung der Werte. Die Werte müssen dann aber gegenüber konkurrierenden Werten durchgesetzt werden. Über die Chance einer Durchsetzung eines Wertes entscheidet dann die Macht. Die Macht holt den Wert aus dem abstrakten, wesenlosen Sein abstrakter Geltung heraus und sorgt für dessen Durchsetzung. Die Realität einer sich auf Werte hin verstehenden Gesellschaft ist darum gekennzeichnet durch den Kampf um die Werte.