Kolumne: Aus dem Leben einer bewussten Offlinerin

Nach all der mündlichen Arbeit in den letzten Wochen hat es mich in den Fingern gejuckt, wieder einmal schriftlich-zusammenhängend meine Gedanken zu äussern. Der Schreibanlass ist ein konkreter, geschehen abends am Bahnschalter. Nach wohl über 12 Stunden Arbeit mit Unterricht auf vier Stufen, Gartenarbeit, Nähen und Korrespondenz sowie einer Lektion Schwimmunterricht fuhr meine Frau gegen 20.00 Uhr zum Bahnhof, um am Schalter eines neues Halbtax (CH-Produkt analog zur Bahncard in Deutschland) zu erstehen. Was sie erlebte, bedarf einigen Nachgedanken.

  1. Sie war verpflichtet, einen Swisspass zu lösen. Das bedeutet neben der Registrierung, dass eine Karte mit Chip abgegeben wird. Damit tritt sie in einen Vertrag ein, der rechtzeitig von ihrer Seite gekündet werden muss und sich andernfalls automatisch verlängert. So wird an der Kunden-Bindung gearbeitet und der Loyalitäts-Unsicherheit vorgebeugt.
  2. Auf die Karte gehöre ein aktuelles Foto, wurde ihr beschieden. Die – ich muss es beim Namen nennen, unfreundliche – Bahnangestellte wies sie darauf hin, dass sie ein aktuelleres Foto bräuchte. Auch wenn ich ihr Mann bin und deshalb nicht unbefangen: Sie ist auf dem Bild zweifelsfrei identifizierbar. Jetzt hätte sie am Abend noch an den Fotoautomaten gehen sollen!?
  3. Zu den Personalien gehöre eine gültige Email-Adresse. Sie verfüge momentan über keine Adresse, gab sie zur Antwort. (Sie könnte jedoch bei Bedarf jederzeit eine eröffnen. Ihr Mann und ihre fünf Söhne sind zudem willens und fähig, jede nötige Korrespondenz zu veranlassen.) Ein verachtender Blick und Kopfschütteln folgte. Das darf es nicht geben. (Ich frage mich: Wie ist es denn mit älteren Menschen oder Menschen mit geistiger Beeinträchtigung? Kann man heuer nur noch mit Online-Vernetzung durch diese Welt gehen? Es scheint so.)
  4. Nun denn, wurde sie entnervt aufgefordert, solle sie doch wenigstens ihre Handynummer geben. Sie besitze kein Handy und könne die dadurch gewonnene Zeit besser einsetzen. Ein unschlagbares Argument, meine ich. Wir müllen uns mit Stunden Chat und anderen Belanglosigkeiten zu, für die wir einst Gott Rechenschaft abgeben werden. Jetzt wurde es der Beamtin zu viel. Die Bürokratur schlug zu. Sie meinte, dass dies in der heutigen Zeit unzumutbar sei.

Was soll nun Frau dazu sagen? Man kann es in einem Wort zusammenfassen – einem Wort, das sonst nie über ihre Lippen kommt: Diskriminierung. Gemäss nicht wissenschaftlich versicherter Information bei Wikipedia ist dies eine "Benachteiligung oder Herabwürdigung von Gruppen oder einzelnen Personen nach Maßgabe bestimmter Wertvorstellungen oder aufgrund unreflektierter, z. T. auch unbewusster Einstellungen, Vorurteile oder emotionaler Assoziationen". So geschehen im Hauptbahnhof unserer Heimatstadt Zürich. Ein Wunder, dass ihr trotzdem ein Swisspass ausgestellt wurde.

Ich glaube nicht, dass man mich als Online-Pessimist abstempeln kann. Kulturkritiker bin ich wohl. Und ich will meine Augen vor den Nebenwirkungen des konstanten Online-Seins nicht verschliessen. Erste Angebote zum Detoxing haben sich am "Markt" längst etabliert. Die Bücher über die negativen Auswirkungen füllen Regale. Meine Frau ist wieder einmal der Zeit hoffnungslos voraus. Sie gehört zur wachsenden Gruppe der bewussten, geistig und körperlich topfiten Offlinern. Ich könnte mir vorstellen, dass sich die Bahn-Beamtin vor dem Schlafengehen noch mit dem Streicheln ihrer Glastafel beruhigt hat. Meine Frau schläft störungsfrei.

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