Zitat der Woche: Eine ganz normale Woche im Leben von Johannes Calvin

Wann immer ich ein Glaubensvorbild studiere, stelle ich dasselbe fest: Lebenslanges Leid, starke Anfechtungen.

Am dritten September hatte ich schwere Kopfschmerzen, ein Übel, an welches ich mich schon so gewöhnt habe, dass es mir nichts mehr ausmacht. Am darauf folgenden Sonntag bemerkte ich, als es mir während meiner Mittagspredigt auf einmal warm wurde, dass die Säfte, welche meinen Kopf in Besitz genommen hatten, flüssig zu werden begannen. Noch bevor die Messe beendet war, bekam ich eine Erklärung, die mich bis zum Dienstag mit einem fortwährenden Schniefen plagte. Als ich an diesem Tag wie gewöhnlich predigte, wobei mir das Sprechen wirklich schwer fiel, da meine Nase durch den Strom von Säften verstopft wurde und die Heiserkeit in meinem Hals mich beinah würgte, fühlte ich auf einmal Schauer meinen Körper durchlaufen. Die Erkältung hörte auf, aber zu früh, da mein Kopf noch voll war mit den schädlichen Säften. Am Montag war nämlich etwas geschehen, das meine Galle sehr aufgewühlt hatte. Als unsere Dame, die ihrer Zunge immer öfter freien Lauf lässt, als es gut ist, meinen Bruder mit einem Schimpfwort bedachte, hatte dieser keine Lust mehr, sich solche Worte gefallen zu lassen. Er machte jedoch kein grosses Aufheben darum, sondern verliess in aller Ruhe das Haus und schwor, nicht mehr zurückzukehren, so lange diese Frau in meinem Haus weile. Als sie erkannte, dass das Weggehen meines Bruders mich schwer getroffen hatte, ging sie dann auch. Ihr Sohn blieb jedoch noch eine Weile bei uns wohnen. Nun habe ich die Angewohnheit, dass ich mich, wenn ein Ärgernis oder Angst mich aufgeregt haben, beim Essen gehen lasse und alles gieriger in mich hineinschlinge, als es sich ziemt. Da ich mir also beim Abendessen den Bauch mit zu viel und dann auch noch den falschen Speisen vollgeschlagen hatte, hatte ich am folgenden Morgen entsetzliche Magenschmerzen. Das Beste wäre gewesen, das zu tun, was ich in einer solchen Situation immer tue, nämlich fasten. Da ich jedoch nicht wollte, dass der Sohn denken würde, mein Fernbleiben von der Tafel wäre ein Kunstgriff, um auch ihn aus dem Haus zu bekommen, beschloss ich,  zu essen und meine Qualen zu ignorieren. Aber an dem Dienstag, als meine Erkältung – wie schon gesagt – aufhörte, wurde mir um neun Uhr, nach dem Abendessen plötzlich entsetzlich schwindelig. Ich liess mich ins Bett bringen. Daraufhin bekam ich einen heftigen Fieberanfall und verspürte eine grosse Hitze sowie ein seltsames Schwindelgefühl in meinem Kopf. Als ich am Mittwoch aufstehen wollte, war ich allen Gliedmassen derart geschwächt, dass ich zugeben musste, dass ich krank war. Am Mittag ass ich dann eine Kleinigkeit, aber nach dem Essen bekam ich wieder Schwindelgefühle. Danach bekam ich wieder Fieberschübe, jedoch unregelmässig, so dass ich keine bestimmte Art von Fieber feststellen liess. Ich schwitzte so stark, dass mein Kissen komplett durchnässt war. Als es mir so schlecht ging, erreichte mich dein Brief, aber ich konnte das, was du von mir wolltest, nicht tun, da ich keine drei Schritte gehen konnte. Schliesslich veränderte sich die Krankheit, welche auch immer es gewesen sein mag,, in ein Wechselfieber, das zwar anfangs sehr heftig war, mich danach jedoch weniger unbarmherzig quälte. Als ich zu genesen begann, war der Zeitpunkt, zu dem du mich eingeladen hattest, schon verstrichen. Ich hatte nicht genügend Kraft, um eine solche Reise überstehen zu können. (CO 11,84, zitiert in Herman Selderhuis, Johannes Calvin, Gütersloher Verlagshaus, 2009, S. 236-237)

Hier geht es zu meiner Rezension von Selderhuis.

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